Jonas Kaufmann

Jonas Kaufmann





Das moderne Gesicht der Klassik

Diese Stimme! Wenn Jonas Kaufmann spricht, füllt sie den gesamten Raum. Kein Wunder, schließlich ist seine einmalige Stimme auch sein Kapital: Der Tenor kann nach einer längeren Pause wieder aus dem Vollen schöpfen. Am Freitag, 13. Juli, singt er auf der Waldbühne in Berlin einen Liederabend unter dem Motto "Dolce Vita". Das Fernsehen zeigt längere Aufzeichnungen des Events: "Jonas Kaufmann in der Waldbühne", moderiert von Desirée Nosbusch, läuft am Sonntag, 15. Juli, 22.00 Uhr, im ZDF, und Samstag, 15. September, 20.15 Uhr, bei 3sat. Im Interview erzählt der sympathische 48-Jährige von dem Sehnsuchtsland Italien, von seiner Heimat München und verrät, wie man auch junge Leute für die klassische Musik begeistern kann.

teleschau: Ihr Liederabend auf der Waldbühne steht unter dem Motto "Dolce Vita". Was erwartet die Besucher und TV-Zuschauer?

Jonas Kaufmann: Das Programm war für ein deutschsprachiges Publikum konzipiert, das mit einem wehmütigen Blick über die Alpen nach Italien schaut und sich auf den nächsten Urlaub freut. Allerdings ist der Liederabend auch erstaunlich gut in Italien angekommen. Ich freue mich jetzt, vor der herrlichen Kulisse der Waldbühne zu singen. Mir ist die ernste Geschichte dieses Ortes klar, aber ich denke, ich kann mit dem Abend eine positive romantische Stimmung erzeugen.

teleschau: Wenn Sie wissen, dass ein Konzert oder eine Opernaufführung aufgezeichnet wird, spüren Sie dann einen besonderen Druck?

Kaufmann: Klar, man weiß, dass einen dann noch mal mehr Menschen sehen. Aber es kommt auch darauf an, um was für eine Aufzeichnung es sich handelt. Manchmal werden mehrere Auftritte mitgeschnitten, das ist entspannter. Bei dem Konzert auf der Waldbühne ist das aber nicht der Fall, hier muss sofort alles klappen. Alles was man jetzt falsch macht, kann später sozusagen gegen einen verwendet werde. (lacht)

teleschau: Passieren einem Jonas Kaufmann denn überhaupt noch Fehler?

Kaufmann: Selbstverständlich, denn auch ich bin nur ein Mensch. Es gibt Tage, da läuft es einfach nicht. Man ist unkonzentrierter, bekommt die Stimme nicht in Schwung, hat vielleicht eine Erkältung oder eine Allergie. Außerdem sagt man so schön, die Stimme sei der Spiegel der Seele, es muss dem Sänger also auch psychisch gut gehen. Auch wenn man Profi ist, ist man von all dem nicht befreit. Man ist höchstens konzentrierter, weil man eben die Erfahrung hat.

teleschau: Wie schwer ist es, eine Verbindung zum Publikum aufzubauen?

Kaufmann: Bei einem TV-Publikum ist das schwierig, weil man sich nicht sieht. Bei einem Publikum vor Ort ist es leichter, diese spezielle Spannung aufzubauen. Wenn hunderte oder tausende Menschen vor einem sitzen und gebannt zuhören, ist das eine ungeheure Motivation. Dann entsteht eine wie auch immer geartete chemische oder akustische Verbindung. Ich spüre, ob ich die Zuhörer und Zuschauer in meinen Bann gezogen habe, ob sie gespannt lauschen oder, ob man doch noch mehr geben muss, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Das ist ein riesiger Ansporn.

teleschau: Und wie schaffen Sie es, die Menschen zu begeistern, die eben nicht live vor Ihnen sitzen, sondern vor dem Fernseher?

Kaufmann: Wenn es gelingt, tausend Leute, die vor einem sitzen zu begeistern, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Aufführung auch im TV funktioniert. Mit besonders viel Herzblut wird der Funke auch über den elektronischen Kanal ins heimische Wohnzimmer transportiert.

teleschau: Nun schalten die Übertragung einer Oper wahrscheinlich überwiegend Fans ein. Fehlt in unserer TV-Landschaft denn eine Sendung wie "Wetten dass ..?", bei der unterschiedliche Genres zu Gast sind?

Kaufmann: Ja! Solche Straßenfeger-Sendungen, in denen es um Musik geht, gibt es kaum mehr oder gar nicht. Früher bot das TV-Programm sogar noch Sendungen, wo man ein Millionenpublikum nur mit Klassik bespaßt hat: Ich denke da an Anneliese Rothenberger oder Hermann Prey. Diese Zeit ist vorbei, das ist mir bewusst. Es ist sehr schwer, heutzutage noch zufällig im TV über Klassik zu stolpern und dann vielleicht die Liebe zur Klassik zu finden.

teleschau: Sie sagen, dass Sendungen wie "Wetten dass ..?" fehlen. Aber warum waren Sie eigentlich selbst nie dort?

Kaufmann: Ich bin gut mit Thomas Gottschalk befreundet, aber als ich bekannter geworden bin und die Show hätte besuchen können, habe ich ihm signalisiert, dass ich es nicht möchte. Der Zeitpunkt hat damals nicht gepasst, weil ich noch sehr kleine Kinder hatte, und ich wollte auch noch nicht so sehr in die Breite gehen. Meine Kinder sollten in der Schule am nächsten Tag nicht hören: "Ich habe deinen Papa im Fernsehen gesehen." Käme die Anfrage heute, würde die Entscheidung anders ausfallen: Die Kinder sind größer, und die Klassik muss sich sehr um eine breite Aufstellung bemühen. Vielleicht sollten sich mal wieder ein paar klassische Sänger und ein paar aus der leichteren Muse zusammenschließen und eine Sendung machen!

teleschau: Und wie begeistert man die Leute nun für Klassik?

Kaufmann: Im Idealfall muss man die Leute nicht zwingen, eine Sendung mit Bildungsauftrag einzuschalten, sondern sie zappen per Zufall in eine Klassik-Sendung. Vielleicht begreifen sie im ersten Moment gar nicht bewusst, dass es sich um klassische Musik oder eine Oper handelt, sondern sind einfach gebannt. Die Oper hat ein riesiges Emotionsspektrum, das sich über das Fernsehen gut transportieren lässt. Erst wenn man diesen "Wow"-Moment überwunden hat, wird man vielleicht neugierig auf all das, was dahintersteckt. Vielleicht informiert sich dann der ein oder andere, schaut ein paar YouTube-Videos oder ist motiviert eine ganze Oper zu sehen.

teleschau: Wie realistisch ist das denn?

Kaufmann: All das sind Wunschträume, die vielleicht einmal in Erfüllung gehen. So ein Konzert wie das jetzige lässt sich gut im TV transportieren. Eine Sommernacht, eine tolle Kulisse und eine Menge Menschen. Wenn man das im TV sieht, sagt man sich ja auch: Wenn da so viele Menschen sitzen, passiert da sicher etwas. Kommt jetzt Peter Maffay oder Helene Fischer um die Ecke? Nein, es ist Klassik. Und wenn wir gut sind und Glück haben, dann haben wir wieder ein paar Abhängige von der Droge Klassik gefunden.

teleschau: Ist es für Sie manchmal frustrierend, dass Klassik doch eher ältere Menschen interessiert?

Kaufmann: Nein, denn das hat einen Grund. Wenn junge Leute Klassik-begeistert sind, dann sind sie Hardcore Fans. Dass der Rest älter ist, war schon vor 50 Jahren so und ist ganz normal. Ich glaube schon, dass Zuhörer vielleicht eine gewisse Reife brauchen, um diesen Zauber der Klassik zu verstehen. Außerdem stehen junge Leute vor der Entscheidung, ob sie sich nach einem langen Tag im Büro lieber vor den Fernseher setzen oder ein paar Stunden in die Oper. Dazu kommt, dass junge Familien oft Kinder haben und einen Babysitter bräuchten. Und dann wäre da noch der Ticketpreis. Ältere Leute hingegen leisten sich das öfter, und so entsteht eine Liebe und damit eine Regelmäßigkeit zur Oper.

teleschau: Wie reagieren Kinder und Jugendliche, die bisher nicht mit Oper vertraut waren, denn nach Ihren Erfahrungen auf Oper und klassische Musik?

Kaufmann: Immer, wenn wir die Chance bekommen, vor jungem Publikum zu spielen, ist das für die fast ein Schock. Diese ungeheure Dichte an Emotionen kann einen überwältigen. Wir spielen dann eine Szene, in der wir so tun, als würde jemand sterben, und die Kinder und Jugendlichen sind teilweise extrem berührt. Das wundert mich dann immer. Sie sehen doch jeden Tag Gewalt im Fernsehen und die verrücktesten Dinge in ihren Videospielen. Obwohl wir das nur andeuten, ist es viel emotionaler, weil die Musik im Hintergrund spielt. Ich muss immer an Hitchcock denken, dessen Filme ohne Musik weit weniger spannend wären. Erst die Klänge bauen die Spannung auf.

teleschau: Sie waren schon bei einem Konzert am Königsplatz zu Gast, demnächst, am Freitag, 13 Juli, findet in München wieder Klassik am Odeonsplatz statt. Auch wenn Sie nicht mit von der Partie sind: Sind solche Auftritte und Locations für einen Profi etwas Besonderes?

Kaufmann: Ja. So große Ereignisse, wo 15.000 bis 20.000 Besucher kommen, erlebt man als klassischer Musiker eher selten. Die Direktübertragung der Oper auf den Max-Weber-Platz ist ein schönes Beispiel: Die Menschen sehen meinen Auftritt zwar nur auf Leinwand, aber danach kann ich rausgehen und sie begrüßen. Ein Fernsehpublikum werde ich an diesem Abend nie zu Gesicht bekommen. Ich bin in München geboren und aufgewachsen und um die Ecke vom Königsplatz auf die Hochschule gegangen. Dort habe ich singen gelernt. Es ist auch für mich überwältigend, wenn ich 20 Jahre danach wieder hier stehe, und die Menschen auf mich schauen.

teleschau: Ist ein Auftritt in München ein Heimspiel für Sie?

Kaufmann: Ja, in der Oper kann man das wohl so nennen. Das hängt aber auch damit zusammen, dass ich hier regelmäßig auftrete. Trotzdem bin ich immer wieder über die großen Fangemeinden in Ländern wie Frankreich, Italien oder sogar Korea überrascht. In Neapel habe ich einen Preis bekommen für den besten Interpreten neapolitanischer Volkslieder!

teleschau: Was mögen Sie an München ganz besonders gern?

Kaufmann: Man sagt immer, München sei die nördlichste Stadt Italiens, und das beinhaltet viel Wahrheit. Nicht, dass ich meine deutsche Herkunft verleugnen möchte, aber man muss bedenken, dass Kiel genauso weit weg ist wie Rom. Man orientiert sich hier einfach mehr nach Süden. Außerdem ist das Wetter etwas Besonderes. Wo sonst kann man im Januar bei Föhn im Biergarten sitzen? Man hat Berge, Seen und eine Menge Kultur in Reichweite. Es gibt kaum Argumente, von München wegzugehen.

(Dieses Interview darf nur in Zusammenhang mit den Ausstrahlungsterminen verwendet werden)

Quelle: teleschau - der mediendienst