Dagobert Lindlau

Dagobert Lindlau





"Ausnahmeerscheinung in der Flut der Angepassten"

Er ist eine Reporter-Legende und gilt bis heute als der Mafia-Experte Deutschlands: Dagobert Lindlau klärte vor allem im deutschen Fernsehen der 80er-Jahre wie kein anderer über mafiose Strukturen auf. Immer wieder und unermüdlich warnte er auch in Büchern wie "Der Mob" vor den Verflechtungen in Politik, Kirche und Gesellschaft. Jetzt ist der große Journalist und Schriftsteller verstorben. Nach Angaben des Bayerischen Rundfunks starb Lindlau am 30. November in seinem Haus in Vaterstetten bei München. Er war fast 40 Jahre lang für den BR tätig, arbeitete von 1969 bis 1992 als Chefreporter für das BR Fernsehen, leitete vier Jahre lang die Redaktion "Report München". Außerdem moderierte Lindlau von 1975 bis 1987 den "Weltspiegel" im Ersten.

"Mit Dagobert Lindlau verlieren wir einen unbeugsamen, unverrückbaren und unerschrockenen Journalisten", erklärte BR-Chefredakteur Christian Nitsche in einem ersten Statement. "Er stand jederzeit aufrecht, verkörperte Unabhängigkeit. Sagen, was ist, ob es gefällt oder nicht, dies war sein Prinzip. Das Publikum lernte ihn kennen als ebenso kritische wie authentische Instanz in der politischen Debatte." Lindlau, so Nitsche weiter, habe immer wieder die öffentliche Diskussion geprägt, "weil er die Dinge ohne Umschweife beim Namen nannte". Christian Nitsche: "Wir trauern um einen Menschen, der in schwierigen Zeiten Orientierung bot, der Gefahren auf sich nahm, um Klarheit zu schaffen. Seinem Lebenswerk gebührt unser Respekt."

Lindlau sprach stets sehr offen, nicht umsonst ist ihm anlässlich der Feierlichkeiten zu seinem 60. Geburtstag von der "Süddeutschen Zeitung" einst "Meinungsfreudigkeit und wütender Subjektivismus" attestiert worden. Und der Chefredakteur des WDR, Fritz Pleitgen, bezeichnete ihn gar als "Ausnahmeerscheinung in der Flut der Angepassten".

Dagobert Lindlau gehörte zu den Urgesteinen des TV-Journalismus. Er war einer jener stilprägenden Reporter-Größen, die Vor-Ort-Recherche noch über alles stellten und stets selbstbewusst für ihren Berufsstand eintraten. "Journalistische Freiheit wird einem ja nicht kostenlos in die Hosentasche gesteckt, sondern die muss man sich jeden Tag wieder holen", lautet ein Zitat von Lindlau, der auf der ganzen Welt drehte und arbeitete - oft in nicht ganz ungefährlichen Situationen.

Der TV-Mann kommentierte alles Mögliche - stets mit Rückgrat und klarer Haltung, selbst auf für ihn eher fremdem Terrain, was Lindlau auch einige Male das Kopfschütteln des Publikums einbrachte. Lindlau, der sich sogar als TV-Talker (unter anderem din der "NDR Talk Show") und vorübergehend auch im Privatfernsehen ("Gegen den Strich", VOX) versuchte, schimpfte in einem Zeitungsinterview einmal über das Tennis-Fernsehen: "90 Prozent der Tennisgucker haben keine Ahnung von den Regeln, und 50 Prozent wüssten ohne den Sportkommentator nicht einmal, wer gewonnen hat. Meditation in Stumpfsinn". Nun, Dagobert Lindlau wird sicherlich nicht als Sport-Experte in Erinnerung bleiben, sondern als herausragender TV-Journalist, der sich mit kritischen Reportagen und als Moderator politischer Sendungen einen Namen gemacht hat.

Dagobert Lindlau kam am 11. Oktober 1930 in München zur Welt, er wurde als Kind 1944 bei einem der Luftangriffe auf München schwer verletzt. Nach dem Abitur arbeitete er für Zeitungen und Zeitschriften sowie als Autor von Drehbüchern und Übersetzer von Theaterstücken. 1954 kam er als Fernsehjournalist zum Bayerischen Rundfunk, wo er 1962 die Sendung "Anno" in das bis heute bestehende Magazin "Report München" umgestaltete.

Quelle: teleschau - der mediendienst