Verschwörung

Verschwörung





Kaum Kanten für die Hacker-Königin

Vielleicht liegt es am Zeitgeist, der im Zuge von MeToo und Co. patriarchale Gewalt immer offener in Frage stellt: Lisbeth Salander, die toughe Hackerin, die frauenschlagende Männer bestraft, scheint ungebrochen populär. Und so bekommt die einstige Romanfigur aus der Feder des 2004 verstorbenen schwedischen Autors Stieg Larsson nach der "Millennium"-Trilogie und David Finchers 2011er-Adaption nun bereits ihre dritte filmische Umsetzung in neuer Besetzung. Die Rolle der kraftvollen Außenseiterin mit dem Drachentattoo übernimmt diesmal die Queen, beziehungsweise die fantastische Claire Foy, die durch die Netflix-Serie "The Crown" größerem Publikum bekannt wurde. Retten kann sie "Verschwörung" aber nur ansatzweise: Fede Alvarez' Umsetzung glättet als 08/15-Actionthriller in furioser, doch blutleerer Inszenierung alle Kanten.

Eigentlich hatte Stieg Larsson den vierten Teil seines als zehnteilige Reihe angelegten "Millennium"-Epos noch vor seinem plötzlichen Tod fast fertiggestellt. Nach der schwedischen Trilogie aus "Verblendung", "Verdammnis" und "Vergebung" mit Noomi Rapace in der Hauptrolle und der Hollywood-Neuauflage des ersten Teils mit Rooney Mara hätte also auch die insgesamt vierte Verfilmung auf einem Originalroman basieren können. Doch wie es so ist mit verstorbenen Genies, kam ein Erbschaftsstreit dazwischen und verhinderte die Veröffentlichung des Romans. Der Verlag entschied sich, den vierten Teil von David Lagercrantz komplett neu verfassen zu lassen. Auf dessen umstrittener Version von "Verschwörung" fußt nun die neuerliche Umsetzung.

Möglicherweise erklärt dieser Umstand in Teilen, dass sich "Verschwörung" nur noch momenthaft wie ein echter Larsson anfühlt. Verstand es Fincher noch, trotz Hollywood und allem Pipapo, der düsteren Grundstimmung der Romane kantigen Ausdruck zu verleihen, erschafft Fede Alvarez eine auf seltsame Weise geglättete Welt. Nicht, dass die Zutaten für einen vernünftigen Thriller nicht stimmen würden: Eindrückliche Actionszenen liefern grandiose Bilder, ein treibendes Drehbuch kreiert Dauerspannung und Claire Foys Spiel ist über alles erhaben.

Als feministische Rächerin missbrauchter Frauen zieht sie durch ein kaltes, eindrücklich inszeniertes Stockholm und bringt misogyne Männer um die Ecke. Auch erfährt man bereits in den ersten Szenen, worauf sich Lisbeths Motivation gründet: Ihr Vater war ein Vergewaltiger; und während sie ihm mit einem Sprung in den schwedischen Schnee für immer entgehen konnte, verging er sich über Jahre an ihrer Schwester Camilla (Sylvia Hoeks). Allein: Diese vielversprechende Ausgangslage lässt "Verschwörung" ganz einfach ins Leere laufen.

Denn rasch entwickelt sich die viel zu hoch gegriffene Story in eine veritable James-Bond-Geschichte: Lisbeth ist bekanntermaßen auch eine grandiose Hackerin, weshalb sie von Ex-NSA-Mitarbeiter Frans Balder (Stephen Merchant) angesprochen wird. Sie soll ihm dabei helfen, ein Computerprogramm zu zerstören, das er einst für die US-Regierung selbst programmierte. Natürlich kann dieses Programm Ungeheuerliches - nämlich sämtliche Nuklearwaffen der Welt steuern. Der folgende Ablauf scheint der Blaupause Hollywoods entnommen: Lisbeth gelangt an das Programm, böse Schurken nehmen es ihr wieder ab, während auch die schwedische Polizei und NSA-Sicherheitschef Edwin Needham (Lakeith Stanfield) hinter ihr her sind. Hilfe bekommt sie nur vom Bilderbuch-Journalisten Mikael Blomkvist (Sverrir Gudnason).

Auf dem Papier und auf der Leinwand, in Skript und Inszenierung gibt sich Alvarez' so klischeehaft wie perfekt. Doch den glänzenden Bildwelten fehlt das Schmutzige, das Abgefuckte. Der Spannungsbogen der Geheimdienst-Geschichte kommt beinahe ohne unbequeme Brüche aus - und Lisbeth Salander wird zur gekränkten Heldin mit eindrücklichen Kampfeskünsten und Pseudo-Punkattitüde. Nur durch den Einsatz Claire Foys gelingt es, dass das furios inszenierte Action-Spektakel "Verschwörung" nicht in völliger Beliebigkeit verschwindet.

Quelle: teleschau - der mediendienst