Nach dem Urteil

Nach dem Urteil





Schlachtfeld Familie

Längst nicht jeder Film wartet mit einem Einstieg auf, an den man sich auch später schwer beeindruckt zurückerinnert. Der Franzose Xavier Legrand beginnt seine erste abendfüllende Regiearbeit "Nach dem Urteil" mit einer bürokratischen Anhörung vor einer Familienrichterin, die mehr als 15 Minuten der Gesamtlaufzeit in Anspruch nimmt. Betont nüchtern dokumentiert die Kamera, wie die beiden anwesenden Parteien - auf der einen Seite Miriam Besson (Léa Drucker), auf der anderen Noch-Ehemann Antoine (Denis Ménochet) - ihre Standpunkte im Streit um das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn Julien (Thomas Gioria) durch ihre Anwältinnen vortragen lassen. Von Gewaltausbrüchen und Einschüchterungsversuchen des Vaters ist die Rede. Davon, dass sich der Junge - ebenso wie seine ältere Schwester Joséphine (Mathilde Auneveux) - gegen den Kontakt ausspricht, was jedoch Zweifel nicht beiseite wischt. Immerhin klingen Antoines Beteuerungen und die Einlassungen seiner Rechtsvertreterin durchaus plausibel.

Mit dieser hochkonzentrierten Sequenz, die die Aufmerksamkeit des Publikums sofort bindet, führt Legrand nicht nur in die offenbar dramatisch zerrütteten Familienverhältnisse ein. Gleichzeitig veranschaulicht er auch, wie schwierig eine Bewertung für Juristen ist, wenn sich komplett widersprüchliche Aussagen gegenüberstehen. In "Nach dem Urteil" entscheidet die Richterin im Anschluss an die Anhörung zugunsten Antoines. Fassungslos muss sich Miriam mit dem Gedanken anfreunden, dass der elfjährige Julien von nun an jedes zweite Wochenende bei seinem Vater verbringen soll. Trotz dieser Regelung spitzt sich die Lage allerdings immer weiter zu.

Manch ein Kritiker bemängelte, dass Legrand die anfängliche Ambivalenz mehr und mehr für eine klare Rollenverteilung aufgibt. Ein Einwurf mit Berechtigung. Und doch bleibt festzuhalten, dass der Film durch seine zunehmend parteiische Haltung in seiner intensiven Wirkung keinen Schaden nimmt. Ohne plump zu psychologisieren, entwirft das in Venedig mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnete Regiedebüt eine explosive emotionale Gemengelage und zeigt vor allem eines: Kinder sind oft die Hauptleidtragenden, wenn eine Ehe auseinanderbricht. Auch der spürbar verunsicherte Julien wird zu einem Spielball und sieht sich mehr als einmal gezwungen, selbst mit Lügen und Manipulationen zu operieren.

Faszinierend ist angesichts der sich langsam Bahn brechenden Eskalation, dass Legrand an seiner unaufgeregten Inszenierung festhält. Statt effekthascherische Mittel zu bemühen, verharrt die meistens starre Kamera weiterhin in einer Beobachterrolle. Und bis zum Schluss kommt "Nach dem Urteil" ohne musikalische Untermalung aus. Gerade der Verzicht auf allen Schnickschnack schärft die Sinne für die tiefsitzenden Konflikte, denen das Ensemble durch fein austarierte, eindringliche Darbietungen ungeahnte Wucht verleiht.

Zu den Stärken des nach und nach zum Thriller avancierenden Familiendramas gehört nicht zuletzt die realistische Art und Weise, wie das Drehbuch auf seinen großen Knall zusteuert. Da sich der Regisseur allzu reißerischen Mustern verweigert, drängt sich dem Betrachter am Ende, als es tatsächlich zu einem erschütternden Ausbruch kommt, ein unbehaglicher Gedanke auf: Der traurige Schlusspunkt und der Weg dorthin könnten ohne weiteres einem ausführlichen Zeitungsbericht entnommen sein.

Quelle: teleschau - der mediendienst