Powerwolf

Powerwolf





Der Wolf ist gut, bei Helene Fischer weiß man's nicht

Edel sind sie, die Räume der Plattenfirma Napalm Records inmitten Berlins. Man würde hinter den hohen Türen eher eine Anwaltskanzlei als ein Heavy-Metal-Label vermuten. Vielleicht sind sie an diesem Tag noch ein bisschen edler als sonst, schließlich ist eine der zugkräftigsten Bands der Szene zu Gast: Powerwolf, die sich in Form von Gitarrist Matthew Greywolf (40) und Keyboarder Falk Maria Schlegel (42) eingefunden haben, um die Trommel für ihr neuestes Werk "The Sacrament Of Sin" zu rühren. Worüber aber auch gesprochen wird: schlechte Sänger, Deutschlands große Schlagerqueen und natürlich die namensgebenden Vierbeiner.

In der Ecke prangt überlebensgroß das bedrohliche Albumcover, auf dem Tisch stehen Grableuchten statt Kerzen - ein Überbleibsel von der Hörprobe zum Album, welche in einer Kirche stattfand. Keine Frage, Powerwolf pflegen ihr Image. "Wir bauen ein Gesamterlebnis auf, das ein bisschen mit einem Theater vergleichbar ist", stimmt Matthew Greywolf zu. "Da gibt es auch Kulissen, da gibt es Musik, da gibt es Rollen." Dennoch sei dieses Theater im Falle der aktuell vielleicht erfolgreichsten deutschen Metaller nicht völlig losgelöst von ihrem realen Leben. Schließlich könne auf der Bühne nur das rübergebracht werden, was einem "wirklich innewohnt".

Sie setzen bewusst Klischees ein, bleiben dabei aber doch authentisch - damit können Powerwolf punkten. Auch auf ihrem insgesamt siebten Album, dass sich vor allem durch seine Vielfalt auszeichnet. Mit "Where The Wild Wolves Have Gone" entstand beispielsweise die erste Ballade in der Bandhistorie. Warum erst jetzt? "Das ist eine gute Frage", entgegnet Greywolf. "Ich habe mich vor Jahren mal mit unserem Sänger Attila unterhalten, und es stellte sich raus, dass wir beide auf diese ganz kitschigen, klassischen Rockballaden stehen. Und wir sagten uns: Irgendwann mal machen wir das auch." Vor ein, zwei Alben hätten sie sich das noch nicht getraut. Aber mit der Arbeit an "The Sacrament Of Sin" sei für die Band auch ein neues Selbstverständnis einhergegangen.

Speziell war diesmal auch der Aufnahmeprozess, für den sich die Saarländer nach Schweden begaben. "Eine sehr interessante Erfahrung" sei das gewesen. "Wir waren im tiefsten Winter in Örebro. Und rund um das Studio war nichts außer unberührter Natur ... und ein Elch! Wir hatten viele Witze gemacht, und plötzlich stand er vor dem Fenster." Aha. Aber weit und breit kein Wolf in Sicht? "Nein". Greywolf und Schlegel kommen ins Grübeln. "Gibt es da überhaupt welche?" - "Keine Ahnung." - "Hm. Aber es gibt ja wieder welche in Deutschland."

Die Tatsache, dass Isegrim hierzulande wieder heimisch wird, gefällt den Powerwolf-Musikern natürlich. "Es entwickelt sich vielleicht ein Verständnis, sodass diese Tiere nicht mehr so gejagt werden." Falk Maria Schlegel, sehr ernst: "Man wird dem Tier nicht gerecht, wenn man ihm nur das Image des Bösen gibt, durch die ganzen Märchen und so weiter. Es steht für viel mehr." Sein Kamerad wirft einen kurzen Blick auf das gruselige Cover in der Ecke: "Ich glaube, wir sitzen gerade im Glashaus, Falk."

So kommt das Gespräch bald schon auf die Verbindung von Tier und Musik. "Der Wolf ist ein mystisches Tier", referiert Greywolf. "Er ist nicht zähmbar, er ist wild und übt eine ungeheure Faszination aus. All das trifft für mich auch auf Heavy Metal zu. Wenn mich jemand fragen würde, welches Tier der Heavy Metal ist, dann wäre es der Wolf."

Neben dem Wolf als symbolträchtigem Wappentier ist es auch das Spiel mit religiösen Motiven, welches die Außendarstellung der Band besonders prägt. Eine bewusste Provokation? Greywolf stimmt zu, relativiert aber gleichzeitig: "Ich bin der Meinung, die Kunst muss mit solchen Dingen spielen dürfen." Allerdings: "Wir singen über religiöse Themen, meistens geschichtlicher Art, aber wir verbreiten keine Message, keine Parolen. Religion ist eine individuelle, ja intime Sache, und ich würde mich niemals befugt fühlen, darüber zu urteilen."

Privat ist der Gitarrist Greywolf offenbar kein treuer Kirchgänger ("Ich würde mich eher als spirituellen Menschen bezeichnen"), die Faszination von Messen, Gotteshäusern und Kirchenmusik kommt aber natürlich nicht von ungefähr. Dazu Falk Maria Schlegel, dessen Orgel auch diesmal in einer Kirche aufgenommen wurde: "Ich glaube, wir können diese Elemente nur benutzen, weil wir damit groß geworden sind. An all diese Dinge und Rituale, die es in der katholischen Kirche gibt und welche wir dann in unserem Kontext transformieren, haben wir Kindheitserinnerungen." Greywolf nickt und bringt es auf den Punkt: "Keine Rockband läuft so erhaben auf eine Bühne wie ein guter Pastor zum Altar."

Auch "The Sacrament Of Sin" wird die Gemeinde entzücken, zumindest die Powerwolf-Fangemeinde. Die Anhängerschaft ist mittlerweile beachtlich gewachsen. In den Medien ist von der "erfolgreichsten deutschen Metal-Band der Gegenwart" die Rede, die Spitze der Charts wurde bereits einmal erobert ("Preachers Of The Night", 2013), die "FAZ" bezeichnete Powerwolf einmal als "Helene Fischer des Metals". "Eine solche Headline kann man natürlich prima ausschlachten", amüsiert sich Greywolf und kommt direkt mit einem Geständnis um die Ecke: "Ich habe noch nie bewusst Helene Fischer gehört - ich weiß nicht, was die gute Dame macht." Auch auf die etwas ungläubige Nachfrage ("Noch nie 'Atemlos' gehört?") bleibt er dabei: "Kenn ich tatsächlich nicht".

Wenn es um die Strahlkraft geht, scheint der Vergleich aber tatsächlich nicht so unpassend: "Wir kriegen oftmals zu hören: 'Ich mag Powerwolf, aber eigentlich höre ich gar kein Heavy Metal'. Das ist für mich als Songwriter ein Kompliment", freut sich Greywolf. "Denn ich persönlich unterscheide nur zwischen guter und schlechter Musik, ich brauch keine Label, und ich mag einen gut gemachten Popsong, das kann ich auch als Metal-Fan gerne zugeben."

Diese offene, unbedarfte Herangehensweise schlägt sich auch beim Songwriting nieder. Für gewöhnlich bauen viele harte Rocknummern auf einem Gitarrenriff auf. Bei Powerwolf dagegen steht eine Melodie am Anfang jedes neuen Songs. "Wir haben einen Titel und ein Thema, und dann wird einfach mal frei drauflos gesungen": Das ist der simple Nukleus, aus dem die Werke der Wölfe entstehen. Mit der augenzwinkernd vorgetragenen Einschränkung: "Obwohl wir alle - bis auf Attila natürlich - miserable Sänger sind." Live wird es also auch in Zukunft keinen Backgroundgesang geben? "Gott bewahre!", kommt es wie aus der Pistole geschossen. "Das hatten wir in unserer Anfangsphase mal versucht. Wir beschlossen aber noch im Proberaum, dass wir das niemandem antun können. Wir gehen aber auch ganz offen damit um, dass live all die Chöre und so vom Band kommen."

Das gemeinsame Heulen entfällt also bei Powerwolf. Dafür frönen sie alle zusammen einem anderen Ritual: Die geschminkten Gesichter gehören zum optischen Kern der Band. "Das ist ein Prozess, den wir zelebrieren", erklärt Greywolf. "Zwei Stunden vor dem Auftritt kommt unser Tourmanager, befördert alle raus, die nicht aus unserem Umfeld sind, und dann durchlaufen wir tatsächlich eine Art Metamorphose." Es ist die Verwandlung von ganz normalen Jungs zu einem Rudel zähnefletschender Wölfe, die auch mit "The Sacrament Of Sin" ihr Revier zu verteidigen wissen.

Quelle: teleschau - der mediendienst