Florian Henckel von Donnersmarck

Florian Henckel von Donnersmarck





"Aus den Wunden des Lebens kann etwas Großartiges entstehen"

Nach einem kurzen Hollywood-Ausflug mit "The Tourist" (2010) kehrte Oscar-Gewinner Florian Henckel von Donnersmarck ("Das Leben der Anderen") für seinen neuen Film wieder nach Deutschland zurück. "Werk ohne Autor" ist ein ambitionierter Film über die deutsche Geschichte und das Wesen der Kunst - und sei genau deswegen genau der richtige Stoff für ihn, wie von Donnersmarck im Interview gut gelaunt erzählt. Es ist erst der dritte Kinofilm des gebürtigen Kölners (45), der als akribischer Arbeiter gilt und sich für seine Projekte immer genau so viel Zeit lässt, wie sie verlangen. Zum zweiten Mal wird er von Deutschland ins Oscar-Rennen geschickt.

teleschau: Sie lassen sich zwischen Ihren Filmen viel Zeit. Warum eigentlich?

Florian Henckel von Donnersmarck: Manche Filme kann man schnell machen. Bei "The Tourist" dauerte es von der ersten Drehbuchzeile bis zur Nullkopie elf Monate. An "Werk ohne Autor" habe ich etwas mehr als vier Jahre gearbeitet. Manche Filme erfordern etwas mehr Zeit.

teleschau: Womit haben Sie die denn bei "Werk ohne Autor" besonders viel Zeit verbracht?

Donnersmarck: Ich schreibe die Drehbücher für meine Filme selbst. Es gab einige Themen, zu denen ich viel recherchieren musste. Ich wollte alles reinpacken, was ich über die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts erzählen wollte und über die Kunstgeschichte. Also las ich ein halbes Jahr die wichtigen Bücher zu den Themen und traf mich danach mit Menschen, die diese Dinge erlebt hatten, um spezifische, persönliche Informationen zu erhalten. Dann schrieb ich neun Monate am Drehbuch. Die Vorproduktion war ein komplexer Prozess, weil wir sehr viel Kunst herstellen mussten, und die Dreharbeiten waren sehr lang. Nicht zuletzt ist "Werk ohne Autor" ein sehr umfangreicher Film, der sorgfältig geschnitten werden wollte. Da gehen dann schon einige Jahre ins Land. Es ist einfach ein Film, bei dem ich mir nicht sagen konnte, mal Fünfe gerade sein zu lassen.

teleschau: Können Sie denn überhaupt Fünfe gerade sein lassen, wenn es um Filme geht?

Donnersmarck: Wahrscheinlich nicht. Es gibt einen Satz von James Cameron, der mich sehr beeindruckte. Er wurde in einem Interview suggestiv gefragt, warum er Perfektionist sei. Daraufhin sagte er: "Das ist so nicht richtig. Ich bin kein Perfektionist, ich bin ein 'Rightist' - ein Richtigmacher." Er mache die Dinge so lange, bis sie richtig seien. Das ist bei mir genauso: Manchmal sitzt schon das erste Take, dann sage ich gerne: "Toll, wir haben's und weiter." Manchmal bekomme ich das, was ich suche, aber erst beim 30. Take - und dann muss eben so lange weitergemacht werden. Ich weiß ganz genau, was ich will. Das ist nicht immer einfach, aber als Regisseur habe ich eine große Verantwortung: Ich nehme einen ganzen Abend der Zeit des Publikums in Anspruch. Da sollte dann schon alles stimmen.

teleschau: Wie schwierig ist es denn auf einer persönlichen Ebene, alles richtig machen zu wollen?

Donnersmarck: Das ist in jeder Situation schwierig, außer beim Filmemachen. In meinem Kopf optimiere ich ständig alles, zum Beispiel, wenn ich durch Berlin gehe und mir die Stadt anschaue. Dann plane ich die Baulücken zu, reiße Gebäude ein, um andere zu errichten oder frage mich, warum ein Baldachin orange ist, obwohl ein roter viel besser passen würde. Oder ich kleide die Menschen anders ein, die mir entgegenkommen. Das ist durchaus anstrengend. Beim Film hingegen habe ich die Möglichkeit, einen Abend ganz nach meinen Vorstellungen zu gestalten. Das empfinde ich überhaupt nicht als anstrengend.

teleschau: Sie sagten nach "Das Leben der Anderen", dass Sie von DDR-Geschichte genug haben. Jetzt aber spielt sie schon wieder eine große Rolle: Was fasziniert Sie daran?

Donnersmarck: Ganz einfach: Es ist unsere Geschichte. Unser Land hat in konzentrierter Form den ganzen Wahnsinn erlebt, zu dem die Menschheit fähig ist. Davon waren die Menschen hier immer privat betroffen. Die Trennung in Ostblock und Westblock etwa haben wir in der Teilung unseres Landes erfahren. Unsere Geschichte ist in sehr spezifischer Form die zusammengefasste Weltgeschichte.

teleschau: Sie erzählen davon anhand der Kunst: Warum haben Sie sich die Biografie Gerhard Richters als Vehikel ausgesucht?

Donnersmarck: "Werk ohne Autor" ist keine Biografie Gerhard Richters, aber seine Geschichte war die Initialzündung. Ein befreundeter Journalist hatte einen Aspekt aus seinem Leben aufgedeckt, nämlich dass es eine ganz interessante Vermengung von Opfern und Tätern innerhalb seiner Familie gab. Dadurch bin ich auf die Grundidee gekommen: Das Buch war sehr interessant und gut recherchiert, lieferte mir aber nicht die dramatischen Bausteine, die für einen Film brauchte. Also überlegte ich mir: "Wie hätte so eine Geschichte sein können?"

teleschau: Weil Drehbücher spannender sind als Tagebücher?

Donnersmarck: Ich glaube sehr an Fiktion und daran, dass Dichtung der Wahrheit näher kommt als die Wirklichkeit. Deshalb war die Biografie Gerhard Richters nur der Ausgangspunkt. Ich wollte kein Biopic machen, es hätte mich gelangweilt, mich an einem Lebenslauf abzuarbeiten. Mich interessierte vielmehr, wie Künstler, die zum Beispiel aus der DDR kommen und vielleicht noch die Nazi-Zeit erlebt hatten, wie sie aus dem Schlimmsten, das unser Land erlebt hat, das Größte machen. Dass aus den Wunden des Lebens etwas Großartiges entstehen kann, ist für mich ein Beweis menschlicher Genialität.

teleschau: Wie viel persönliches Erleben muss denn in der Kunst stecken, damit sie wirksam, greifbar ist?

Donnersmarck: Es gibt einen Satz in der großartigen Autobiografie von Elia Kazan, in dem er über seine Zusammenarbeit mit Marlon Brando, Arthur Miller und Robert De Niro spricht, alles Genies in seinen Augen. Ihre künstlerische Genialität, sagt Kazan, sei der Schorf, der sich über den Wunden des Lebens gebildet hatte. Das ist ein sehr schönes Bild in meinen Augen, und es lässt sich weit strapazieren. Wenn die Wunde noch offen ist, kann keine Kunst entstehen, weil - bildlich gesprochen - das Blut noch fließt. Doch irgendwann setzt der Heilungsprozess ein: Je größer die Wunde war, umso größer ist der Schorf und ergo die Kunst.

teleschau: Sie sind Filmkünstler ... Wie ist es um Ihre Wunden bestellt?

Donnersmarck: Das Schöne als Filmemacher ist, dass die Emotionalität von den Schauspielern kommt. Insofern muss ich mich nur auf ihre Wunden verlassen. (lacht) Vielleicht muss man die Wunden auch nicht unbedingt selbst zugefügt bekommen haben. Man muss nur empfindsam genug sein, um sie in anderen Menschen zu erahnen.

teleschau: Mit Ihrem Debütfilm haben Sie den Oscar gewonnen: Empfinden Sie den Erfolg als Last?

Donnersmarck: Auf keinen Fall. Wieso sollte der Oscar eine Last sein? Jede Auszeichnung, die man als Filmemacher bekommt, macht das Leben leichter, weil es einfacher wird, den nächsten Film zu finanzieren. Wir arbeiten in einem teuren Medium, und je mehr objektive Elemente es gibt, die es den Finanziers leichter macht, daran zu glauben, dass ihr Geld nicht verloren ist, desto besser ist es.

teleschau: Und wie ist es persönlich? Setzen Sie sich selbst unter Erwartungsdruck? Zum Beispiel in Sachen Oscar?

Donnersmarck: Es wäre schrecklich, wenn ich einen Film mit dem Ziel mache, einen Oscar zu gewinnen. Dabei kann nichts Gutes herauskommen. Ich mache die Filme, die mich interessieren und die mich in dem oft langen Entstehungsprozess nicht langweilen. Bei "The Tourist" etwa interessierte mich, dass der Film in weniger als einem Jahr fertig sein musste und dass es einfach ungemein spannend war, mit zwei der charmantesten Menschen, die man sich vorstellen kann, in der schönsten Stadt der Welt ein tolles Abenteuer zu erzählen. Ich fühlte mich lebendig - und so ging es mir auch bei "Werk ohne Autor". Dass man sich am Leben fühlt, auch beim Filmeschauen - ist das nicht das Entscheidende?

Quelle: teleschau - der mediendienst