Marianne Sägebrecht im Porträt

Marianne Sägebrecht im Porträt





"Ich bin dein Malkasten, und du nimmst dir die Farben"

Man merkt schnell: Das wird jetzt eine ganz andere Nummer, ein besonderer Termin. Denn bevor man Marianne Sägebrecht beim Interview überhaupt die erste Frage stellen kann, legt sie direkt selbst los. Und wie! Die Schauspielerin plaudert in rasender Geschwindigkeit über ihren Anfahrtsweg, die Wohnungsnot in München und mit besonderer Leidenschaft auch über ein riesiges Bauprojekt in Detroit. Darüber habe sie sich eine TV-Dokumentation angesehen, lässt sie wissen, und nun möchte sie unbedingt selbst hinreisen. Zweifel daran, dass sie diese Reise auch unternimmt, bestehen nicht, denn diese 73-Jährige sprüht vor Energie und präsentiert im Gespräch beinahe ohne Pause eigene Gedanken und Geschichten. Eine Frage kann sie da schon mal überhören, am liesten stellt sie sowieso selbst immer wieder mit großem Enthusiasmus Rückfragen.

"Fotografen und Journalisten schauen mich immer verwundert an, wenn ich ihnen eine Gegenfrage stelle", lacht Marianne Sägebrecht, wenn sie auf diese Eigenart angesprochen wird. "Ein Interview ist immer ein Gespräch, und es ist schön, wenn dieses mit gegenseitigem Respekt geführt wird", findet sie. Auch wenn sie alles andere als abgebrüht wirkt, unglaublich viel Erfahrung mit den Medien hat Marianne Sägebrecht natürlich. Immerhin ist sie seit 1974 in Film und Fernsehen zu sehen. Bereits nach Percy Adlons "Die Schaukel" (1983) erlebte die gebürtige Starenbergerin ihren legendären Durchbruch. Missverstanden, so sagt sie, wurde sie troz aller Medienerfahrung schon öfters von der Presse - erst kürzlich wieder: "Da haben sie geschrieben, ich hätte 40 Jahre lang keinen Sex gehabt. Das habe ich so nie gesagt. Seit 40 Jahren lebe ich nach meiner Trennung vom Vater meiner Tochter alleinstehend, geborgen in treuen Freundschaften, eingebettet in den schützenden Schoß meiner Familie. Sexualität erlebe ich nur im Beisein von seelischer Einbindung." Zu schwer scheint sie jenes Schlagzeile gewordene Missverständnis aber nicht zu nehmen, jedenfalls hindert die Erfahrung den sympathischen "Out of Rosenheim"-Star auch keineswegs daran, weiterhin über sein Privatleben zu plaudern.

Die eigene Lebenserfahrung dürfte Marianne Sägebrecht auch bei ihrer neuen Rolle in "Bier Royal" geholfen haben, immerhin geht es in der durchaus anspruchsvollen Komödie um eine große Patchwork-Familie. Im ZDF-Zweiteiler (Montag, 28. Januar, und Mittwoch, 30. Januar, jeweils 20.15 Uhr, ZDF) tobt ein erbitterter Erbstreit zwischen der zweiten Frau und der Tochter aus erster Ehe eines Brauereibesitzers. Sie zanken über Geld und die Firma, werden von der Presse belagert und müssen sich privat mit den jeweils eigenen Problemen im Liebes- und Familienleben auseinandersetzen. Doch egal, wie sehr sie sich streiten, am Ende bleiben sie eine große Patchwork-Familie, die zusammenhält. Als ehemaliges Kindermädchen und Hausmädchen Rosa ist Marianne Sägebrecht die gute Seele des illustren Clans.

Familie vor Karriere

Ist Patchwork also die Zukunft? - "Absolut", findet Marianne Sägebrecht. 1976 ließ sie sich scheiden und hat danach stets alles darangesetzt, eine funktionierende Großfamilie zu leiten. Wie das damals war und welche Schlüsse sie zog, verrät sie unumwunden. "Ich rate immer: Lass die Wut ausdampfen und übertrage sie nicht auf deine Kinder. Das ist leicht gesagt und schwer getan, weil man eine verletzte Seele hat und die neue Partnerin sieht und gekränkt ist. Aber es ist der Schlüssel." Ihr Exmann, so sagt sie, sei "vom Schöpfer als der Vater meiner Tochter" ausgewählt, doch damals habe er noch nicht ihre philosophischen Gedanken verstanden, erklärt sie. Man müsse nach der Trennung immer noch gut miteinander, aber vor allem auch mit der nächsten Familie, umgehen.

Für die Familie ließ die ehemalige Wirtin einer Schwabinger Künstlerkneipe einst die große Karriere in Hollywood sausen: In "Der Rosenkrieg" aus dem Jahr 1989 war sie neben Danny DeVito und Michael Douglas zu sehen. Von Letzterem schwärmt sie noch heute: "Michael und ich haben ein gutes Bruder-Schwester-Verhältnis gefunden." Sie würden oft telefonieren und sich auch treffen, wenn es sich gerade anbietet. Und auch die Arbeitsweise in den USA schätzt die Schauspielerin: "In Amerika gibt es eine hohe Disziplin und eine hohe social correctness." Doch was ist mit #metoo? Marianne Sägebrecht differenziert in der ihr eigenen Ausdrucksweise: "Ich mache jetzt keine große Sache mehr draus, das war eine wichtige Katharsis für den Umgang mit Frauen in der Gesellschaft. Aber man muss sagen, in den Studios: 'No way!' Was außerhalb in irgendeinem Hotel passieren mag, ist eine andere Sache, aber am Set oder in den Studios kann gar nichts passiert sein."

Angesprochen darauf, ob sie sich jemals gewünscht habe, dass sie ihre Entscheidung Hollywood zu verlassen, nicht getroffen hätte, antwortet sie knackig: "Ich bereue keine Sekunde!"

Nichts scheint diese Marianne Sägebrecht von ihrer inneren Ruhe und ihrer Entschlossenheit abzubringen. Viele aber, so meint sie, neiden ihr die damalige Karrierechance und verstünden nicht, dass sie sie nicht wahrgenommen habe. Die Mutter einer Tochter sagt: "Es gibt Kollegen, die wollten immer rüber, und es hat sich nicht ergeben. Ich sage aber immer: 'Jammere mir nicht die Ohren voll.' Wenn man sieht, wie in Hollywood Menschen für ihren Traum kämpfen, ist das einfach etwas anderes. Die kellnern, babysitten oder jobben anderweitig nebenher, um dann eine kleine Rolle zu ergattern."

"Meine Tochter macht das Sekretariat"

Dabei könnten wohl viele eine Menge von Marianne Sägebrecht lernen. Schon ihre Herangehensweise an die Rollen zeugt von einer ganz besonderen Hingabe: "Ich gebe den Regisseuren kurz vor Arbeitsbeginn immer einen Pinsel und sage: Ich bin dein Malkasten, und du nimmst dir die Farben, die du brauchst, dann wird das eine schöne Sache." Eine Agentur, verrät die Schauspielerin, brauche sie schon lange nicht mehr, um an Rollen zu kommen. "Ich habe einen Anwalt, und zwar den besten. Meine Tochter macht das Sekretariat. Alles andere bestimme ich selbst, wenn ein Angebot vorliegt."

Und was kommt als Nächstes? Vielleicht noch mal ein Hollywood-Streifen? "Mal sehen, so was ergibt sich alles", meint sie vollkommen gelassen. Erst einmal steht eine Reise nach Suriname auf dem Programm - mit Zwischenstop in Detroit, genau, das Bauprojekt vom Anfang. Dort hätten junge Menschen viel Land zurückgekauft, und anstatt es mit luxuriösen Häusern zu bestücken und teuer zu vermieten, stellt man nun Künstlern günstig Ateliers zur Verfügung. Auf einem anderen Teil des Grundes wird Gemüse und Getreide angebaut. Sie findet das großartig und muss sich das jetzt unbedingt selbst ansehen, strahlt Marianne Sägebrecht vor Vorfreude.

Na, dann: Auf eine weitere Reise, von der Marianne Sägebrecht wahrscheinlich mit vielen neuen Denkanstößen, Ideen, Eindrücken und spannenden Geschichten in ihre bayerische Heimat zurückkommt. Auch neue Ideen, die sich auf München übertragen lassen? Wer weiß. Schließlich tobt hier die Wohnungsnot, was Marianne Sägebrecht nach eigener Aussage keine Ruhe lässt. Passioniert erzählt die Künstlerin, dass sie selbst 18 Jahre lang in der Kaulbachstraße am Englischen Garten im Herzen der Isarmetropole wohnte. Doch dann verstarb ihre Mutter. "Da haben sie mir angeboten, die Wohnung zu übernehmen, doch statt 900 Mark im Monat sollte ich plötzlich 2.600 zahlen", erinnert sie sich kopfschüttelnd. Scheinbar macht sie das immer noch fassungslos. Trotzdem schaut diese sowieso unerschütterliche Frau optimistisch in die Zukunft, denn: "Jetzt bewegt sich was!" Und Marianne Sägebrecht will da natürlich dabei sein.

Quelle: teleschau - der mediendienst