Nico Hofmann

Nico Hofmann





"Die Zeiten werden härter"

Wie also fühlt es sich an, die traditionsreichste Produktionsfirma in Deutschland anzuführen? Seit 1. September 2017 ist Nico Hofmann alleiniger CEO der UFA-Gruppe. 100 Jahre wurde die UFA 2017, in München läuft noch bis Anfang September dazu die Ausstellung "Die UFA - Geschichte einer Marke", in der historische Hochzeiten ebenso beleuchtet wie Krisenzeiten aufgearbeitet werden. Hofmann, der seit Ende des Jahrtausends als Mitbegründer der teamWorx Television & Film im Konzert der großen Produktionsgesellschaften mitspielt, blickt mit wachen, kritischen Augen auf die Gegenwart. Eindringlich appelliert er an die Branche, sich vermehrt politisch zu äußern: "Die Agenda vieler Künstler, in dieser Hinsicht gar nicht auffallen zu wollen, ist falsch. Die Zeiten werden härter, und wir müssen uns klar sein, welchen Einfluss auch wir haben." Der 58-Jährige sieht dabei auch die UFA und sich selbst in der Pflicht.

teleschau: Seit September 2017 sind Sie alleiniger CEO der UFA-Gruppe. Also Deutschlands wichtigster Fernsehproduzent?

Nico Hofmann: Ich weiß wirklich nicht, ob man das so sagen sollte. Meine Selbstwahrnehmung ist eine andere. Sicher, die UFA ist ein großes Unternehmen. Aber ich habe einen großen Respekt vor vielen Kollegen, die auf dem Markt agieren: Oliver Berben oder Quirin Berg zum Beispiel. Ich könnte Ihnen weitere nennen. Es geht mir nicht um Größe, es geht mir um Qualität.

teleschau: Aber die Verantwortung hat zugenommen ...

Hofmann: Das ist tatsächlich eine große Veränderung in meinem Leben. Es macht Spaß, ja, aber es bedarf auch großer Energie. Schließlich muss ich und will ich wirklich alle Programme, für die ich verantwortlich bin, auch gesehen haben.

teleschau: Ein hehres Ziel!

Hofmann: Glauben Sie mir: Ich habe mir wirklich vorgenommen, jedes Programm zu kennen. Ob "Zuhause im Glück", "Hartz aber herzlich" bei RTL II oder "Deutschland sucht den Superstar". Das ist eine wesentliche Veränderung in meinem Leben als Produzent: Es geht weg von der Verantwortung für einzelne Programme hin zu einer Gesamtverantwortung. Das ist eine andere Art von Management.

teleschau: Ihr Name steht seit jeher für großes wuchtiges Fernsehen, von "Der Tunnel" über "Die Flucht" bis "Unsere Mütter, unsere Väter". Plötzlich stehen auch kleine, womöglich schwächere Produktionen auf Ihrer Agenda. Werden Sie in Ihrer Rolle nicht zwingend auch mit einer Mittelmäßigkeit konfrontiert, die sich in einem solch großen Unternehmen per se nicht verhindern lässt?

Hofmann: Wir haben großartige Programme in unseren verschiedenen Units, ob das bei Serial Drama, Show & Factual, unserem digitalen Bereich mit UFA X oder im Fiktionalen ist. Wichtig ist mir, und ich sage das mit Vehemenz, weil es eine Herzensangelegenheit ist: Ich will gegen Mittelmäßigkeit angehen, egal in welchem Bereich sie mir begegnet.

teleschau: Ist das tatsächlich überall möglich?

Hofmann: Ich bin der Meinung, dass sich in jedem Programmbereich Exzellenz zeigen lässt. Nehmen Sie die Casting-Shows. Ich habe viele Gespräche mit Dieter Bohlen in Mallorca über "Deutschland sucht den Superstar" geführt. Mit Erfolg, wie ich glaube. Exzellenz lässt sich diskutieren.

teleschau: Welche Kernziele verfolgen Sie darüber hinaus in den kommenden Monaten?

Hofmann: Mein Hauptaugenmerk liegt darauf, die Firma zu verjüngen und sie deutlich weiblicher zu machen. Schon jetzt habe ich mit vielen Mitarbeitern zu tun, die zwischen 25 und 35 Jahre sind, was gerade auch im digitalen Bereich für uns wichtig ist. Manches erinnert mich da an meine Anfangszeit bei teamWorx, als ich selbst noch Mitte 30 war. Die Exzellenzdebatte, die Verjüngungsdebatte und die digitale Debatte - das sind unsere Themen, und zu ihnen führe ich einen offenen Diskurs mit allen Mitarbeitern.

teleschau: Ist das Große, das Wuchtige der UFA eher Chance oder Hindernis?

Hofmann: Zunächst bin ich darauf stolz. Wir haben 800 Stunden Neuprogramm jedes Jahr, 2.500 Stunden Sendezeit mit Wiederholungen. Die UFA ist ein großer Dampfer. Aber wie alle großen Dampfer haben wir auch das Kernproblem, dass wir nicht behäbig werden dürfen. Was bedeutet: Man muss ihn zerlegen in viele kleine Schnellboote.

teleschau: In welcher Weise?

Hofmann: Zum einen haben wir eine dezentrale Struktur geschaffen, zum anderen neue, kleine Gruppen gebildet, die in Alleinverantwortung arbeiten. Das ist unsere Herangehensweise.

teleschau: Wie definieren Sie als Chef eines so großen Unternehmens den Begriff "Macht"?

Hofmann: Der Begriff taucht für mich nur im Zusammenhang mit Verantwortung auf. Vertrauen und Verantwortung - darum geht es. Als Beispiel ließe sich das Abschneiden der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der WM nennen. Schiere Größe genügt nicht, sie kann sogar schädlich sein. Behäbigkeit, Luxus - das sind gefährliche Tendenzen. Für die UFA gilt meines Erachtens deshalb auch: Wir müssen nahbar bleiben. Wir dürfen uns niemals gut genug sein. Und wir sollten uns immer wieder hinterfragen. Groß zu sein, ist allein keine Agenda mehr. Daher wünsche ich mir, dass es in der UFA auch möglich sein muss, mit unseren jungen Produzentinnen und Produzenten quasi Start-ups in der eigenen Firma zu schaffen.

teleschau: Sie selbst stellen Ihre eigene Person deutlicher als früher in den Mittelpunkt. Mit "Mehr Haltung, bitte!" haben Sie sogar ein eigenes Buch veröffentlicht.

Hofmann: Das Buch habe ich geschrieben, weil ich die politische Entwicklung seit Monaten mehr als bedenklich finde. Das spiegelt sich jeden Tag wider, zuletzt zum Beispiel in der Rede von Alexander Gauland mit dem Vergleich von Honecker und Merkel. So etwas ist degoutant und dabei verräterisch zugleich.

teleschau: Sie fordern ein größeres politisches Engagement aus Ihrer Szene?

Hofmann: Absolut. Unsere Branche täte gut daran, sich in politischen Sachverhalten viel stärker zu äußern. In den USA geschieht das. Dort äußern sich wichtige Produzenten und Schauspieler eigentlich immer politisch und nutzen ihre Veranstaltungen zum Austausch. Das fehlt mir hier sehr in unserem Land. Die Agenda vieler Künstler, in dieser Hinsicht gar nicht auffallen zu wollen, ist falsch. Die Zeiten werden härter, und wir müssen uns klar sein, welchen Einfluss und auch welche Verantwortung wir haben. Die UFA ist ein wirkmächtiges Instrument. Da darf kein Zweifel daran bestehen, wofür wir arbeiten und wofür wir stehen.

teleschau: Aber ist es nicht auch so, dass zwar der Video-on-Demand-Markt mutig, bisweilen sogar extrem daherkommt, das lineare deutsche Fernsehen unter dem Quotendruck aber eher zahmer und vorsichtiger als früher wirkt?

Hofmann: Sicher gibt es bei den Sendern oft Ängstlichkeiten und auch teilweise Marktforschungshörigkeiten. Und auch die UFA ist natürlich davor nicht gefeit. Dennoch: Wir alle müssen uns immer wieder fragen, wo wir stark sind. Wir dürfen uns nicht bei allem endlos absichern wollen. Das Fernsehen braucht auch angstfreie, radikale Entwürfe, bei denen man eben nicht sicher weiß, wie erfolgreich sie sind. Nehmen Sie die Serien "Bad Banks" oder "4 Blocks" oder unsere Serie "Deutschland 83" - alle waren ein großes Wagnis und sehr erfolgreich - das begeistert mich.

teleschau: In Ihrer Filmografie finden sich zahlreiche historische Themen, bei denen es stets darum ging, anhand von Geschichte Botschaften in die Gegenwart zu senden. Funktioniert dieses Konzept weiterhin oder muss der Film den gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart inzwischen auf andere Weise begegnen?

Hofmann: Es funktioniert sicher noch. Aber die Filme, die wir heute produzieren, sind anders, sie sind authentischer geworden. Mit den großen Melodramstrukturen, die wir früher oft verwandt haben, lassen sich die Menschen nicht mehr begeistern.

teleschau: Die berühmte Dreiecksbeziehung, die es in vielen Geschichten damals gab ...

Hofmann: Genau, da würden die Leute heute eher abschalten. Wie es heute funktionieren kann, haben wir meines Erachtens nach bei der "Ku'damm"-Reihe gezeigt, die in den 50er-Jahren spielt. Sie war durchaus Kitsch-Vorwürfen ausgesetzt. Aber sie stellte Kitsch eben den Abgründen jener Zeit entgegen. Beim Zuschauer hat das gut funktioniert, übrigens auch in der Mediathek. In der Stilistik ist "Ku'damm" ein konsequent gemachtes Programm. Historie kann also begeistern, oder nehmen Sie als Beispiel "The Crown" bei Netflix. Es geht immer darum, eine innere Haltung zu zeigen. Und auch mal Tabuthemen anzugreifen. Ich glaube, dass uns das im kommenden Jahr auch bei der Fortsetzung der TV-Serie "Charité" gelingen wird. Darin wird es um die Medizin im Dritten Reich im historischen Spektrum des Nationalsozialismus gehen - ein Thema, das in Deutschland bislang wenig wahrgenommen wurde.

teleschau: Und was ist mit den Themen unserer Zeit? Integration, die Zukunft Europas, die Identität von Staaten?

Hofmann: Im Film funktioniert das heute nicht. Leider gar nicht ...

teleschau: Woran liegt das?

Hofmann: Die Menschen wollen das anscheinend einfach nicht sehen, nachdem sie mit diesen Themen permanent durch die Tagespolitik befasst sind. Die ARD hat es thematisch mit Filmen am Mittwochabend versucht. Keiner davon hatte mehr als drei Millionen Zuschauer. Aber in einigen Jahren könnte das anders aussehen. Da bin ich schon jetzt gespannt auf die Merkel-Biografie. Walid Nakschbandi hat mit Holtzbrinck ja die Rechte an dem Drehbuch von Dirk Kurbjuweit gekauft. In ein paar Jahren wird das womöglich gut laufen, zumal Angela Merkel eine unglaubliche Biografie hat.

teleschau: Sie schätzen Sie?

Hofmann: Ich bin sicher kein klassischer CDU-Wähler, aber ich bin ein großer Unterstützer von Angela Merkel. Je größer der politische Wahnsinn überall ist, desto stabiler finde ich sie in ihrer Integrität. In Zeiten wie diesen ist es wichtig, sehr genau darauf zu achten, wem ich Vertrauen schenke und wem nicht.

teleschau: Ein großes politisches Thema, das Sie seit jeher begleitet, ist die Hitler-Serie, die dessen Weg bis zur Machtergreifung beschreibt. Sie sprechen schon lange von dieser Produktion. Wie ist der Stand?

Hofmann: Die Bücher gibt es. Niki Stein und Hark Bohm haben sie geschrieben, und sie sind großartig. Es ist schon prekär, dass es uns bisher nicht gelungen ist, für diese Serie, die genau von jenem Aufstieg erzählt, einen deutschen Sender zu finden, der das Thema umsetzen will. Sie beschreibt basierend auf dem Buch von Thomas Weber, "Hitlers erster Krieg", die Zeit von 1918 bis zur Machtergreifung. Aber ich gebe nicht auf, das wäre aus meiner Sicht eine große Niederlage bei dem so wichtigen Thema.

teleschau: Woran scheiterte es bisher?

Hofmann: So recht kann ich das gar nicht sagen. Es gibt hierzulande immer die Angst vor der Frage: Darf man als Deutscher Hitler in irgendeiner Weise schauspielerisch personifizieren? Dabei wird das im Ausland andauernd gemacht. Amerikanische Sender haben längst Dokudramen zu genau diesem Thema produziert. Aufgegeben habe ich also nicht, irgendwann wird es uns gelingen.

teleschau: Warum ist Ihnen dieses Projekt so wichtig?

Hofmann: Es gibt einfach unglaublich viele Parallelen zu unserer Zeit. Die Stimmungsbilder, die erzeugt werden. Der Missbrauch von Sprache und vieles mehr. Hinzu kommt, dass es bei Teilen der Bevölkerung eine Demokratiemüdigkeit parallel zu einer Europamüdigkeit gibt. Es ist einfach schockierend, dass eine millionenfache Wählerschaft auf die AfD reinfällt. Sie betreiben eine permanente Provokation, die bei Millionen verfängt, die genau diese Eskalierung wollen. Das macht mir Angst. Das muss jedem Demokraten Angst machen.

Quelle: teleschau - der mediendienst