"Wir waren die Band für alle Außenseiter"

"Wir waren die Band für alle Außenseiter"





25 Jahre Skunk Anansie

"Es gibt zwei Dinge, nach denen unsere Fans uns immer wieder gefragt haben", erklärt Skunk-Anansie-Sängerin Skin. "Das eine ist eine B-Seiten-Compilation - aber dem stelle ich mich vehement in den Weg, denn warum sollten wir unsere schwächsten Songs noch einmal veröffentlichen? Das andere ist ein Live-Album. Wir sind keine besonders nostalgische Band, aber wir dachten, zu unserem Jubiläum können wir jetzt ruhig mal zurückblicken." Mit "25Live@25" veröffentlicht die britische Rock-Band jetzt also tatsächlich ihre erste Live-Platte - 25 Jahre nach der Gründung, an die sich Skin (51) noch gut erinnert.

"Verdammt, war ich damals dünn!"

Wie eine Reise in die Vergangenheit wirken die Videos, die Skunk Anansie in den vergangenen Wochen zu den Songs "Weak", "Charlie Big Potato" und "Hedonism" veröffentlichten. Dafür durchstöberten sie ihre Archive und schnitten einige ihrer liebsten Live-Clips und Behind-The-Scenes-Aufnahmen zusammen. "Wenn ich diese Aufnahmen sehe, denke ich nur 'Verdammt, war ich damals dünn!'", lacht Skin. "Wir hatten viel Spaß damals. Den haben wir aber natürlich immer noch - auch wenn wir jetzt älter, weiser und ein bisschen dicker sind. Die Leute halten uns oft für eine sehr ernste und politische Band, aber das sind wir gar nicht. Wir waren schon immer ein bisschen frech und albern."

Skin, die bürgerlich Deborah Anne Dyer heißt, studierte zunächst Innendesign, bevor sie 1994 zusammen mit Gitarrist Martin "Ace" Kent und Bassist "Cass" Lewis die Band Skunk Anansie gründete. Ein Jahr später stieß Schlagzeuger Mark Richardson hinzu. Ihre berüchtigte Live-Präsenz bescherte der Band bereits nach ihrem zweiten Auftritt einen Plattenvertrag. Das Debütalbum "Paranoid & Sunburnt", eine wütende Rockplatte, erschien ein Jahr später, mitten zur Hochzeit des Britpop.

"In meinen Augen waren das weiße Jungs aus der Mittelklasse, die alle den gleichen Sound hatten", erinnert sich Skin. "Wir passten da überhaupt nicht rein. Wir kamen aus Kings Cross, dem völlig untrendigen, von Drogen und Prostitution beherrschten Arsch von London. Unsere Einflüsse waren amerikanische Bands wie Rage Against the Machine, Nirvana, Parliament-Funkadelic, Mother's Finest oder Jimi Hendrix." Skunk Anansie waren auch in ihrer Heimatstadt London von Anfang an Exoten, was dann auch zu einem Markenkern wurde. "Am Anfang dachten wir 'Scheiße, wir wollen auch in diesen TV-Shows auftreten und Presse bekommen' - aber dann merkten wir, dass wir eine Art Gegenpol, eine Alternative darstellten. Wir waren die Band für alle Außenseiter."

"Wir waren echt"

Unabhängig von Trends und Szenen formten Skunk Anansie ihren eigenen Sound, und dank der feministischen und antirassistischen Texte ihrer kahlköpfigen, bisexuellen Frontfrau stand die Band auch für Haltung. Als "Clit-Rock" ("Klitoris-Rock") bezeichnete Skin selbst einmal den Sound der Band. "Ich erlaubte mir einen Spaß", grinst sie. "Dass ich als schwarze, bisexuelle Frau in einer Rockband sang, passte dem Establishment und der Musikpresse überhaupt nicht. Weil sie es nicht kontrollieren konnten und es nicht verstanden. Aber unsere Fans liebten es. Weil wir nicht versuchten, irgendwie anders zu sein. Wir waren echt."

Skunk Anansie verkauften im Lauf ihrer Karriere über vier Millionen Alben, landeten zahlreiche Top-40-Singles und Top-10-Alben und teilten sich mit Künstlern wie David Bowie und U2 die Bühne. Sie tourten als erste internationale multi-ethnische Band durch Südafrika und waren Headliner auf dem legendären Glastonbury Festival. Und obwohl die Band zwischendurch acht Jahre lang auf Eis lag, während Skin eine Solokarriere startete - laut der Sängerin eine "wichtige Pause, denn die 90-er waren verrückt" -, sind Skunk Anansie 25 Jahre nach ihrer Gründung bestens in Form. Musikalische Trends kamen und gingen, doch Skunk Anansie blieben immer relevant.

2018 war Skin auf dem Cover der Sonderausgabe "She Rocks" des "Classic Rock"-Magazins zu sehen, außerdem wurde sie bei den "Women In Music"-Awards mit dem "Inspirational Artist Award" ausgezeichnet. Als die britische Singer/Songwriterin Nadine Shah ihr den Preis überreichte, ehrte sie der ganze Saal mit stehendem Beifall. "Es ist schön, Preise zu bekommen, aber dieser war etwas Besonderes, weil er von Frauen an Frauen geht", schwärmt Skin. "Was mir an dem Abend wieder einmal klar wurde: Frauen sind toll! Ich bin so sehr von Männern umgeben: Ich habe drei Brüder und spiele in einer Band voller Männer. Da vergisst man zwischendurch, wie wunderbar Frauen sind - wie viele intelligente und brillante Ideen, wie viel Produktivität und emotionale Stärke wir hervorbringen."

"Frauen werden zunehmend dafür akzeptiert, wenn sie anders sind"

Seit der Gründung von Skunk Anansie hat sich die Musiklandschaft zweifellos stark gewandelt. Inwieweit hat sich in Skins Augen die Rolle von Frauen in der Musiklandschaft verändert? "Die meisten erfolgreichen Frauen sind immer noch da, weil sie schön und sexy sind - aber diese Attitüde ändert sich langsam", antwortet sie. "Frauen werden zunehmend dafür akzeptiert, wenn sie anders sind. Sie werden dafür gelobt, dass sie ein bisschen dicker oder transsexuell sind. Es ist wundervoll zu sehen, wie die junge Generation einfach sie selbst ist."

Das Album "25Live@25" entstand während der letzten Skunk-Anasie-Tour durch Europa. "Wir haben tatsächlich die gesamte Tournee aufgenommen und wollten ursprünglich die besten Songs auswählen, doch am Ende haben wir nur die Aufnahme der letzten Show in Danzig verwendet", erläutert Skin. "Manchmal spielt man eine Show, bei der einfach alles richtig läuft, und an jenem Abend war das der Fall." Von der ersten Skunk-Anansie-Single "Selling Jesus" über den Song "Hedonism", mit dem Skin damals eine harte Trennung verarbeitete und der in ganz Europa zum Top-20-Hit avancierte, bis hin zu dem Stück "(Can't Get By) Without You" vom letzten Album "Anarchytecture" (2016) umfasst das Live-Album die gesamte Karriere der Band.

Zudem bekommen die Fans nun endlich jenes beeindruckende Live-Dokument, das sie sich so lange wünschten. Was passiert in Skin, wenn sie eine Bühne betritt? "Ich glaube, wenn man auf die Bühne geht, kommt ein Teil aus einem heraus, den man sonst nicht wirklich auslebt." Man werde ein "anderer Charakter" und eine "überspitzte Version seiner selbst". Darin sieht Skin auch etwas Reinigendes. "Was immer einen an dem Tag bedrückt hat, kann man auf der Bühne rauslassen. Man kann aggressiv sein, verletzlich, brutal oder gechillt. Auf der Bühne zu stehen ist wie ein Freifahrtschein."

Quelle: teleschau - der mediendienst