Ein Marathon von einem Film

Ein Marathon von einem Film





"The Man Who Killed Don Quixote" findet am 27.9. den Weg in die Kinos - nach fast 30 Jahren

Was der große Orson Welles bereits in den 50-er Jahren versuchte, schaffte Terry Gilliam 2018: Er verfilmte Cervantes' Ritterroman "Don Quixote". Doch die Geschichte der Entstehung des Films ist vor allem eine Geschichte des Scheiterns. Gilliam, Mitbegründer der Comedy-Truppe Monty Python, nahm sich 1989 zum ersten Mal des Romans an - und startete damit einen Marathon.

Die Geschichte der Entstehung von "The Man Who Killed Don Quixote" ist so bemerkenswert, dass bereits im Jahr 2002 eine Dokumentation über die immer wieder unterbrochenen Dreharbeiten entstand. "Lost in La Mancha" sollte den Entstehungsprozess begleiten - und wurde ein Dokument des Scheiterns. Hollywood-Star Johnny Depp war damals, im Jahr 2000, für die Rolle des Toby Grisoni vorgesehen, Jean Rochefort sollte zum alternden Ritter werden. Terry Gilliam hatte zu diesem Zeitpunkt bereits zehn Jahre an den Vorbereitungen gesessen und war überzeugt: "Es wird ein außergewöhnlicher Film werden."

Die Dokumentation zeigt, wie Gilliam mit Depp und Jean Rochefort das Drehbuch durchgeht, einige Tage später beginnen die Dreharbeiten. "Wir sind hier alle ein bisschen ratlos", wird der Regisseur bald sagen. Das Filmset in Spanien wird von einem Unwetter zerstört, und Hauptdarsteller Rochefort ist plötzlich schwer erkrankt. Wenig später ist klar: Der Film kann nicht realisiert werden. "Was ist das? King Lear oder der Zauberer von Oz?", fragt Gilliam, während um ihn herum alles zusammenbricht. Es folgten Rechtsstreitigkeiten mit der Versicherungen, die erst 2006 als beigelegt galten.

Und so startete Gilliam einen neuen Versuch: Johnny Depp wurde durch Ewan McGregor ersetzt, Robert Duvall übernahm den Part des Don Quixote. Erneut wollte der Regisseur einen Hollywood-Film ohne Hollywood-Budget drehen - diesmal sogar mit noch weniger Budget, das mit 20 Millionen US-Dollar deutlich unter der Summe des ersten Versuchs lag. Ein hoffnungsloses Unterfangen. Im Herbst 2010 verkündete Gilliam, dass mit dem Start der Dreharbeiten frühestens im September 2011 zu rechnen sei.

Zumal auch ein dritter Versuch scheiterte. Diesmal hatte sich Gilliam Adam Driver als Sancho Panza und seinen alten Monty-Python-Kollegen Michael Palin als Don Quixote ins Boot geholt, dazu den berüchtigten Produzenten Paulo Branco. Doch während Driver und Palin fleißig Reitstunden nahmen, kam es zwischen Gilliam und Branco zum Streit über die kreative Kontrolle an "Don Quixote" - und erneut platzte das Projekt.

Terry Gilliams hoffnungslos scheinender Film war längst zum Mythos oder zum Running Gag geworden und plötzlich ging alles ganz schnell. Der Regisseur fand auf verschlungenen Wegen neue Geldgeber und mit Jonathan Pryce einen neuen Don Quixote. Trotz der schlechten Erfahrungen vom ersten Dreh bestand Gilliam auch im erneuten Anlauf darauf, nicht im Studio zu drehen: "'Don Quixote' ist mein Western! Er musste draußen, in der realen Welt gedreht werden", erzählt der Regisseur der Agentur teleschau. "Mir war es wichtig, dass man den Film richtig spüren und riechen kann. So kann man den Wahnsinn von Quixote nachempfinden. Beim ersten Dreh hat das Wetter alles zunichtegemacht; diesmal hatten wir richtig Glück. Jeden Tag dachte ich mir: Scheiße, jetzt kommt wieder ein Unwetter - und dann schien die Sonne!"

Und so entstand endlich der Film, auf den der heute 77-Jährige so lange hingearbeitet hatte. Ein Film, der nur so übersprüht vor Ideen, dass man sich bisweilen fragt, was Gilliam eigentlich erzählen wollte. Wer weiß, vielleicht hat er in all den Jahren, die er an seinem Film gearbeitet hat, selbst ein wenig den Überblick verloren. Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass "Don Quixote", nach all den Rückschlägen, mit Erwartungen in den Kinos gestartet ist, die einfach zu groß waren und die nicht einmal ein Terry Gilliam erfüllen kann. Andererseits: So viele Ideen, wie Gilliam in diese Zweieinviertel Stunden packt, hat manch anderer Filmemacher in seinem ganzen Leben nicht. Mit Adam Driver und vor allem Jonathan Pryce hat er außerdem großartige Hauptdarsteller gefunden, die vergessen lassen, dass einst andere für ihre Rollen vorgesehen waren.

Dass kurz nach der glamourösen Premiere in Cannes doch noch einmal alles kurz vor dem Ende stand, scheint der krönende Abschluss eines monströsen Dauerlaufs zu sein: Produzent Paul Branco, mit dem Gilliam 2016 einen Vertrag geschlossen hatte, verklagte Gilliam. Nachdem sich die beiden überworfen hatten, suchte sich Gilliam neue Geldgeber - denn Branco konnte das vereinbarte Budget nicht aufbringen. Doch ein Pariser Gericht entschied: Terry Gilliam hatte nicht das Recht, den Film nun ohne Branco zu realisieren. Entgegen der Befürchtungen verlor Gilliam aber nicht die Rechte am Film, sondern musste lediglich eine Entschädigung an die Produktionsgesellschaft zahlen - und "The Man Who Killed Don Quixote" findet nun auch den Weg in die deutschen Kinosäle.

Quelle: teleschau - der mediendienst