Lilith Stangenberg

Lilith Stangenberg





Die Frau fürs Animalische

Lilith Stangenberg möchte sich in "Sauers Café" treffen, das gegenüber der Berliner Volksbühne liegt. Vielleicht aus alter Verbundenheit. Vielleicht, um mal wieder den eigenen Schmerz zu spüren. Sieben Jahre, von 23 bis 29, war sie an der deutschen Renommier-Bühne beschäftigt. Hier wurde sie zur Theatersensation, über die ganz Deutschland sprach. Dabei hat die leise, eher unscheinbare Blondine noch nicht mal eine Ausbildung. Wer wissen will, über welche Kräfte Lilith Stangenberg verfügt, muss sich Nicolette Krebitz' 2016 für sieben Deutsche Filmpreise nominiertes Drama "Wild" ansehen. Stangenberg spielt eine junge Außenseiterin, die sich einen Wolf fängt und mit ihm in einer fast sexuellen Beziehung in ihrer zunehmend verwildernden Wohnung lebt. Verstörend animalisch ist auch ihre neue Rolle. Im Bremer "Tatort"-Krimi "Blut" (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) verkörpert Lilith Stangenberg ein scheues Wesen, das sich von Blut ernährt.

Wer den Insider-Schauspielstar in einer Menschenmenge erspähen möchte, könnte sich schwertun. Die zierliche Blonde nähert sich gern von hinten, ist kaum geschminkt und trägt sportlich unauffällige Kleidung. Sie könnte eine der vielen jungen Frauen sein, die an einem schönen Herbsttag in Berlin-Mitte ihr Glück suchen. Lilith Stangenberg hat es jedoch längst gefunden - und gefühlt schon wieder ein bisschen verloren. Die Volksbühne Berlin, 2016 und 2017 von den deutschen Kritikern zum "Theater des Jahres" gekürt, war mehr als nur ein bisschen ihr Zuhause. Mit dem Intendantenwechsel von Frank Castorf zum mittlerweile wieder entlassenen Chris Dercon verabschiedete sich auch das Ensemble.

Lilith Stangenberg, die im Sommer 1988 als spätes Westberliner Baby zur Welt kam, ist an der wohl experimentierfreudigsten deutschsprachigen Bühne aufgewachsen. 16 oder 17 Jahre war sie alt, als sie mit ihrer älteren Schwester beim Jugendtheater der Volksbühne vorsprach. Scheu, wie Lilith Stangenberg in "Wild" oder "Tatort: Blut" wirkt, war sie im wirklichen Leben nie. Man könnte ihr Wesen eher als durchlässig oder instinktiv beschreiben. "Ich war ein mutiges Kind", widerspricht sie selbst ihrem filmischen Image beim Biss ins Käsebrot. "Meine Schwester sagte mal, ich sei wie Obelix in einen Zaubertrank gefallen. Allerdings keinen, der physische Superkräfte verleiht, sondern ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, inzwischen ist das aber anders geworden."

Stangenbergs Theaterkarriere verlief wie im Märchen. Sie selbst nennt es "einen Dominoeffekt". Die Schülerin spielte an der Volksbühne in einem Kinderstück, das ein einflussreicher Dramaturg sah, der wiederum eine junge Darstellerin für die große Bühne suchte. Diesen Auftritt sahen Theater-Granden wie René Pollesch und Martin Wuttke, die ebenfalls mit Stangenberg arbeiten wollten. Bald spielte sie in Hannover als ungelernte Kraft das Gretchen und Lulu - sozusagen die höchsten Weihen für junge Bühnenschauspielerinnen der Extraklasse. Damals war sie 18. Nach dem Abitur auf eine Schauspielschule zu wechseln, wäre für die Tochter einer Ärztin und eines Tischlers ein Rückschritt gewesen. Stangenberg hatte Angebote für Festanstellungen in Hamburg, Dresden, Basel, Zürich und Berlin. Sozusagen die Crème de la Crème deutschsprachiger Bühnen. Die Berlinerin entschied sich für Zürich, wo sie drei Jahre lang den See und ein ausgesprochen gutes Gehalt genoss - und das schauspielerische Handwerk an einem Haus lernte, das auch ein etwas konservativeres, aber anspruchsvolles Abo-Publikum zu bedienen hatte. Als sie genug gelernt hatte, kam Stangenberg nach Berlin an die Volksbühne zurück.

Mit dem Drehen fing sie vergleichsweise spät an. In Christoph Hochhäuslers Paranoia-Thriller "Die Lügen die Sieger" spielte sie als Partnerin von Florian David Fitz eine junge Journalistin, mit ihrer geradezu unglaublichen Leistung in "Wild" geriet sie endgültig in den Fokus. Doch "das Spiel für die Kamera ist wie ein anderer Beruf", erinnert sie sich demütig. "Das musste ich erst lernen, diese große Intimität zuzulassen. Und wenn man mit etwas wie 'Wild' einsteigt, hängt die Latte für einen selbst gleich sehr weit oben."

Dass aus der Theatersensation Lilith Stangenberg eine Vielspielerin wird, die von einer TV- oder Kinoproduktion zur nächsten gereicht wird, ist auch jetzt nicht zu erwarten. Dazu ist diese Künstlerin zu sperrig und anspruchsvoll. "Ich will es lieber aushalten, weniger zu machen. Um mich wirklich für etwas zu interessieren, muss ich eine innere Faszination spüren. Man gibt ja jedes Mal viel von sich preis, wenn man einen Film dreht - da muss das Gefüge stimmen." Die Rolle als einsame junge Frau unter Vampirismus-Verdacht im Bremer "Tatort" mit dem programmatischen Titel "Blut" wollte sie als bekennender Fan des Genres jedoch gerne annehmen. Der feinfühlige schwedische Blutsaugerstreifen "So zärtlich die Nacht" (2008) und der koreanische Vampirfilm "Thirst" (2009) von "Oldboy"-Regisseur Park Chan-wook zählen zu ihren Lieblingsfilmen.

Dass der neue Bremer "Tatort" von Regisseur Philip Koch ("Picco") liebevoll mit Bildern und Mythen alter Vampirfilme spielt, gefällt Stangenberg. Ohnehin ist es auffällig, dass in vielen jüngeren Beiträgen zur erfolgreichsten deutschen Krimireihe das Übersinnliche thematisiert wird. Aus Kiel gab es unlängst einen "Gruselttatort", in Frankfurt huldigte man dem Horror-Genre. Auch abseits des "Tatort", der seit den frühen 70-ern als Seismograf gesellschaftlich relevanter Themen öffentlich-rechtlichen Dienst schiebt, fließt thematisch derzeit viel Übersinnliches in Fiction-Stoffe ein.

Lillith Stangenberg kann das nachvollziehen: "Ich glaube, das ist tatsächlich eine Sehnsucht unserer Zeit. Die Leute haben eine Ahnung, dass das Rationale oder das, was man mathematisch beschreiben kann, eventuell nicht das Interessanteste ist. Mich interessieren immer die Dinge, die ich nicht aussprechen kann. Phänomene, bei denen ich nicht weiß, was da gerade passiert. Lücken, die man selber schließt, sind die interessantesten in der Kunst." Was Stangenberg als Mensch auffällt, der laut Selbstauskunft immer ein bisschen aufpassen muss, dass er sich nicht in Tagträumen verliert, ist, dass sich der Zeitgeist einem wohl noch gefährlicheren, gegenteiligem Lebensstil verschrieben hat. "Unser Zeitgeist ist ja sehr von der Ökonomie diktiert, als gäbe es eine Stoppuhr, die immer läuft", sinniert die junge Frau im Café. "Einem wird soviel Angst gemacht vor der Zukunft, der großen Unbekannten. Da scheint es mir doch fast naheliegend, dass man sich nach Themen in Filmen sehnt, die sich mit dem Unberechenbaren und Irrationalen beschäftigen. Mit dem, was außerhalb unserer Kontrolle liegt."

Das Leben, so sagt sie, sei heute wie eine Firma, die man gründen soll. "Filme, die mit dem Übersinnlichen spielen, behaupten das Gegenteil. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich die Menschen heute mehr Magie wünschen, eine übernatürliche Kraft." Nach Verzehr eines Käsebrotes, ganz ohne Blut, macht sich Lilith Stangenberg wieder auf den Weg in ihre Wohnung. Es gilt, eine neue Rolle vorzubereiten. Eine, die sehr ungewöhnlich ist und unter der Regie eines der international bekanntesten bildenden Künstler stattfindet. Man darf gespannt sein. Auch deshalb, weil Lilith Stangenbergs Auftritte, neben ihrer Rarität, immer etwas Denkwürdiges und für den Zuschauer Inspirierendes haben.

Quelle: teleschau - der mediendienst