Detlev Buck

Detlev Buck





"Ohne Alpha-Männchen ist die Welt doch langweilig ..."

Über einen wie Detlev Buck wurde schon viel gesagt und viel geschrieben. Der Sohn eines Bauern absolvierte erfolgreich die Deutsche Film- und Fernsehakademie in Berlin und startete in der Folge durch mit Komödien wie "Männerpension" (1996) und Dramen wie den Deutschen-Filmpreis-Gewinner "Knallhart" (2005). Filme wie "Same same but different" (2008) und "Rubbeldiekatz" (2011) belegen seine Wandlungsfähigkeit, die er immer wieder auch vor der Kamera als Darsteller zeigt. Ein kommerzieller Erfolg gelang Buck mit den Verfilmungen von "Bibi & Tina" (2014-2017). Nun hat der gebürtige Bad Segebeger mit Wohnsitz in Berlin den Ganoven-Film "Asphaltgorillas" (Start: 30.08.) inszeniert, mit viel Action und Lust am Klischee. Zum Interview in München erscheint Buck mit Hawaii-Hemd und Hut und gibt sich ganz ungezwungen: Der 55-Jährige duzt einen gleich und ist schnoddrig wie eh und je. Über sich mag er nicht sprechen, aber über Filme um so mehr. Na dann ...

teleschau: Es gibt wenige deutsche Regisseure, die so vielseitig sind wie Sie. Sie drehen Kinderfilme, Liebeskomödien und jetzt bedienen Sie auch noch das Genre des Ganovenfilms.

Detlev Buck: Ich bediene eigentlich nicht ein Genre - ich versuche eher, einer Geschichte gerecht zu werden. Und in diesem Fall war das der zweite Akt einer Kurzgeschichte von Ferdinand von Schirach. In der geht's um Drogen, die aus Holland her transportiert werden. Aber das war mir zu simpel.

teleschau: Und deshalb haben Sie diese Geschichte umgeschrieben.

Buck: Ja, der Protagonist musste umgebaut werden, weil der war im Buch ziemlich doof, ein dummer Mann. So ist dann der Charakter von Atris entstanden als jemand, der versucht, seiner Herkunft zu entfliehen. Das benutze ich ja sehr oft in Filmen, zum Beispiel auch in "Knallhart" oder "Männerpension". Da geht es immer um Menschen, die eine neue Heimat suchen, weil sie wissen, da wo sie jetzt sind, geht es nicht weiter. In der Kurzgeschichte gibt es auch keine Frauenfiguren. Aber Atris nimmt, während er dabei ist, vor sich selbst wegzulaufen, eine Frau im Auto mit. Und damit beginnt sein Abenteuer und seine Befreiung, das gibt es alles nicht bei Schirach.

teleschau: Ein Satz aus dem Film bleibt besonders im Gedächtnis: "Manchmal muss man das machen, wovor man am meisten Angst hat." Hatten Sie vor diesem Film auch ein bisschen Bammel?

Buck: Das sind ja so Sätze, weshalb ich den Film gemacht habe. Man muss seine Angst überwinden, sonst wirst du nie über den Tellerrand schauen! Klar hatte ich auch Angst, einen solchen Film zu drehen. Vor allem nach "Bibi und Tina". "Asphaltgorillas" ist ja ein risikoreicher Film, der kann auch floppen. Aber man muss es machen, sonst hat man die Erfahrung nicht. Risiko-Minimierung ist für mich falsch.

teleschau: Inwiefern war der Film eine Herausforderung?

Buck: Die Vorbereitungszeit war sehr lang, denn mit dem Drehbuch war das alles nicht einfach. Außerdem mussten wir so viel recherchieren! Und dann die ganzen Gewaltszenen, die sind ja nicht realistisch.

teleschau: Dafür sehen sie ziemlich gut aus. Überhaupt, dieses Milieu und die Gangster, die da in Ihrer Berliner Unterwelt unterwegs sind, das wirkt alles sehr cool und stimmig.

Buck: Das ist ja alles gebaut und behauptet. Aber wenn man am Samstag einen Lambo auf dem Ku'damm verfolgt - wenn man es denn schafft, denn die sausen ja mit ein paar hundert PS von Ampel zu Ampel - und wenn dann der Alpha-Mann aussteigt mit seinem muskulösen Körper und seinen Auftritt macht, dann weiß man, wir haben nicht übertrieben. Ich find's herrlich!

teleschau: Drum haben auch im Film fast alle Männer ziemlich große Egos.

Buck: Ohne diese Alpha-Männchen ist die Welt ja auch langweilig! Die geben sich zwar Gangster-mäßig, aber letztlich suchen alle nur Liebe. So ein Macho-Gehabe ist ja auch völlig sinnlos, aber es ist eben oft sehr erfolgreich. Man muss sich nur umschauen, zum Beispiel in der Politik, da findet das Anerkennung und gilt als sexy.

teleschau: Der einzige Kerl im Film, der kein Macho ist, ist Atris. Welcher Figur fühlen Sie sich am nächsten?

Buck: Ich bin schon irgendwie Atris, der sucht und sich nicht ganz sicher ist. Der auch hadert, der etwas verändern möchte, aber das nicht richtig kann. Sein Kumpel Franky hat auch Angst, das merkt man. Ich selbst hatte auch mal so einen Freund wie Franky, der hat immer zu hoch gepokert, der hatte als erster ein Motorrad und eine Freundin und so. Also einer, bei dem du weißt, das kann nicht gutgehen. Und Franky ist so einer. Aber Atris ist loyal und schützt ihn.

teleschau: Ist der Film eigentlich eine Liebeserklärung an Berlin, Ihre Wahlheimat?

Buck: Nö, für mich ist das kein typischer Berlin-Film. Der Großstadtcharakter musste sein, aber wo das spielt, das war gar nicht so wichtig für mich.

teleschau: Was treibt Sie eigentlich an - außer einer offensichtlichen Risikobereitschaft?

Buck: Ich habe mal ein Gespräch gehabt mit einem Kameramann, der sagte: "Du musst es machen wie ein Künstler. Eine perfekte Form finden und die immer wiederholen, damit bist du wiedererkennbar." Aber das interessiert mich nicht, weil ich jeder Geschichte eine eigene Form geben möchte. Das ist viel spannender. Bei mir ist alles immer durchdrungen, es gibt da immer so ein twinkle in the eye. Außerdem ist das Kino im Moment sehr Event-lastig. Die Geldgeber und die Geschichten wandern ab auf die Streaming-Plattformen, da sind jetzt die spannenden Storys. Im Kino wird nur mit großem Marketing auf Event und Action geschossen. Das finde ich vollkommen boring! Das Kino muss aufpassen, dass es sich nicht der Emotion beraubt. Wenn ich schon weiß, wie alles ausgeht, wieso soll ich dann eine Karte dafür kaufen?

Quelle: teleschau - der mediendienst