Anne Gesthuysen

Anne Gesthuysen





Was wir zum Ende des Lebens tun müssen

2012 veröffentlichte die langjährige ARD-Morgenmagazin-Moderatorin Anne Gesthuysen ihren Roman "Wir sind doch Schwestern". Das Werk beschäftigt sich mit dem Leben ihrer Großtanten: drei Schwestern vom Niederrhein, wo auch Gesthuysen aufwuchs, die um die 100 Jahre alt wurden. Das lange Leben der Tanten hatte neben kleinen Freuden auch große Enttäuschungen und Zerwürfnisse zu bieten. Krisen, die bearbeitet werden mussten. Gesthuysens Debüt als Schriftstellerin traf einen Nerv. Nun ist der Bestseller unter seinem Romantitel verfilmt worden (Samstag, 22.12., 20.15 Uhr, ARD). Im Gespräch verrät die 49-jährige Ehefrau Frank Plasbergs, was wir für unser Glück im Alter tun können und wie sie sich ihren eigenen Lebensabend vorstellt.

teleschau: Frau Gesthuysen, als Sie "Wir sind doch Schwestern" geschrieben haben, moderierten Sie noch das ARD-Morgenmagazin. Und Sie hatten ein neugeborenes Baby. Wie schafft man so was?

Anne Gesthuysen: Mit dem Roman hatte ich angefangen, bevor mein Sohn auf der Welt war. 2009 habe ich zu schreiben begonnen, seit 2011 bin ich Mutter. Aber es stimmt schon, dass es damals sehr viel war. Ich würde das heute nicht mehr schaffen, glaube ich (lacht).

teleschau: Sie sagten mal, dass es immer ein Kindheitstraum von Ihnen war, einen Roman zu schreiben. Warum haben Sie so lange damit gewartet, sich diesen Traum zu erfüllen?

Anne Gesthuysen: Weil ich dachte, dass ich das nicht kann. Ich war Journalistin, Fernsehmoderatorin. Da ist man auf kurz und prägnant geeicht. Bloß nicht zuviel! Das ganze Ausschmücken ist verpönt, gerade beim Fernsehen. Irgendwann erzählte ich mal auf der Geburtstagsparty von Christine Westermann eine Geschichte aus meiner eigenen Familie. Das hatte eine Lektorin des Verlages Kiepenheuer und Witsch mitbekommen - und sie sprach mich daraufhin an.

teleschau: Welche Anekdote war es, die so interessant schien, dass man daraus einen Roman machen wollte?

Anne Gesthuysen: Es ging um einen alten Aktenordner aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, den ich im Nachlass meines Vaters gefunden habe. Er enthielt die Dokumente einer Scheidung. Scheidungen waren Ende der 40er-Jahre eine Leumunds-Angelegenheit. Es wurden vor Gericht sehr viele Zeugen gehört, die aus heutiger Sicht geradezu lächerliche Fragen zum moralischen Verhalten der Beteiligten beantworten mussten. Damals ging es vor allem um die Frage: Wer trägt die Schuld an der Zerrüttung der Ehe?

teleschau: In "Wir sind doch Schwestern" haben Sie aus Familienmitgliedern Romanfiguren gemacht, heißt es. Sie erzählt von drei Schwestern. War Ihre Oma dabei?

Anne Gesthuysen: Es gibt Großtanten, die sind Urbilder für die Romanfiguren. Aber auch meine Großmutter spielt in dem Buch eine Rolle, wenn man so will, als Schwägerin der Schwestern.

teleschau: Worum geht es in Ihrem Roman abseits der Geschichten eines langen Lebens? Gibt es ein Grundmotiv, das Sie bearbeiten wollten?

Anne Gesthuysen: Ich empfinde mich als Geschichtenerzählerin. Im Vordergrund steht daher erstmal die Geschichte. Aber natürlich ist ein großes Thema, wie Frauen ohne Männer durch das letzte Jahrhundert gekommen sind. Ein Jahrhundert mit Kriegen und mit wenig Rechten und Möglichkeiten zur Selbstentfaltung - vor allem für Frauen. Wie kann man da sein Leben meistern oder gar sein Glück finden?

teleschau: Von Glück und Selbstverwirklichung sind Ihre Figuren, drei alte Schwestern, weit entfernt. Oder?

Anne Gesthuysen: Wenn man es mit heutigen, emanzipierten Maßstäben misst, ja. Aber man kann ja auch Glück erleben, wenn sich die Lebensträume nicht erfüllt haben. Hiltrud, die im Roman 100 Jahre alt wird, wollte eigentlich eine Familie mit dem Mann, den sie liebte. Der Erste Weltkrieg hat ihr das genommen. Später machte Sie eine damals erstaunliche Karriere als Schuldirektorin. Sie hatte aber nie mehr eine Familie. Im Buch geht es um jene seltsamen Wege, die das Leben nimmt.

teleschau: Was vereint die drei Schwestern?

Anne Gesthuysen: Dass sie sich alle den Traum, den sie hatten, nicht erfüllen konnten. Dass sie am Ende eines langen Lebens zurückschauen und sich mit sich selbst und mit denen, die sie für das Platzen der Träume verantwortlich machen versöhnen. Aber auch das Sich-selbst-verzeihen ist ein großes Thema.

teleschau: Es gab auch viele unglückliche, unverwirklichte Frauen im letzten Jahrhundert, die mit Mann und Kindern lebten.

Anne Gesthuysen: Natürlich. Wir Frauen hatten bis Ende der 60er-Jahre noch nicht mal das Recht, ein eigenes Konto zu führen. Es war das Recht des Ehemannes, am Tag nach der Heirat für die Ehefrau zu kündigen und ihr den Beruf zu verbieten. In meinem neuen Roman "Mädelsabend" geht es um solche Themen. Emanzipation früher und heute. Am Niederrhein, wo ich herkomme und wo auch das neue Buch spielt, war es gefühlt bis in die 90er-Jahre hinein so wie in der Nachkriegszeit (lacht).

teleschau: Wie weit sind wir heute mit der Emanzipation?

Anne Gesthuysen: Hm, ich bin da gespalten - auch weil ich selbst Mutter bin. Viele Frauen, die ich treffe, haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie Kinder und Karriere in Einklang zu bringen versuchen. Unsere Gesellschaft versteht sich immer noch sehr gut darauf, diesen Frauen ein schlechtes Gewissen zu machen. Viele Frauen verlieren den Ehrgeiz, unbedingt Karriere machen zu wollen, wenn sie einmal Mutter sind. Sie erlauben es sich vielleicht nicht mehr. Das ist nachvollziehbar. Dennoch ist es gesellschaftlich fatal. Solange sich Frauen freiwillig oder unfreiwillig zurückziehen, wenn es um die Besetzung von Spitzenpositionen in der Gesellschaft geht, wird sich nicht allzu viel ändern.

teleschau: Auch in Ihrem neuen Roman, der unter anderem im Altersheim spielt, blicken alte Frauen auf ihr Leben zurück. Fasziniert Sie der Gedanke des großen Bilanzziehens?

Anne Gesthuysen: Ja (macht eine lange Pause). Ich überlege nur, warum es so ist. Ein ganzes Leben ist, glaube ich, immer interessanter, als wenn man nur eine einzelne Entscheidung betrachtet. Manches bereut man zunächst, um mit dem Abstand festzustellen, dass es eine ziemlich gute Entscheidung war. Die Retrospektive gibt das ganze Bild.

teleschau: Einige alte Menschen blicken mit großer Klarheit auf ihr Leben zurück. Es gibt aber auch viele, da tritt eine gewisse Verbitterung ein oder eine Verhärtung der Ansichten in den Vordergrund ...

Anne Gesthuysen: Natürlich ist Weisheit und Gelassenheit nichts, was automatisch mit den Jahren kommt. Gerade, wenn man am Ende des Lebens krank ist und mit dem Schwinden der eigenen Möglichkeiten nicht klarkommt, kann man recht übellaunig werden. Ich glaube, es ist wichtig, sich selbst zu verzeihen, wenn es darum geht, was man alles nicht geschafft hat in seinem Leben. Es gibt bei fast jedem Menschen Gründe, warum die Dinge so kamen, wie sie gekommen sind.

teleschau: Ist Milde mit sich selbst der Schlüssel, wenn man kein verbitterter Senior werden will?

Anne Gesthuysen: Milde mit sich selbst hilft ja nicht erst im Alter. Wir leben in einer Zeit eines zunehmenden Perfektionismus, mit dem wir uns permanent unter Druck setzen. Und wenn wir Selbstoptimierer demnächst alt und logischerweise immer weniger perfekt sind, müssen wir damit leben lernen. Ich kann mir vorstellen, dass das schwierig wird, weil unsere Generation und unsere Zeit so einen verdammt hohen Anspruch haben.

teleschau: Über die Selbstoptimierung schafft sich der Mensch also seine eigene Altersdepression?

Anne Gesthuysen: Die fängt doch schon beim ersten Kniezwacken mit 50 an. Wir sind viel zu unversöhnlich mit uns. Das scheint die Frauen noch viel mehr zu treffen als die Männer.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Anne Gesthuysen: Selbstoptimierung ist ein Zwang, den vor allem intelligente, gebildete Frauen empfinden - die am besten noch schön und erfolgreich sind. Ich kenne Frauen, die haben promoviert, sie machen einen tollen, interessanten Job, sehen wunderschön aus, haben perfekte Kinder - und sie sind immer noch nicht zufrieden mit sich. In Würde altern ist da ein Ding der Unmöglichkeit.

teleschau: Ist es eigentlich egal, wie schlimm das in der Biografie Erlebte objektiv war, wenn man beurteilt, wie glücklich man am Ende mit dem eigenen Leben ist?

Anne Gesthuysen: Ich habe fast den Eindruck: ja. Nehmen Sie jene Zeiten, in denen "Wir sind doch Schwestern" spielt. Diese Menschen haben zwei Weltkriege mitgemacht. Fast jeder hat einen oder mehrere nahe Angehörige verloren. Früher war es normal, dass man ein oder mehrere Kinder zu Grabe getragen hat. Heute würde man jedem, der ein Kind verloren hat, zugestehen, dass man nie wieder glücklich sein kann. Ich glaube, vieles hat damit zu tun, was in einer Gesellschaft normal ist. Wenn es häufig passiert, dass die Liebsten sterben, ist es eine Art geteiltes Leid und ein wenig leichter zu ertragen. Nur so kann man erklären, dass Menschen und Gesellschaften Kriege überleben und diese Zeiten überwinden - und, wie die drei Schwestern, trotzdem noch Glück empfinden können.

teleschau: Ist Zufriedenheit mit dem eigenen Leben am Ende des Weges eher angeboren - oder muss man sich diesen Zustand erarbeiten?

Anne Gesthuysen: Ich kann nur spekulieren, weil ich weder Biologin, noch Soziologin, noch Glücksforscherin bin. Aber wenn man mit alten Menschen spricht, dann hatten die früher weder die Zeit, noch die Möglichkeit, sich ständig zu fragen, wie sie sich selbst verwirklichen und wie sie ihr Glück finden. Heute ist das anders. Deshalb glaube ich, dass Zufriedenheit am Ende des Lebens immer mehr zum Prozess wird, den man aktiv befördern muss. Das sollte Teil einer Lebensplanung sein.

teleschau: Wie sieht Ihr Plan fürs Alter aus?

Anne Gesthuysen: Meine Idealvorstellung wäre eine Alters-WG mit befreundeten Paaren. Das Problem ist, dass die Menschen immer noch so spät wie möglich ihre Eigenständigkeit aufgeben und zum Beispiel in ein betreutes Wohnen gehen. Man sollte sein Leben rechtzeitig neu organisieren, dann kann man dieses neue Leben in einer Gemeinschaft auch noch genießen. Ich hoffe, dass wir, wenn ich in dem Alter bin, als Gesellschaft weiter als heute sind. Dass es dann einfacher und normaler ist, wenn man mit coolen alten Leuten zusammenziehen will (lacht).

Quelle: teleschau - der mediendienst