Lars Eidinger

Lars Eidinger





"Eigentlich bin ich voll der Schisser"

Es gibt sie noch, jene Schauspieler, auf die sich alle einigen können. Lars Eidinger ist so einer, gar mehr als das. Ein Konsens-Künstler, der regelmäßig mit Lobeshymnen bedacht und als "Schauspielkönig" geadelt wird. Seit Jahren gilt der Berliner als Liebling des Theater- und Filmpublikums, als Darling der Kritik, als extrovertierter Sympath. Trifft man ihn, verblüfft: Die Zuschreibungen scheinen zu stimmen. Wortgewandt umgarnt er, plaudert wie ein alter Freund. Eidinger fasziniert. Weil es ihm gelingt, künstlerische Kante und extravaganten Stil mit der lässigen Attitüde des Typen von nebenan zu verknüpfen. Auf dieser Klaviatur spielt der 42-Jährige virtuos und glaubhaft wie in seinen vielfältigen Rollen. Vom Brecht in "Mackie Messer" bis zum Sadisten in "Abgeschnitten" ist Eidinger allein 2018 in fünf Kinofilmen zu sehen; aktuell mit Bjarne Mädel in der Roadtrip-Dramedy "25 km/h". Ein Gespräch über Motorräder und Entschleunigung, Schuleschwänzen und Midlife-Crisis.

teleschau: In Ihrem neuen Film "25 km/h" fahren Sie mit einem Mofa durch Deutschland. Sind Sie auch privat fit auf dem Motorrad?

Lars Eidinger: Ja, aber ich fahre nicht mehr. Am Tag meiner Autoführerscheinprüfung machte ich auch gleich den Motorradführerschein. Bin direkt durchgefallen und musste mit demselben Prüfer am selben Tag noch die Autoprüfung machen. Die bestand ich aber. Motorrad konnte ich gar nicht fahren, weil mein Fahrlehrer mit möglichst wenig Stunden durchkommen wollte. Das war furchtbar.

teleschau: Dann fuhren Sie aber irgendwann?

Eidinger: Klar, ich besitze den Roller auch immer noch, ein Heinkel Baujahr 60. Das Gefühl, wenn einem der Wind um die Nase weht, kann ich nachvollziehen. Das war die Zeit nach dem Abitur, in der man erstmal Leerlauf hat. Da bin ich immer zum Schlachtensee und später zur Schauspielschule gefahren.

teleschau: Warum fahren Sie heute nicht mehr?

Eidinger: Ganz ehrlich: Mir ist es zu gefährlich. Gerade in Berlin muss man ja für die anderen immer mitdenken. Da habe ich schon so viele Situationen erlebt, in denen andere nicht richtig schauen. Und man ist ja ziemlich schnell unterwegs, ganz ohne Knautschzone. Als würde man sich auf ein Geschoss setzten und ungebremst wogegen fahren.

teleschau: Spricht da auch ein älterer Lars Eidinger?

Eidinger: Vor allem ein Lars Eidinger, der eine Tochter und eine Frau hat. Ich finde, das ist es auch nicht wert. Das ist wie mit den Zigaretten: Schmecken die wirklich so gut, dass ich dafür sterben würde? Beim Roller ebenso: Macht das so viel Spaß, dass ich dieses Risiko eingehe?

teleschau: Mit welcher Geschwindigkeit bewegen Sie sich denn am liebsten fort?

Eidinger: So Geh-Geschwindigkeit, fünf km/h. Ich laufe einfach sehr gerne, das ist meine Geschwindigkeit. Dann sehe ich am meisten und fahre nicht so an Sachen vorbei. Schon auf dem Fahrrad habe ich manchmal Schwierigkeiten im Kopf mitzukommen. Ich flieg' ja auch so viel rum, das tut wahrscheinlich auch nicht gut. Man sagt ja, die Seele sei nur so schnell wie man selbst.

teleschau: Wie kommen Sie in der Stadt voran?

Eidinger: Ich fahre schon gern Taxi. Gerade, wenn ich beruflich unterwegs bin und das gezahlt wird. Das ist am angenehmsten. Als ich in der Jury der Berlinale saß, hatte ich sogar mal für eine Woche einen Chauffeur zur Verfügung. Das ist der größte Luxus, da kann man während der Fahrt wirklich abschalten. Aber das kann ich mir nicht leisten.

teleschau: Muss ein viel beschäftigter Lars Eidinger auch mal auf die Bremse treten?

Eidinger: Es ist eher so, dass Leute von außen kommen, die meinen: Der Lars muss jetzt aufpassen, dass er sich nicht verheizt. Neulich dachte ich, dass es eigentlich doof ist: Ich warte mein ganzes Leben lang darauf, dass ich endlich viel drehen darf, und dann heißt es, das ist zu viel. Man kommt nicht wirklich an den Punkt, an dem man sagen kann: Ist doch toll, wie es läuft! Sofort wird man wieder gewarnt. Einem Bauarbeiter würde man auch nicht sagen: Mach' dich mal rar auf deinem Gerüst, ich sehe dich da jeden Tag.

teleschau: Wer weist Sie denn darauf hin, mal weniger zu machen?

Eidinger: Kolleginnen und Kollegen, Leute, die mir wichtig sind. Menschen, auf deren Meinung ich auch was gebe. Aber das bewegt sich schon innerhalb der Branche. Denn im Ernst: Wenn ich am Flughafen stehe, erkennt mich ja niemand.

teleschau: Wirklich nicht?

Eidinger: Wenige. Man darf sich da nichts vormachen. Es ist eine gewisse Blase, in der man sich bewegt. Zumindest solange man gewissen Zeitungen keine Interviews gibt und sich alles in einem gewissen Arthouse-Rahmen abspielt. Es ist doch so: Mein größter Kinoerfolg war bislang "Alle anderen" mit 200.000 Zuschauern. Das ist überschaubar.

teleschau: Stress bedeutet es ja trotzdem. Freuen Sie sich auch mal, dass ein Dreh zu Ende geht?

Eidinger: Mittlerweile genieße ich es richtig, wenn ein Film fertig ist und als Premiere läuft. Da herrscht eine richtige Vorfreude. Wenn es beim Dreh mal kalt oder schwer ist, stell ich mir das auch immer vor, wie ich dann endlich im warmen Kinosessel sitze. Wenn ich das nie erlebe, dann kann es passieren, dass man nur unterwegs ist und nie ankommt.

teleschau: Haben Sie denn noch Ziele im Leben?

Eidinger: Ich hab' nichts mehr vor, eigentlich. Man sagt zwar immer, dass das Leben dann vorbei ist. Aber ich versuche ja das Gegenteil. Ich will aus diesem Denken herauskommen, dass man immer irgendwo hin will. Ich will mich lieber mit dem Moment arrangieren. Früher drehte ich Filme in der Hoffnung, dass sich daraus noch ein Film ergibt. Und noch ein besserer. Da kann man sich sehr verlieren. Menschen sind da seltsam fremdgesteuert.

teleschau: Inwiefern?

Eidinger: Es wird ein Rhythmus vorgegeben, der von allen eingehalten werden muss. Wenn ich an der Ampel stehe, und es wird grün, kann ich mir vor allem in Deutschland sicher sein, dass eine Sekunde später gehupt wird. Wo wollen die denn hin? Auf die Couch zu Hause? Man steuert doch auf den Tod zu. Man müsste eigentlich entschleunigen.

teleschau: Das ist auch das Thema des Films. Ist das auch eine Frage eines bestimmten Alters?

Eidinger: Es ist auch so ein Midlife-Crisis-Ding. Dass man ab einem gewissen Alter Bilanz zieht und fragt: Was von dem, das ich mir vom Leben versprach, hat sich eingelöst? Die ganzen Träume, die man als Kind hatte. Man denkt ja oft: Das darf ich nicht. Weil man etwa Respekt vor Autoritäten wie Arbeitgebern hat. Ich hab' zum Beispiel nie die Schule geschwänzt. Ich hatte viel zu viel Schiss. Die Mitschüler, die keinen Bock hatten und einfach zu Karstadt gegangen sind, habe ich immer bewundert. Finde ich im Nachhinein mutig und frei zu sagen: Da geh ich heute nicht hin.

teleschau: Gestehen Sie das auch Ihrer Tochter zu?

Eidinger: Die liebt ja die Schule. Der muss ich das gar nicht erzählen. Wenn ich auf Reisen oder Gastspiel bin, versuche ich immer, sie mitzunehmen. Wenn ich frage, ob sie mit nach Shanghai oder New York will, fragt sie, ob in der Zeit Schule ist. Falls ja, dann will sie nicht mit. Sie mag die Schule aus Interesse - es ist nicht wie bei mir aus Pflichtbewusstsein.

teleschau: Was machte Ihnen beim Gedanken ans Schwänzen denn Angst?

Eidinger: Diffuse Autoritäten. Dass man Ärger kriegt. Damit bin ich einfach groß geworden.

teleschau: Konnten Sie sich durch Ihren Beruf davon befreien?

Eidinger: Ich habe immer noch Angst, Ärger zu kriegen (lacht)! Ich weiß gar nicht vor wem. Die Frage im Film - Flugzeug oder Fallschirm - zielt ja auf die Frage nach Risiko oder Sicherheit. Ich bin überhaupt kein risikofreudiger Mensch. Eigentlich bin ich voll der Schisser. Eher ein Kontrollfreak.

teleschau: Sind Sie in Ihrem Leben schon mal ausgebrochen, um sich auf eine spontane Reise zu begeben?

Eidinger: Ich hab' mal einen Kommilitonen mit dem Zug besucht und konnte mit der Fahrkarte, die eine Woche galt, irgendwo aussteigen und ein paar Tage später weiterfahren. Und dann habe ich spontan meine Oma in Hanau besucht. Klingt jetzt nicht so wahnsinnig spannend, man sollte vielleicht keinen Film draus machen (lacht). Aber ich werde nie vergessen, wie meine Oma die Tür aufmachte und ich da ganz unvermittelt stand. Sie tat so, als wäre das in keiner Weise ungewöhnlich.

teleschau: Sind Sie lieber zu Hause oder unterwegs?

Eidinger: Wenn ich weg bin, freu ich mich wahnsinnig, nach Hause zu kommen. Wenn ich nur dort wäre, würde ich mir nichts sehnlicher wünschen als wegzukommen. Vorfreude und Sehnsucht sind ja schöne Gefühle.

Quelle: teleschau - der mediendienst