Caroline Peters im Interview

Caroline Peters im Interview





"Ich empfinde mein gesamtes Dasein infrage gestellt"

Mit starken Meinungen hält Caroline Peters nicht hinterm Berg. Deutliche Worte statt gefälliges Allerlei - so scheint das Ideal der 47-Jährigen auch im Gespräch in einem Berliner Luxushotel zu lauten. Worte, so klar wie ihr berüchtigter Bühnen-Blick, so präzise wie ihr Ausdruck vor der Kamera. Vielleicht liegt es am Wohnort der gebürtigen Mainzerin: Seit Jahren lebt die leidenschaftliche Theater- und Filmschauspielerin in Wien, wo sie dem Ensemble des weltbekannten Burgtheaters angehört und wo man dem Klischee nach die Dinge unmissverständlicher beim Namen nennt. So auch im aktuellen österreichischen Kinofilm "Womit haben wir das verdient?", in dem die hierzulande als "Mord mit Aussicht"-Star bekannt gewordene Peters eine atheistische Feministin gibt, deren Tochter zum Islam konvertiert. Was sie beim Dreh über die Religion lernte, was sie vom Kopftuch hält und welche alten Gewissheiten sie in Zeiten des Rechtsrucks über Bord werfen musste, verrät die Schauspielerin im Interview.

teleschau: Was hat der österreichische Humor, das der deutsche nicht hat?

Caroline Peters: Die Frage stelle ich mir so gar nicht. Deswegen habe ich auch keine Antwort darauf. Generell bin ich kein Feind des deutschen oder österreichischen Humors. Oft lese ich Drehbücher, über die ich herzlich lachen kann. Nur setzen sich diese oft nicht durch. Bei "Womit haben wir das verdient?" dachte ich auch erst: Das wird nicht finanziert! Wurde es dann in Österreich aber doch.

teleschau: Also doch eine andere Grundeinstellung?

Peters: Österreich ist für seine Größe eine tolle Filmnation. Da werden auch viele mitgezogen, gerade, weil die Szene nur so klein ist. Man prägt sich und kennt sich. Ich glaube aber, in Sachen Humor ist der aktuelle Film sowohl aus österreichischer als auch aus deutscher Sicht außergewöhnlich.

teleschau: Vielleicht liegt das auch an der politischen Grundstimmung des Films. Konnten Sie sich mit der Einstellung Ihrer Hauptfigur - einer toleranten Feministin, deren Tochter zum Islam übertritt - identifizieren?

Peters: Ja, total. Anders kann man das kaum spielen. Wenn man anders denkt, funktioniert das so nicht. Der Witz beruht ja darauf, dass tief empfundene Überzeugungen infrage gestellt werden. Darüber muss man aber kein Nazi werden, sondern lernen, darüber zu lachen.

teleschau: Gab es bei Ihnen auch schon Situationen, in denen Gewissheiten plötzlich nicht mehr gewiss waren?

Peters: Die gesamte Welt stellt meine Überzeugungen gerade tagtäglich infrage! (lacht) Man muss ja nur das Radio anmachen oder ins Internet gehen, um zu denken: Das kann alles nicht wahr sein, was sich gerade abspielt! Ich kann es nicht fassen, dass ich im postfaktischen Zeitalter lebe. Dass das so genannt wird und dass man das im Augenblick nicht ändern kann. Insofern: Ich empfinde mein gesamtes Dasein infrage gestellt.

teleschau: Befanden Sie sich, wie so viele, früher in einer Blase?

Peters: Ich lebte lange in Berlin-Mitte, da bewegt man sich schon in einer Art Blase. Gemeinsam mit Gleichaltrigen, mit denen man irgendwann Anfang, Mitte der 90er-Jahre in die Stadt zog. Da war alles immer gleich neu, neu, neu - und damit gleichbedeutend mit brillant und spitze. Als ich dann begann, mehr in Wien zu leben und zu arbeiten, wurde das anders.

teleschau: Inwiefern?

Peters: Neu bedeutet dort nicht immer gleich gut. Abwandlungen vom Alten funktionieren dort besser. Das hat mich schon umdenken lassen. Politisch gewaltig geändert hat sich das Geschehen aus meiner Sicht aber erst seit der Wahl von Donald Trump.

teleschau: Was änderte sich aus Ihrer Perspektive?

Peters: Erst gab es einen schwarzen Präsidenten. Und jahrelang sah es so aus, als würde sich alles weiter in Richtung Freiheiten und Toleranz entwickeln. Doch dann ging alles in die völlig andere Richtung.

"Es ist notwendig, über manche Dinge lachen zu können"

teleschau: Heißt das, der gepflegte Fortschrittsglaube war nur eine Illusion?

Peters: Das war eher ein Erfahrungswert. Wenn man aus meiner Generation kommt, wurde ja tatsächlich alles immer nur besser, größer und neuer. Ich machte Abitur und wurde 18, als die Mauer fiel. Danach schien sich jeden Tag alles zu bessern. Der Eiserne Vorhang und die Teilung Europas fielen weg - das war auch Teil meines Erwachsenenlebens: dass die Grenzen wegfielen, dass man keine Pässe mehr brauchte, dass der Euro eingeführt wurde. Alles wurde immer nur offener. Die Digitalisierung versprach Transparenz und Informationsfreiheit. Das war unsere Erfahrung - und jetzt zeigt sich, dass alles auch anders genutzt werden kann.

teleschau: Teilen Sie die Einschätzung, dass davon nur bestimmte Milieus profitierten?

Peters: Nein. Die Verbesserungen standen allen offen, das hat es für jeden gegeben. Die Frage war, wie man darauf reagierte. Wie einen das in unterschiedlicher Weise befriedigt, aufmuntert oder beängstigt. Es scheint, als grassierten Angst und Unsicherheit bei vielen. Nicht jeder nahm das Neue als ein Gefühl von Aufbruch wahr. Da muss man fragen: Ist das auch eine Angst, die man bewältigen kann?

teleschau: Viele sagen, mit der neuen Regierung habe die Angst auch in Österreich gesiegt. Da Sie in Wien leben: Haben Sie Veränderungen bemerkt?

Peters: Ja, vor allem, weil die mit einem Schlag 5.000 Polizisten eingestellt haben. Das ist ein anderer Alltag, das sieht anders aus auf den Straßen. Es ist merkwürdig. In mir löst das nicht das Gefühl von Sicherheit aus, eher mehr Angst. Das verunsichert eher, macht nervös.

teleschau: Können solche Zeiten eigentlich für die Kunst paradoxerweise fruchtbar sein?

Peters: Na ja, es gibt mehr Angriffsfläche. Aber will man denn immer angreifen? Will man nicht auch manchmal einfach unterhalten, Spaß haben oder etwas ganz Persönliches erzählen, das keinen größeren politischen Einfluss hat? Allerdings kann man das in Zeiten wie diesen wohl nicht mehr richtig trennen.

teleschau: Lenken sich denn heute die Leute angesichts unsicherer politischer Verhältnisse vermehrt mit Film und Fernsehen ab?

Peters: Ja, aber sie bleiben dafür zu Hause und schalten die Kiste an. Entweder das klassische Fernsehen oder die Streamingdienste - bei denen ich auch momentan das Gefühl habe, dass die zur Weltflucht dienen. Man kann darin stundenlang versinken, der Stoff hört nicht auf, und man muss nicht mehr in die Realität hinausgehen.

teleschau: Wie sieht es mit dem Genre Komödie aus - eher eine Flucht oder hierzulande unterrepräsentiert?

Peters: Ich finde gut, dass auch die deutschsprachige Komödie augenscheinlich mittlerweile als Vehikel für Themen entdeckt wird, über die man vortrefflich streiten kann. Zudem glaube ich, dass es notwendig ist, über manche Dinge lachen zu können.

"Ich war noch nie in einer Moschee, kenne niemanden islamischen Glaubens"

teleschau: Insbesondere über die Auseinandersetzung mit dem Islam wie in Ihrem aktuellen Film?

Peters: Das betrifft erst mal alle Themen. Man wird überrascht, das ist die leichteste Art, Dinge zu thematisieren, zuzuhören. In "Womit haben wir das verdient?" wird ja vor allem behandelt, wie der Islam in unseren Leben vorkommt. Wie wenig wir darüber wissen. Wie wenig das, was wir in den Nachrichten hören, mit der Realität von Moslems in unserer Gesellschaft zu tun hat.

teleschau: Was wussten Sie persönlich denn vor dem Dreh über den Islam?

Peters: Eigentlich nichts. Das, was man so aus dem Radio und Fernsehen weiß. Und das ist wirklich gar nichts. Ich war noch nie in einer Moschee, kenne niemanden islamischen Glaubens. Regisseurin und Drehbuchautorin Eva Spreitzhofer hat enorm viel recherchiert und uns mit diesen ganzen Dingen immer wieder gefüttert. Zudem hatten wir eine Beraterin am Set, die früher selbst Salafistin war, inzwischen aber das Kopftuch abgelegt hat. Die ist Religionslehrerin in der islamischen Gemeinde in Wien und denkt sehr viel darüber nach, wie der Islam gut in unsere Welt passen kann.

teleschau: Was haben Sie dabei gelernt?

Peters: Dass es eine ganz normale Religion ist. Und nicht irgendein Extremismus von irgendwelchen Arschlöchern, die uns alle fertigmachen wollen. Eine Religion, die eng mit Christentum und Judentum verwoben ist und mit der man sich ruhig mal auseinandersetzen kann.

teleschau: Das Kopftuch spielt eine zentrale Rolle im Film - haben sich Ihre Ansichten dazu geändert?

Peters: Ich stellte mir vorher die Kopftuchfrage ehrlich gesagt gar nicht. Da dachte ich nicht drüber nach. Ich lernte, dass Tausende Muslimas ohne Kopftuch herumlaufen, nur, dass man die nicht erkennt. Ich lernte aber auch, dass ein "Was soll's?" auch nicht ganz die richtige Haltung ist.

teleschau: Sondern?

Peters: Ich möchte mich nicht angegriffen dafür fühlen, dass ich kein Kopftuch tragen will. Dass ich ein anderes Modell bevorzuge, wie Frauen in der Welt stehen sollten. Und dass das weit davon entfernt ist, komplett verhüllt zu sein, um Männern keine Angriffsfläche für sexuelle Fantasien zu bieten. Das finde ich alles Wahnsinn. Ich halte das aber nicht für Religion.

"Wo ist man zu autoritär, wo ist man zu wenig autoritär?"

teleschau: Wofür halten Sie es?

Peters: Für eine Herrschaftsstruktur, mit der man sich im Namen der Religion bewaffnet. Es ist nicht rassistisch zu sagen, dass ich dieses Frauenbild extrem frauenfeindlich finde. Darüber muss man diskutieren. Ich möchte nicht, dass in der Umwelt, in der ich lebe, so getan wird, als wäre das okay. Toleranz ja - aber Menschen verachten oder gar verstümmeln - nein.

teleschau: Und zugleich ist es ein Dilemma der Linksliberalen, das der Film schön aufzeigt.

Peters: Wie weit gehst du, wenn du anderen einerseits immer Toleranz predigst, anderen aber auch sagst: So könnt ihr euch nicht verhalten! Das ist ein Konflikt, den diese Menschen, zu denen ich mich auch zähle, haben. Wo ist man zu autoritär, wo ist man zu wenig autoritär? Das ist schwierig, weil man immer schnell mit Totschlagargumenten wie "Das ist rassistisch" oder "Du bist religionsfeindlich" ankommen kann. Dabei geht es doch nicht darum, wie man seine eigene Lebensart anderen aufdrängen kann, sondern wie man gut zusammenlebt.

Quelle: teleschau - der mediendienst