Was hat dich bloß so ruiniert?

Was hat dich bloß so ruiniert?





Beautiful Boy

Nicht Krankheiten, Verkehrsunfälle oder Schusswaffen sind in den USA die häufigste Todesursache bei Menschen unter 50. Sondern Drogen. Mehr als 72.000 Menschen starben dort letztes Jahr an einer Überdosis - das sind fast 200 pro Tag. Der von Richard Nixon vor über 40 Jahren ausgerufene "War on Drugs" kann als grandios gescheitert bezeichnet werden. Doch nicht nur "Klassiker" wie Heroin machen heute Sorgen, vor allem Medikamente wie das opioide Schmerzmittel Fentanyl haben ihren Anteil an den erschreckenden Zahlen. Das Drama "Beautiful Boy" von Regisseur Felix van Groeningen, der mit "The Broken Circle" (2013) für einen Oscar nominiert war, zeigt nun anhand eines Einzelschicksals, was der gescheiterte Kampf gegen die Drogen für den Alltag amerikanischer Familien bedeutet.

"Je mehr ich nehme, desto mehr schäme ich mich"

Nic (Timothée Chalamet) ist kein Junge, bei dem man schon früh den Verdacht hegte, dass er einmal Probleme machen würde. Er ist der Sohn von David Sheff (Steve Carell), einem liebevollen Vater, der mit seiner zweiten Frau (Maura Tierney) und zwei weiteren Kindern in einem schicken Haus wohnt und genug verdient, um seiner Familie ein angenehmes Leben zu ermöglichen. Doch trotz allem hat sich Steves intelligenter Sohn, den er als sein "Ein und Alles" bezeichnet, nicht zu einem strebsamen jungen Mann entwickelt, dessen größte Probleme Liebeskummer und College-Stress sind. David muss sich irgendwann eingestehen, dass Nic drogenabhängig ist. Und er fragt sich, was er falsch gemacht hat. Die Antwort darauf ist wohl das Deprimierendste an diesem Film: absolut nichts.

David will seinen Sohn nicht aufgeben, auch wenn Nic bisweilen Verstörendes von sich gibt. Etwa, dass Crystal Meth wie Kokain sei - "nur zehntausend Mal besser". Nic lügt seinen Vater an, macht seiner Stiefmutter, die er eigentlich liebt, viel Kummer, und er sorgt dafür, dass sein kleiner Halbbruder Dinge sagt, die man eigentlich nur von Erwachsenen erwarten würde: "Ist Nic etwa wieder drogenabhängig?", fragt der einmal. Als Nic in ein Krankenhaus eingeliefert wird, wiegt er bei einer Größe von 1,80 Meter gerade einmal knapp 60 Kilo. In sein Tagebuch schreibt er: "Je mehr ich nehme, desto mehr schäme ich mich. Um das zu verdrängen, nehme ich noch mehr."

Golden-Globe-Nominierung für Timothée Chalamet

Immer wieder nimmt sich "Beautiful Boy" aber auch die Zeit, zurückzublicken in die Vergangenheit. Man lernt Nic als einen liebenswerten Jungen kennen, der gern mit seinem Vater zum Surfen ging, sich für Musik und Literatur interessierte und vor Freude aus dem Häuschen war, als man ihm seinen kleinen Bruder als Säugling in den Arm legte. Als Zuschauer versucht man verzweifelt, einen Hinweis darauf zu finden, wann alles angefangen hat, wie man Nics Drogensucht hätte verhindern können. Doch wirklich fündig wird man nicht.

Felix van Groeningens Drama beruht auf David Sheffs Memoiren "Beautiful Boy: A Father's Journey Through His Son's Addiction" und auf denen seines Sohnes Nic, "Tweak: Growing Up on Methamphetamines". Die Verfilmung "Beautiful Boy" schafft es, das Thema Drogenabhängigkeit für Nichtbetroffene greifbarer zu machen, auch wenn der Film hier und da erzählerische Schwächen hat.

Die herausragenden Leistungen von Steve Carell und Timothée Chalamet (er wurde für einen Golden Globe nominiert) sorgen zum Glück dafür, dass "Beautiful Boy" trotzdem einen starken Eindruck hinterlässt. Man spürt förmlich, wie das Herz des Vaters jedes Mal ein wenig mehr auseinanderbricht, wenn sein Sohn ihn anlügt oder dem Tod noch einmal von der Schippe springt. Am Ende bleibt nur die Hoffnung darauf, dass die Abhängigkeit den Jungen nicht umbringt, dass er zurück ins Leben findet. Und es bleibt die Erkenntnis, dass auch Eltern ihre Kinder nicht vor allem beschützen können. So wie John Lennon es einst in dem Song "Beautiful Boy" für seinen Sohn sang: "Schließ' deine Augen, hab keine Angst, das Monster ist weg, weggelaufen - und dein Vater ist hier." Doch manche Monster sind selbst für einen Vater zu stark.

Quelle: teleschau - der mediendienst