The Guilty

The Guilty





In höchster Not

Dass es für einen mitreißenden Thriller kein großes Brimborium braucht, demonstriert Regisseur und Drehbuchautor Gustav Möller in seinem betont minimalistischen Langfilmdebüt auf eindrucksvolle Weise. "The Guilty" spielt einzig und allein in den nüchtern-funktionalen Räumlichkeiten einer Kopenhagener Notrufzentrale, in der der Polizeibeamte Asger Holm (Jakob Cedergren) seinen Dienst verrichtet. Kurz vor dem Ende seiner Schicht meldet sich bei ihm eine junge Frau namens Iben (Stimme: Jessica Dinnage), die offenbar entführt wurde und den neben ihr im Auto sitzenden Täter (Stimme: Johan Olsen) glauben lässt, sie telefoniere mit ihrer kleinen Tochter (Stimme: Katinka Evers-Jahnsen). Dank einiger geschickter Fragen fördert Asger erste Hinweise zu ihrem Aufenthaltsort zutage und bemüht sich fortan von seinem Arbeitsplatz aus, das Leben der panischen Anruferin zu retten. Unter Hochdruck bricht er dafür mehrfach das vorgesehene Protokoll.

Eine ganz ähnliche Geschichte erzählt Brad Anderson in "The Call - Leg nicht auf!", wo Halle Berry eine traumatisierte Telefonistin verkörpert, die ein Mädchen aus der Gewalt eines Serienkillers befreien will. Während sie dafür allerdings irgendwann die Notrufzentrale verlässt und zwischendurch der Kampf des Opfers konkret ins Bild gesetzt wird, beschränkt sich Möller ausschließlich auf die Perspektive seines Protagonisten. Asger wechselt höchstens einmal das Zimmer, spricht mit diversen Beteiligten und Kollegen, hakt weiter nach und nähert sich über seine Telefonate langsam einer Lösung der brisanten Lage.

Das clever konstruierte Drehbuch, das der Regisseur gemeinsam mit Emil Nygaard Albertsen verfasste, spielt gekonnt mit der Vorstellungskraft des Zuschauers. Immer wieder malt man sich die Gesprächspartner des Polizisten und ihre Schilderungen genauer aus, wobei manche Passagen - etwa eine Unterhaltung mit der aufgelösten Tochter - für handfeste Gänsehaut sorgen. Gerade weil "The Guilty" den Blick nach außen konsequent verweigert und die Kamera die Hauptfigur zumeist aus unmittelbarer Nähe umkreist, identifiziert man sich voll und ganz mit Asgers Anspannung.

Jakob Cedergren schultert den Film quasi im Alleingang, bringt die zunehmend hervorbrechende Verzweiflung eindringlich zum Ausdruck, schafft es aber auch, dem unermüdlichen Beamten eine abgründige Note zu verleihen. Schon sehr früh streuen Möller und Albertsen Hinweise auf ein dienstliches Vergehen aus und deuten an, dass der in die Notrufzentrale strafversetzte Asger ausgerechnet am nächsten Tag eine wichtige Anhörung hat. Die am Ende vielleicht etwas zu hollywoodmäßig enthüllte Schuld, die er auf sich geladen hat, nährt erst recht den Wunsch, Iben um jeden Preis zu helfen und ihrem Leid ein Ende zu bereiten.

Neben der gelungenen, im Vorbeigehen eingeschobenen Charakterzeichnung überrascht "The Guilty" ferner mit einem erschütternden Schlussakt, der sowohl dem Polizisten als auch dem Publikum den Boden unter den Füßen wegzieht. Obwohl es gewisse Anzeichen für die hochdramatische Entwicklung gibt, gelingt es Spielfilmdebütant Möller, sie zu verschleiern und so am Ende noch einmal einen emotionalen Punch zu landen. Ein weiterer Grund, warum man den mit 88 Minuten recht knackigen, trotz seiner visuellen Beschränkung kein bisschen langweiligen Kammerspielthriller aus Dänemark noch länger in Erinnerung behalten dürfte.

Quelle: teleschau - der mediendienst