The BossHoss

The BossHoss





"Man darf uns nicht als Fernsehnasen wahrnehmen"

Zwischen Plattenbau und Spielhallen versprüht das BossHoss-Hauptquartier von außen hübsch morbiden Ostberlin-Charme. Ganz anders die Welt innen, bestehend aus Western-Interieur, Bar und großzügigen Studios. Seit fast 15 Jahren stricken Alec Völkel und Sascha Vollmer von hier aus an ihrem Durchmarsch, den sie auch "The Voice" verdanken. Als Coaches der Castingshow leisteten die Countrypopper ab 2011 Pionierarbeit - und wurden mit Mainstreamerfolg belohnt. Auf eine mehrjährige Fernsehpause folgte 2017 mit "Sing meinen Song" das TV-Comeback und nun, zum Album "Black Is Beautiful", auch jenes auf dem "Voice"-Sessel. Sogar doppelt: Ab Sonntag, 23.12. (20.15 Uhr, SAT.1), suchen The BossHoss im neuen Ableger "The Voice Senior" nach reifen Talenten, 2019 folgt die Premiere bei "The Voice Kids". Wie die Sendung sie prägte und wie sich das Musikgeschäft aus ihrer Sicht ändert, erklären die beiden Mittvierziger im Interview.

teleschau: Bei "The Voice Senior" hängen einige Musiker ihrem alten Traum vom Starsein nach. Wann stand für Sie fest, dass The BossHoss es schaffen würden?

Alec Völkel: Wir waren ja damals schon Anfang 30. Der richtige Traum, mit einer Band Platten verkaufen, auf Tour gehen und davon leben können, war ja eigentlich schon abgehakt. Dass deine Band wirklich was reißt, ist eben schwer. Ich glaube, das war auch die letzte Zeit, in der so was möglich war. Heute ginge das wohl nicht mehr. Wir konnten noch die ersten Jahre abgreifen, in denen der Tonträgermarkt stabil funktionierte. Heute hast du es ja als Newcomer ultraschwer.

Sascha Vollmer: Früher hast du als Newcomer 20.000 Platten verkauft. Das Publikum funktionierte auch anders, da hat man sich für Autofahrten erst mal die CDs zusammengesucht. Muss man heute ja nicht mehr, Musikstreaming ist hochkomfortabel und wird sich auch komplett durchsetzen.

teleschau: Die Musikbranche wird sich also Ihrer Ansicht nach noch mehr verändern?

Völkel: Ich würde behaupten, dass es in zehn Jahren keine großen Labels mehr gibt. Die Bands brauchen die dann nicht mehr. Aber einfacher wird es auch nicht, sich in der Masse an frei verfügbarer Musik durchzusetzen.

Vollmer: Welche junge Band, die nur im Streaming stattfindet und ein paar Konzerte spielt, kann sich das denn noch leisten? Bei 20.000 Streams hast du gerade mal dein Auto vollgetankt, um zum Gig zu kommen. Brotlos trifft es für den Nachwuchst definitiv. Es gibt keine Deals mehr mit Plattenfirmen, die dir einen Vorschuss gewähren.

teleschau: Lief es bei Ihnen leichter?

Völkel: Na ja. Zuerst waren wir auch bei einem Management, das uns beschissen hat. Das waren Lehrjahre, das passiert vielen Künstlern. Da brauchst du jemanden, der alles für dich lenkt - und der nutzt das dann knallhart aus. Und wir standen ohne Kohle da.

teleschau: Wie reagierten Sie?

Völkel: Sascha und ich haben einen Kredit von 100.000 Euro aufgenommen, um zu Rock am Ring und Rock im Park fahren zu können. Und dann wurden wir irgendwann autark, haben nebenher eine Produktionsfirma und Managementagentur, betreuen andere Bands. Und BossHoss wurde natürlich ziemlich schnell ein Selbstläufer.

Vollmer: Wir wurden dann von Jahr zu Jahr erfolgreicher, hatten schnell Gold und Platin und eine fette Fanbase.

teleschau: Hatten Sie eigentlich schon früh eine bestimmte Zielgruppe - Country-Fans zum Beispiel?

Völkel: Die echten Country-Fans machen bei uns sicher nicht mal ein Prozent aus. BossHoss sind schon Mainstream. Weil sich unsere Musik vom Rest abhebt und trotzdem Spaß macht. Aber klar: Unsere Zielgruppe ist ein bisschen älter. Wir sind, ebenso wie unsere Fans, noch anders großgeworden, sind nicht so streamingaffin wie die Teenager. Die sind eher oldschooliger, und schauen auch noch Fernsehen, was uns natürlich in die Hände spielt. Das ist für uns immer noch die stärkste Promo-Plattform überhaupt.

teleschau: Was glauben Sie, wäre ohne "The Voice" aus The BossHoss geworden?

Vollmer: Vielleicht wären wir nicht so sehr im Mainstream gelandet, aber hätten dafür eine treuere Indie-Base.

Völkel: Schwer zu sagen. Wahrscheinlich wären wir nicht so groß, wie wir es jetzt sind. "The Voice" hat uns sicher noch mal dreimal so viele Fans verschafft. Vor Staffel eins kannten uns ja nur die BossHoss-Fans. Durch die TV-Kiste ging das durch die Decke.

teleschau: Gab es von Ihren Fans damals auch negative Reaktionen auf die "Voice"-Teilnahme?

Vollmer: Gab es natürlich auch. Egal, was du machst, zieht auch negative Kommentare auf sich. Wir waren uns ja auch nicht sicher, ob das nicht nach hinten losgeht. Eine Castingshow ist ja schon heikel. Dann hat natürlich diese Breitseite an Mainstream-Präsenz viele vertrieben, die sich nischig und undergroundig für uns interessierten. Dafür erreichten wir viele neue Menschen.

Völkel: Manche kritisieren, dass wir jetzt in den großen Hallen spielen. Es gibt immer welche, die per se motzen.

teleschau: Glauben Sie, die "The Voice"-Teilnahme hat Sie als Musiker verändert?

Völkel: Bei "The Voice" treten wir ja immer als Boss und Hoss auf. Wir gehen dort immer als Bandleader hin, als Musiker - wie auch bei "Sing meinen Song". Musikalisch entwickeln wir uns ohnehin von Album zu Album, unabhängig vom TV. Wir sitzen nicht da und überlegen, dass unsere Musik fürs Fernsehen jetzt freundlicher oder gefälliger sein muss.

teleschau: Gab es bisweilen Bedenken, dass Sie zu viel im Fernsehen zu sehen waren?

Vollmer: Wir achten darauf, dass es nicht Überhand nimmt. Deshalb hörten wir auch immer mal wieder auf. Nach den ersten drei Staffeln dachten wir, dass uns die Leute inzwischen mehr über "The Voice" als über unsere Musik kannten. Das war an der Grenze und richtig, zu diesem Zeitpunkt aufzuhören. Es muss immer ein Gleichgewicht herrschen zwischen der Band und der Promo. Man darf uns nicht als Fernsehnasen wahrnehmen.

Völkel: Man muss keinen Hehl draus machen: Wir gehen ins TV, um die Band zu promoten. Wenn das Zeitfenster, so wie jetzt "The Voice Senior" und "The Voice Kids" passt, ist das natürlich perfekt. Das Fernsehding haben wir nie gemacht, weil uns langweilig ist. Wir wollen den Leuten unsere neue Platte und unsere Tour nahebringen.

Vollmer: Für "The Voice Senior" und "The Voice Kids" haben wir uns auch diese Frage gestellt. Nach dem Motto: Wir waren eine Zeitlang weg, haben Pause gemacht, seit zwei Jahren keine Liveshow gespielt. Jetzt wollen wir aber wieder raus, Album machen und auf Tour gehen. Und um das zu kommunizieren, nutzen wir auch wieder diese Plattform. Um wieder ins Gespräch zu kommen. Auch für neue Zielgruppen. Die Kids kennen BossHoss von ihren Daddys. Es ist clever, dass wir da schon stattfinden.

teleschau: Wie schaut es bei den älteren Semestern von "The Voice Senior" aus?

Völkel: Bei "The Voice Senior" hat es uns natürlich auch gereizt, etwas Neues zu machen. Erst fragt man sich, ob das mit den Senioren funktionieren kann. Jetzt sind wir aber ziemlich begeistert davon. Da treten supercoole Leute auf. Musikalisch sind die wesentlich abwechslungsreicher. Das hat uns auch überrascht.

teleschau: Inwiefern?

Völkel: Wir dachten, nicht dass da nur so Roland-Kaiser-Leute kommen. In Wirklichkeit hast du sogar bei der normalen "Voice"-Sendung mehr Kandidaten, die Schlager singen. Bei den Senioren war von Rock'n'Roll und 70s-Rock über Chansons und Frank Sinatra bis hin zu Latino-Klängen alles dabei. Das war erfrischend. Egal ob die 80-jährige Diva oder der 60-jährige Wacken-Metaller. Das war ne geile Bandbreite.

teleschau: Was ist bei den Kids und den Senioren der größte Unterschied zur "Voice"-Hauptsendung?

Völkel: Beide sind wesentlich entspannter. Da ist der große Traum einfach, auf einer Bühne zu stehen. Die Kids, weil sie mal die Großen imitieren wollen, und die Älteren, weil sie zum Beispiel das ganze Leben nur nebenher Musik gemacht haben. Einfach mehr Spaß am Singen und an der Musik. Bei den Adults merkt man den Wunsch nach einer Karriere schon mehr. Popstar zu werden.

teleschau: Kommt das bei den Kids nicht auch schon vor, etwa durch ehrgeizige Eltern?

Vollmer: Da wird schon bei der Vorauswahl extrem drauf geachtet, dass man nicht die krassen Eiskunstlaufeltern mit reinholt. Man ist sehr hinterher, dass nichts Dergleichen stattfindet, weil das sonst das ganze Format zerschießen würde. Es sind Psychologen und Betreuer und Erzieher vor Ort; auch sind die Kids immer beschäftigt. Sobald sich Eltern vordrängen, wird das sofort gecancelt.

Völkel: Auch auf die Motivation der Kinder wird geschaut. Wenn man merkt, dass das Kind eventuell in eine Krise geraten könnte, wenn es nichts wird, dann rät man davon auch ab. Das machen die gut und das ist auch wichtig. Zunächst haben wir uns Gedanken gemacht, ob so ein Kids-Format wirklich sein muss. Schließlich sind wir selbst Eltern - und haben keinen Bock auf Kinder unter Leistungsdruck. Aber die Kids bei "The Voice" haben wirklich sehr viel Spaß. Das ist keine Kaderschule.

teleschau: Gelten Sie bei Ihren Mit-Coaches eigentlich als Pioniere der Sendung?

Völkel: Alle haben alle viel Erfahrung mit dem Format. Das war insbesondere bei der Senior-Ausgabe wichtig, weil so alle wissen, worauf sie sich einlassen. Man muss ja auch erstmal als Coach damit umgehen lernen.

teleschau: Werden Sie noch als BossHoss zu sehen sein, wenn Sie selbst 75 und Senioren sind?

Völkel: Erst mal muss die Gesundheit halten. Wenn wir dann noch Spaß dran haben, miteinander noch können und die Leute noch Bock auf BossHoss haben - dann steht dem nix im Wege. Ich mein, man schaue sich Udo Lindenberg an. Der hat seine beste Zeit im hohen Alter.

Vollmer: Die Stones sind auch ein gutes Beispiel: Die müssten das ja nicht machen, kohlemäßig oder so. Denen kauf ich ab, dass die das wollen. Es gibt aber natürlich auch andere Beispiele von Leuten, die lieber im Fernsehsessel sitzen würden, aber auf die Bühne müssen, weil die Kohle knapp wird.

Völkel: Das A und O wäre, nicht aus wirtschaftlicher Not noch bei einer Autohauseröffnung zu spielen. Das ist hart.

Quelle: teleschau - der mediendienst