Max Giesinger

Max Giesinger





"Böhmermanns Song fand ich witzig, aber ..."

Eins hat Max Giesinger gelernt: Wer Erfolg hat, der hat auch Kritiker. Wer von den einen geliebt wird, wird von den anderen nicht selten gehasst. Mit seinem Überraschungs-EM-Hit "80 Millionen" und dem dazugehörigen Album "Der Junge, der rennt" gelang dem Karlsruher Sänger 2016 der große Durchbruch. Wenig später nahm Jan Böhmermann ihn ins Visier. In dem Beitrag "Eier aus Stahl: Max Giesinger und die deutsche Industriemusik", der mittlerweile mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, rechnete Böhmermann am Beispiel Giesingers mit der deutschen Musikindustrie ab. "Mein erster großer Shitstorm", erinnert sich der durch den Kakao Gezogene im Gespräch zu seinem neuen Album. Mit "Die Reise" (erhältlich ab 23. November) verarbeitet der 30-Jährige aber nicht nur, was er in der jüngsten Vergangenheit erlebt hat.

"Am Anfang habe ich versucht, das überhaupt nicht an mich ranzulassen", erklärt Giesinger. "Aber irgendwann habe ich aus der Macht der Gewohnheit dann doch Facebook aufgemacht. Böhmermanns Song 'Menschen Leben Tanzen Welt' fand ich unfassbar witzig, aber in den Kommentaren zu lesen, ich sei nur eine Marionette der Plattenfirma, fand ich schon ungerecht."

Zur Erklärung: Böhmermann hatte Giesinger unter anderem dafür angeprangert, dass er in einem Interview gesagt hatte, er würde seine Texte mithilfe eines Freundes selbst schreiben, obwohl er auch auf Autoren zurückgreift, die für viele andere deutsche Künstler schreiben. "Das war eines der ersten Interviews, die ich zu 'Der Junge der rennt' gegeben habe. Ich war noch sehr unerfahren und wusste nicht, wie ich diese Frage beantworten soll", verteidigt sich Giesinger. "Ich habe wirklich ganz viel mit einem Kumpel geschrieben - ein bekanntes Lied entstand allerdings mit mehreren Leuten. Das waren aber auch meine Freunde, ich habe also nicht gelogen. In den Songs stecken meine Geschichten, und es war mir immer wichtig, dass ich auch Songwriter bin."

Co-Songwriter hin oder her - tatsächlich war Musik schon immer Giesingers Leidenschaft. Bereits im Alter von 13 Jahren spielte er in einer Band, später machte er Straßenmusik. Nachdem er 2012 den vierten Platz bei der Casting-Show "The Voice Of Germany" belegt hatte, finanzierte er sein Debütalbum "Laufen lernen" (2014) per Crowdfunding. "Ich habe damals in Wohnzimmern, auf Hochzeiten und auf Tupperpartys gespielt", erinnert er sich. "Auch wenn meine Musik nicht Indie war, komme ich aus diesem Indie-Ding. 'Der Junge, der rennt' war fertig geschrieben, bevor ich einen Plattenvertrag dafür hatte. Mir hat keiner gesagt 'schreib noch mal einen Hit', sondern ich hatte einfach Bock auf Popmusik."

Das hatten auch viele andere. Stolze 93 Wochen hielt "Der Junge, der rennt" sich in den Charts. Giesinger legte auf Tournee 120.000 Kilometer zurück, was drei Erdumrundungen entspricht, und spielte etwa 300 Konzerte - in 1.600 Metern Höhe, auf Marktplätzen und Burgen und sogar im Bergwerk. Danach brauchte er erst mal eine Pause. Er packte seine Siebensachen und verschwand für sechs Wochen auf eine thailändische Insel, fernab von Terminen und Verpflichtungen. Und vor allem: ganz alleine. "Das kann ich für ein paar Tage, aber dann wird mir langweilig. Zum Glück entdeckte ich ziemlich bald eine Strandbar, in der jeder auftreten durfte, der Bock hatte. Da hing ich dann jeden Abend rum", grinst er. "Trotzdem habe ich mich auf dieser Reise gut kennengelernt und erkannt, dass für mich eine Balance wichtig ist. Ich möchte weder ganz alleine in den Urlaub abhauen, noch kann oder will ich 365 Tage im Jahr auf Tour sein."

Dass er über all diese Dinge viel nachgedacht hat, merkt man Giesingers neuem Album an. Während es auf seinen ersten zwei Platten "Laufen lernen" und "Der Junge, der rennt" primär darum ging aufzubrechen, zeigt Giesinger sich auf "Die Reise" reflektiert. Der Song "Zuhause" etwa handelt vom ständigen Unterwegssein: "Bin den größten Teil bis hierher gerannt und wär' gern irgendwann der Junge, der ankommt", singt Giesinger darin. In "Wir waren hier" derweil lässt er die turbulenten letzten Jahre noch einmal Revue passieren und kommt zu der Erkenntnis: "Egal, was jetzt noch kommt, wir waren hier". "Als ich 17 oder 18 war, bin ich mal per Mitfahrgelegenheit bei einem älteren Typen mitgefahren, der mir drei Stunden lang von seinem krassen Leben erzählt hat. Seitdem wollte ich immer viel erleben", so Giesinger. "Das, was in den letzten zehn Jahren passiert ist, von den Anfängen als Musiker in Mannheim bis zu dem Punkt, an dem ich heute stehe, reicht im Grunde für zehn Leben."

Giesinger blickt auf "Die Reise" aber auch noch weiter in die Vergangenheit. Im Titeltrack des Albums zeichnet er die Werdegänge seiner Clique nach, in "Australien" singt er von seiner Zeit als Backpacker. Hat die reflektierte Herangehensweise auch damit zu tun, dass Giesinger gerade 30 geworden ist? "Kann schon sein", sagt er. "In den letzten zwei Jahren ist natürlich wahnsinnig viel passiert, aber eben wenig Privates. Darum habe ich mich nicht nur damit auseinandergesetzt, was das viele Reisen mit mir macht, sondern auch mit vergangenen Dingen."

Verpackt hat Giesinger all diese Gedanken und Erinnerungen in eingängigem Pop und gefälligen Balladen. Für Jan Böhmermann wäre "Die Reise" sicherlich wieder gutes Satire-Futter. Aber Giesinger ist das egal. "Ich mag halt gute Melodien und sehe mich als Erzähler: meine Stories, die ich erlebt habe, in einfacher Sprache", fasst er zusammen. "Ich will die Leute mitnehmen auf meine Reise."

Quelle: teleschau - der mediendienst