Klaus Lemke

Klaus Lemke





Nicht rumbitchen, Digga!

Wenn Klaus Lemke zum Interview bittet, hat man als Journalist nicht viel zu melden. Diktiergerät? "Lass stecken, Digga." Immerhin, ein paar Sätze darf man beim Gespräch in einem Café in der Münchner Türkenstraße dann doch notieren. Lemke, 77, wohnt hier gleich ums Eck, und ein paar Meter weiter, in der Schellingstraße, hat er seinen neuen Film gedreht. "Bad Girl Avenue" (ZDF, Montag, 27. August, 0.00 Uhr) heißt das schräge Machwerk des Schwabinger Anarcho-Regisseurs, der in den 70er-Jahren mit Filmen wie "Rocker", "Sylvie" und "Amore" Kultstatus erlangte und heute seine Rolle als Außenseiter des deutschen Films sichtlich genießt.

teleschau: Herr Lemke, was macht die Schellingstraße für Sie zur Bad Girl Avenue?

Klaus Lemke: Das ist diese fiese Gier nach Authentizität. Mal so bad zu sein, wie man das immer schon wollte. Und wenn auch nur für paar Stunden im Süden der Nacht.

teleschau: Sie haben auch "Bad Girl Avenue" nur mit Laien gedreht. Woher haben Sie Ihre Hauptdarstellerin, Judith Paus?

Lemke: So wie auch Sylvie Winter und Cleo Kretschmer und Saralisa Volm - aus dem Nachtleben. Nach Mitternacht. Digga, Judith wird die neue Cle. Weil sie wie Cleo dem Zuschauer dieses schiefe Lächeln ins Gesicht zaubern kann, auf das es im Leben zum Schluss ganz allein ankommt.

teleschau: Sie drehen immer ohne Drehbuch. Wie finden Sie Ihre Geschichten?

Lemke: Ich tu alles, um den Widersprüchen meiner Personen so nah wie möglich zu kommen. Und ich akzeptiere, dass es im Leben immer mehr aufs Maul gibt als Küsse im Dunkeln. Es geht darum, nicht als Abstiegskandidat am Leben rumzubitchen. Die beste Antwort auf die geballte Irrationalität des Lebens ist: sich von einer Katastrophe in die nächst größere zu retten.

teleschau: Auch "Bad Girl Avenue" ist ganz ohne Filmförderung entstanden

Lemke: Man braucht kein Geld für Film. Es genügt, dass man sein Handy bezahlen kann. Ganz egal, wie teuer ein Film ist - es geht immer nur um fehlendes Geld. Und das sollte man nicht durch Rumgeheule, sondern durch erhöhten Kampfgeist ersetzen. Nur dann kann das Erzählen zum eigentlichen Abenteuer eines Films werden. Es sollte nicht darum gehen, ein paar arme Gesichtsverleiher an den Strippen eines meist bescheuerten Plots durch den Film zu quälen.

teleschau: Ist das so in Deutschland?

Lemke: Schlimmer noch: in der ganzen EU! Ein paar Megafirmen plündern den Steuerzahler - wie früher die Päpste die Kirche. Ich sag' dir: Ohne weiteres kann man drei von zwei deutschen Filmregisseuren durch Frauen ersetzen. Aber nichts würde sich ändern. Noch nicht einmal vielleicht. Das System ist kaputt. Zu Tode subventionierter Kaffeeklatsch. Brav, banal und frigide. Und selber schuld!

teleschau: Aber Sie bekommen für Ihre Filme Geld vom Beitragszahler ...

Lemke: Ich finanziere meine Filme ganz allein, mit meinem eigenen Geld, das ich mit dem Drehen von Werbefilmen verdiene. Jeden zweiten Film breche ich ab. Erst, wenn ein Film fertig ist und mir hundertprozentig gefällt, gehe ich zum ZDF und rede über eine mögliche Koproduktion.

teleschau: Und wovon leben Sie?

Lemke: Digga, ich habe keine Lebensversicherung, kein Smartphone, kein Internet, ich habe keine Kinder und keinen Anzug. Ich drehe meine Filme nur mit Kameramann. Sonst hab ich kein Personal. Nur so kann man es sich leisten, Filme auf hundertprozentiges Risiko zu drehen. Und nur so ist Film der schönste Jungssport aller Zeiten.

Quelle: teleschau - der mediendienst