Joachim Luger

Joachim Luger





Warum Hans Beimer sterben muss

Stell dir vor, du hast zwei Leben und zwei Familien: einmal als Figur in einer Fernsehserie und einmal in echt. Schauspieler Joachim Luger (74) ist es so ergangen. Fast 33 Jahre lang war er Hans Beimer aus der "Lindenstraße". Vom ersten Tag, von der allerersten Szene an stand Luger als Beimer in vorderster Reihe der 1985 von Hans W. Geißendörfer in die bundesdeutschen Wohnzimmer gehievten WDR-Produktion. Die "Lindenstraße", die nach wie vor sonntags, 18.50 Uhr, im Ersten zu sehen ist, schrieb TV-Geschichte, die Meriten kann Luger und den Stars der ersten Stunde keiner mehr nehmen. Jeder kennt den engagierten, etwas biederen Familienvater aus der Serie, jeder weiß, dass "Hansemann" einst seine "Taube" mit einer Jüngeren betrogen und seine Familie nebst "Mutter Beimer" Helga (Marie-Luise Marjan) verlassen hatte, um die schöne Nachbarin zu heiraten. Aber kaum einer weiß über den Schauspieler Bescheid. Vielleicht hört Luger nun auch deshalb auf? Weil es höchste Zeit ist, sich voll und ganz auf das wahre Leben zu konzentrieren? Vor dem unwiderruflichen Serientod und seiner allerletzten Folge am 2. September haben wir ihn auch das gefragt.

teleschau: Wäre es makaber, Herr Luger, wenn wir Sie fragen, ob Sie sich schon auf Ihren Serientod freuen?

Joachim Luger: (lacht) Freuen ist zu viel gesagt, aber ich wollte es ja so. "Die Ruhe nach dem Sturm", die Folge, in der Hans Beimer das Zeitliche segnen wird, wurde ja schon Ende Mai gedreht.

teleschau: Wie war das für Sie?

Luger: Anders als alles andere in fast 33 Jahren "Lindenstraße". Die Dreharbeiten waren schon sehr aufregend, die Folge wird ungewöhnlich episch erzählt. Ich bin selbst sehr gespannt, denn ich werde die fertige Folge auch erst am 2. September sehen.

teleschau: Was dürfen Sie verraten?

Luger: Im Grunde genommen gar nichts. Außer dass Hans Beimer sterben soll - das wurde schon im Mai kommuniziert. Es wird eine der aufwendigsten Folgen überhaupt: Produzenten, Regie und Autoren haben keine Kosten und Mühe gescheut, das kann ich versprechen. Der Höhepunkt folgt am 2. September, wenn das WDR Funkhausorchester mit seinen 52 Musikerinnen und Musikern die Filmmusik zur Folge im Großen Sendesaal des WDR im Funkhaus am Wallrafplatz live einspielen wird. Und das zeitgleich zur Ausstrahlung um 18.50 Uhr im Fernsehen. So was hat es noch nicht gegeben!

teleschau: Wie und woran stirbt Hans Beimer?

Luger: Lassen Sie sich überraschen. Ich sage nur, dass es dramatisch werden wird. In den letzten Drehtagen habe ich kurioserweise heftige Zahnschmerzen bekommen und musste mir den pochenden Zahn in einer Notfallklinik entfernen lassen. Womöglich war mein Martyrium für die Rolle ja nicht so schlecht ... Wer weiß (lacht).

teleschau: Zur übernächsten Folge gibt es ein Szenenbild mit dem Grab Hans Beimers. Kommen Ihnen da nicht selbst die Tränen?

Luger: Na ja, es lässt einen nicht kalt, wenn man nach 33 Jahren eine solche Rolle abgibt. Seltsamerweise war ich direkt nach Drehschluss nicht besonders emotional - da hatten wir alle wohl zu viel um die Ohren. Aber als ich im Juli endlich mal in aller Ruhe allein durch unsere "Lindenstraßen"-Kulisse ging, hat mich das schon sehr berührt.

teleschau: Was sagen die Fans?

Luger: Es gab sehr viele Reaktionen in den sozialen Medien. Viele Menschen waren offensichtlich traurig darüber, als sie vom Ende Hans Beimers erfuhren. Ich selber habe wenig davon mitbekommen, weil ich lieber einen weiten Bogen um Facebook und Co. mache. Obwohl ich weiß, dass das eigentlich dazu gehört. Aber mit fast 75 Jahren fange ich auch nicht mehr damit an.

teleschau: Warum steigen Sie eigentlich aus?

Luger: Ich bin im Herzen eigentlich ein Abenteurer, ich wollte einfach mal wieder einen Schritt ins Ungewisse tun. Außerdem wollte ich etwas mehr Zeit für mich, für meine Familie und andere Rollen haben. Ich bin gespannt, was nach 33 Jahren als Hans Beimer nun auf mich zukommt. Es kribbelt. Es ist doch gut, wenn man das in dem Alter behaupten kann, oder?

teleschau: Hans Geißendörfer hat Sie damals nach dem Casting vom Fleck weg als Hans Beimer besetzt. Empfanden Sie für die Rolle des biederen Familienvaters auch Liebe auf den ersten Blick?

Luger: Nein, ich war nicht gleich Feuer und Flamme. Ich hatte anfangs ja gar keine Vorstellung davon, was da auf mich zukommen würde. Und als Geißendörfer meinte, dass er mich für ein ganzes Jahr engagieren will, musste ich erst einmal eine Weile darüber nachdenken, weil ich wusste, dass ich nun erst mal kaum Zeit haben würde, um zum Beispiel Theater zu spielen. Und dann kam diese Serie mit voller Breitseite über mich (lacht).

teleschau: Gleich so schlimm?

Luger: Ja, wir hatten zunächst heftigen Gegenwind - seinerzeit ließ die Presse lange kein gutes Haar an uns. Da lastete von der ersten Folge an ein großer Druck auf uns.

teleschau: Wieso haben Sie Ihren ersten Vertrag dann verlängert?

Luger: Aufzugeben kam nicht infrage. Wir entwickelten damals ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl - nach dem Motto: "Wir sitzen im selben Boot und lassen uns von denen nicht unterkriegen!" Aber es gab bei mir auch eine egoistische Überlegung, ich dachte: "Wenn du jetzt aussteigst und das sinkende Schiff verlässt, kriegst du in dem Beruf kein Bein mehr auf den Boden." Und nach zwei Jahren als Hans Beimer wurden die Angebote von anderen Produktionen deutlich weniger. Das Schubladendenken in der Branche gab es damals wie heute.

teleschau: Aber auf einmal drehte sich der Wind!

Luger: Ja, es ging auf einmal in die andere Richtung. Es war das Publikum, das uns als Familie Beimer Sympathie entgegenbrachte und uns die Treue hielt. Wir spürten, dass die Nation, anders kann man es kaum sagen, Anteil an unserem banalen Alltag nahm. Und von diesen Tagen an ging es richtig los mit der "Lindenstraße".

teleschau: Dann aber kam es zum Skandal!

Luger: Ja, die Zuschauer erlebten die traute Zweisamkeit von Hans und Helga ganze drei Jahre lang - dann kam der legendärste Seitensprung der deutschen Seriengeschichte. Hans Beimer wandte sich seiner jungen, schönen Nachbarin Anna Ziegler (gespielt von Irene Fischer, d. Red.) zu und spaltete sogleich die Fernsehnation: Die einen konnten es nachvollziehen, die anderen wetterten Zeter und Mordio. Spannende Zeiten waren das. Darüber hinaus hatten wir ja viele solche gesellschaftlichen Grundkonflikte in unseren Geschichten. Rechtsradikalismus, Atomkraft, homosexuelle Liebe, Drogenmissbrauch, häusliche Gewalt, Integration und Flüchtlingspolitik ... Und wir hatten den ersten körperlich Behinderten in einer Serie. Geißendörfer landete mit den Themen auch auf der politischen Bühne - was ihn natürlich anspornte.

teleschau: Denken Sie, die "Lindenstraße" hat in über drei Jahrzehnten etwas bewirkt?

Luger: Sie hat vielleicht nicht die Welt oder unsere Gesellschaft verändert, aber sie leistete oft einen Beitrag zu wichtigen Debatten. Die Serie war provokativ, hat den Fokus immer wieder auf die heißen Eisen gelenkt und relevante Dinge kommentiert - aus einer Perspektive, die links von der Mitte war. Die "Lindenstraße" hat Maßstäbe gesetzt.

teleschau: Inwiefern?

Luger: Sie war immer klar positioniert, das war Geißendörfers Philosophie. So kam es zu dem Kuriosum, dass wir vor allem im ersten Jahrzehnt für so ein Familienformat eine ungewöhnliche junge Zuschauerschaft hatten. Es schauten auch viele Studenten zu. Eigentlich waren es sämtliche Bevölkerungsschichten. Dass heute sogar Daily Soaps das Konzept kopieren, kommt nicht von ungefähr.

teleschau: Die Serie wollte immer das Gute ...

Luger: Na ja. So pauschal würde ich das nicht sagen. Denken Sie an Hans und Anna - was da gut oder böse war, das ist eine Frage, die bis heute polarisiert (lacht). Es gibt immer noch Menschen, die Hans Beimer, und manchmal sogar auch mich, einen Ehebrecher schimpfen.

teleschau: Stimmt es, dass Sie die Sache mit dem Ehebruch seinerzeit forciert haben?

Luger: Absolut richtig. Mir wurde der brave Familienvater irgendwann zu langweilig. Aber wie Geißendörfer und die Drehbuchautoren die Geschichte weiterentwickeln würden, hatte ich nicht ahnen können. Aus dem Seitensprung wurden eine Schwangerschaft, eine Scheidung, eine neue Ehe, eine neue Familie mit vier Kindern und eine Liebe, die über 30 Jahre hielt.

teleschau: Zuletzt war Hans Beimer an Parkinson erkrankt, er nahm Cannabis, um sich Linderung zu verschaffen, gleichzeitig trainierte er für seinen großen Traum, einmal den Jakobsweg zu gehen ...

Luger: Ja, Hans Beimer hat sein Leben lang kämpfen müssen - für seine Überzeugungen, für seine Liebe, für seine Freiheit und am Ende auch für seine Gesundheit. Er hat nicht alle Kämpfe gewonnen, sein Leben hatte Licht und Schatten, aber er hat immer weitergemacht. Hans Beimer war ein echtes Stehaufmännchen. Viel zu lachen hatte er nie, der Hans - einer der Gründe, warum ich so gerne Komödien am Theater spiele (lacht).

teleschau: Ist er ein Vorbild?

Luger: Er ist ein ganz normaler Familienvater - und doch irgendwie auch alles andere als das. Ich hoffe, er hat vielen in gewisser Weise als Vorbild gedient, weil er immer aufrecht und geradeaus seinen Weg ging. Vielleicht hat meine Filmfigur den ein oder anderen inspiriert, wie man mit einem Leben und dem ganzen Alltagswahnsinn fertig wird.

teleschau: Braucht Deutschland diese Hans Beimers?

Luger: Ich würde sagen, ja. Menschen, die für ihre Überzeugung und für ihre Familie einstehen, also Menschen, die wie er einfach versuchen, ihr Leben zu meistern, ohne sich dabei charakterlich zu verbiegen - sie sind sicherlich der Kitt unserer Gesellschaft. Ich denke, deswegen hat Geißendörfer die Figur über all die Jahre beibehalten und weiterentwickelt und mit einem derart prominenten Part versehen.

teleschau: Wie war es für Sie privat, über mehr als drei Jahrzehnte eine Art Zweitfamilie zu haben?

Luger: Es war nicht immer leicht für meine Familie. Ich hatte kurz vor dem Engagement in der "Lindenstraße" erst geheiratet, war gerade dabei, mir ein eigenes Familienleben aufzubauen, und plötzlich landete ich in einer Serien-Familie mit drei Kindern und Marie-Luise Marjan als Film-Ehefrau ... Meine Lösung war stets, Privates und Berufliches strikt zu trennen. Es gab nie irgendwelche Homestorys. Meine Frau blieb im Hintergrund. Aber Sie können sich denken: Immer im Hintergrund zu bleiben, ist nicht immer einfach. Den Schatten muss man aushalten können. Sie hat das toll gemacht. Mein jüngerer Sohn hatte es in den Anfangsjahren der "Lindenstraße" auch manchmal nicht leicht.

teleschau: Weil der Vater selten zu Hause war?

Luger: Nein, er wurde häufig wegen meiner Rolle gehänselt. Kinder können sehr unfair sein. Aber das ist lange her.

teleschau: Würden Sie dennoch alles wieder so machen, Herr Luger?

Luger: Man kann ein Leben nicht zurückdrehen. Ich habe meine Entscheidung sehr bewusst getroffen - und nun ist es eben genug. Es war zuletzt zunehmend schwieriger für mich geworden. Einen Parkinsonkranken zu spielen ist eine ziemliche Herausforderung. Mimik, Gestik und Sprache, die wichtigsten Ausdrucksmöglichkeiten eines Schauspielers, werden eben wesentlich reduziert. Aber privat bin ich zum Glück gesund und freue mich auf das, was jetzt noch kommt. Ich habe eine Familie, ich habe Enkelkinder, und ich habe mehr Zeit für meine Leidenschaft, das Segeln, und natürlich für meinen Beruf als Schauspieler. Wer weiß, es gibt noch vieles, was passieren kann.

teleschau: Sie werden am 2. Oktober 75 Jahre alt. Gibt es einen besonderen Wunsch?

Luger: Ja. Ich möchte gern anfangen, Drehbücher zu schreiben. Ich habe eine Kurzgeschichte im Kopf, aus der ich gerne ein Drehbuch für einen Film entwickeln würde. Es muss ja nicht gleich eine Serie mit über 1.685 Folgen werden ... (lacht)

Quelle: teleschau - der mediendienst