Aylin Tezel

Aylin Tezel





Liebe muss der Weg sein

Aylin Tezel, Jahrgang 1983, ist eine Frau mit vielen Talenten. Grenzen jedweder Art mag die Tochter eines türkischen Arztes und einer deutschen Kinderkrankenschwester überhaupt nicht. Seit mehr als zehn Jahren behauptet sich Tezel im Filmbusiness, seit 2012 brilliert sie als eigensinnige "Tatort"-Kommissarin (Dortmund). Darüber hinaus ist sie eine leidenschaftliche Tänzerin und Tanzpädagogin, schreibt auch Drehbücher und führt Regie. Zu ihren eindrucksvollsten Filmen gehören der "Tatort: Wem Ehre gebührt" (2007), in dem sie eine vom eigenen Vater geschwängerte Alevitin spielte. Für ihre Rolle als Berliner Studentin im Drama "Am Himmel der Tag" (2012) wurde sie mit dem Deutschen Schauspielerpreis ausgezeichnet - und das ist nur einer von vielen Preisen, die sie inzwischen für ihre Arbeit eingeheimst hat. Im Animationsfilm "Smallfoot" (Start: 11.10.) leiht sie dem Yeti-Mädchen Meechee ihre Stimme.

teleschau: Sie sprechen in "Smallfoot - Ein Eisigartiges Abenteuer" das aufgeweckte Yeti-Mädchen Meechee. Was war Ihre Motivation, bei dem Film mitzumachen?

Aylin Tezel: In "Robinson Crusoe" hatte ich vor Jahren meine erste Synchronrolle und ein Stacheltier gesprochen. Das hat mir unheimlich Spaß gemacht. Weil man da total übertreiben und mit seiner Stimme ganz andere Dinge machen kann als in den "normalen" Rollen. Und das war bei "Smallfoot" wieder so. Mir gefällt das, weil es in mir nochmal eine andere Kreativität anstachelt.

teleschau: Sie sind ja überhaupt ein sehr kreativer Mensch, der scheinbar niemals stillsteht. Was treibt Sie an?

Tezel: Es ist tatsächlich eine Parallele zu Meechee, dass wir beide von so einem Forscherdrang angetrieben werden. Auch ich will das Leben und die Menschen und Kulturen verstehen. Ich interessiere mich einfach dafür, was die Wahrheit ist. Ich habe auch Freunde aus verschiedenen Kontinenten, quasi über die Welt verstreut. Ich glaube, dass mich diese Entdeckerlust zur Schauspielerei gebracht hat. Denn ich habe das Gefühl, dass man als Schauspieler viele verschiedene Leben kennenlernen kann, weil man sich ja immer wieder mit unterschiedlichen Charakteren und unterschiedlichen sozialen Umfeldern beschäftigt.

teleschau: "Smallfoot" hat eine sehr aktuelle Aussage angesichts unserer Zeit. Es ist letztlich ein Plädoyer für mehr Toleranz und Offenheit ...

Tezel: Wir haben große Angst vor dem Fremden, vor der anderen Kultur, wo eine andere Sprache gesprochen wird. Ich denke aber, es ist unsere Aufgabe als Menschen, gerade auch in einer demokratischen Gesellschaft, dass wir diese Ängste immer wieder abbauen und versuchen, uns anderen Kulturen zu öffnen und eine Toleranz und Offenheit zu leben, die wir auch an unsere Kinder weitergeben. Denn am Ende des Tages sind wir alle Menschen! Und wenn wir uns nicht gegenseitig zerstören wollen, dann werden wir irgendwann lernen müssen, miteinander zu leben. Je früher wir damit anfangen, umso besser.

teleschau: Leider hat man das Gefühl, die Menschen lernen überhaupt nicht dazu, gerade wenn wir an Chemnitz denken und den wachsenden Erfolg der AfD. Wie sehen Sie das?

Tezel: Eine Freundin von mir war kürzlich mit ihrem Sohn auf einer Gegendemonstration zu den Ereignissen in Chemnitz, und der Kleine hat ein Schild gebaut und geschrieben: 'Ich bin für Liebe!' Ich fand das so schön, weil ich dachte: Genau das ist der Weg! Wenn man Hass mit Hass begegnet, kann das einzige Resultat nur Zerstörung sein, und das kann nicht die Lösung sein! Auch wenn das schwer ist, müssen wir immer wieder eine Kommunikation suchen, auch mit Menschen, die Gedanken haben, die einen selbst total abschrecken. Aber man kann denen nicht einfach nur den Rücken zudrehen, denn dann überlässt man ihnen das Feld.

teleschau: Ist diese Offenheit und Toleranz, die da aus Ihnen spricht, etwas, was Sie von Ihren Eltern gelernt haben?

Tezel: Das kommt auf jeden Fall aus meinem Elternhaus, weil ich ja mit Eltern aufgewachsen bin, die aus verschiedenen Kulturen kommen. Aber ich habe das nie infrage gestellt, sondern hatte eher das Gefühl, dass das eine unglaubliche Bereicherung ist, was ich aus diesen beiden Kulturen mitbekommen habe. Und so leben ich mein Leben. Ich denke, in Zeiten der Globalisierung ist es veraltet, in irgendwelchen Ländergrenzen zu denken. Warum immer wieder diese Unterschiede machen?

teleschau: Haben Sie als Halbtürkin Diskriminierung oder Fremdenfeindlichkeit selbst erlebt?

Tezel: Nein, absolut nicht. Auch meinem Vater ist das nicht begegnet. Aber ich denke, es ist die Aufgabe von uns allen, dass man sich auch immer wieder gegen Fremdenfeindlichkeit ausspricht. Dass man für eine Gemeinschaft von Menschen steht, für Diversität.

teleschau: Im Film ist Smallfoot ein Reporter, der auf der Suche nach der Quote seine Ideale aus den Augen verloren hat. Sich selbst treu zu bleiben und zu seinen Idealen stehen - ist das etwas, was im Laufe Ihrer Karriere auch für Sie ein Thema war?

Tezel: Mir selbst treu zu bleiben, ist auch so etwas, was mir mitgegeben wurde. Dass ich zu der stehen darf, die ich bin. Wenn ich jemand anderes sein müsste, nur um akzeptiert zu werden in so einer Filmwelt, dann hätte ich den Beruf gewechselt. Für mich steht das an erster Stelle, dass ich ich selbst bin und nicht versuche, den Idealen zu entsprechen, die andere mir aufdrücken wollen. Denn ich habe ja nur dieses eine Leben. Warum soll ich jemand anderes sein, als ich bin?

teleschau: Erzählen Sie noch kurz von Ihrem nächsten Filmprojekt?

Tezel: Ich drehe gerade in Kroatien mit Uli Edel, der Film spielt in den 20er-Jahren, und ich spiele eine Zirkusartistin, die zusammen mit ihrem Vater nach Amerika auswandert. Ich finde das spannend, weil es das Thema Ausländer und Fremdsein von einer anderen Seite beleuchtet: Wir Deutschen sind nämlich auch eine Auswanderer-Generation gewesen!

Quelle: teleschau - der mediendienst