Micky Beisenherz und Jörg Thadeusz

Micky Beisenherz und Jörg Thadeusz





Verdammte Fußball-Satire

Was polarisiert noch mehr als Fußball? Satire zum Thema Fußball! Die erfahrenen, aber immer dem Besonderen verhaftet gebliebenen Medienschaffenden Jörg Thadeusz (49) und Micky Beisenherz (40) melden sich seit Beginn der Fußball-WM in Russland allabendlich - wenn das Erste überträgt - live aus ihrem "WM Kwartira" von der Hamburger Reeperbahn. Wer den Pressespiegel zum neuen, sportlichen Satire-Format nach einer Woche auf Sendung studiert, stellt fest: Das Duo wird entweder gefeiert oder leidenschaftlich gehasst. Nichts anderes war zu erwarten. Schließlich hört für die meisten Deutschen beim Fußball der Spaß auf. Aber warum eigentlich?

teleschau: Ist schlechter deutscher Fußball eine Steilvorlage für Ihre Sendung?

Jörg Thadeusz: Beim besten Willen nicht. Für uns ist es besser, wenn das Zusammensein dieser jungen reichen Männer so magisch ist wie Camelot. Und so heilig wie der Vatikan. Unter keinen Umständen darf eigentlich der Eindruck aufkommen, es würde sich um eine Fußballmannschaft handeln, der Verlieren passieren kann.

teleschau: Aus der Perspektive des Satirikers sollte ein katastrophaler WM-Start des Weltmeisters doch besser zu gebrauchen sein als ein humorloser Sieg.

Micky Beisenherz: Dass Sie diese Leistung als katastrophal einschätzen, ist natürlich auch ein Zeugnis dafür, wie verwöhnt wir mittlerweile als Fans der deutschen Mannschaft sind. Ich empfinde es auch ein bisschen als unsere Aufgabe, die WM mit einem gewissen Augenzwinkern zu begleiten. Wenn Julian Brandt so nett ist, nach der Niederlage gegen Mexiko ein Selfie mit einem Fan zu machen, wird das fast so bewertet, als hätte er dem türkischen Präsidenten Erdogan ein Trikot geschenkt. Natürlich ist jede Form des Versagens eine Steilvorlage für uns. Allerdings sehen wir uns auch in der Rolle derer, die ein wenig Druck vom Kessel nehmen.

teleschau: Ihre Sendung kommt tatsächlich "live", sie wird nicht kurz vorher aufgezeichnet?

Beisenherz: Nein, wir sind absolut live. Da geht es uns wie der deutschen Nationalmannschaft: Was passiert, lässt sich leider nicht rückgängig machen.

teleschau: Warum senden Sie von der Hamburger Reeperbahn?

Thadeusz: Weil sie ein wunderschöner Teil Deutschlands ist. Ein Sehnsuchtsort der Zügellosen. Ankerzentrum für Hedonisten aus aller Welt. Liebe für Geld, Liebe zum Geld, aber auch echte Sympathie. Ein Albtraum für Engstirnige, religiöse Spielverderber, oder CSU-Angsthasen. Für gute Unterhaltung gibt es kaum einen besseren Ort.

teleschau: Ist es nicht eine der härtesten Aufgaben der Welt, vor einem Live-Publikum im Saal und Millionen Menschen vorm Fernseher jeden zweiten Abend gute Witze zum Thema Fußball zu reißen?

Thadeusz: Wir machen nicht unbedingt Witze. Sondern wir versuchen, uns gemeinsam mit dem Publikum an einem Super-Fest zu freuen, das nur alle vier Jahre steigt. Kann natürlich sein, dass in Deutschland das gemeinsame Freuen schwieriger ist als anderswo.

teleschau: Weil für viele Menschen der Spaß beim Fußball aufhört?

Beisenherz: Der Fußball und seine Aufarbeitung in den Medien ist so wahnsinnig hysterisch geworden, dass es vielleicht guttut, dass da eine Instanz existiert, die das Ganze auflockert und durchrührt. Jörg und ich verordnen uns allen ein wenig mehr Lockerheit.

teleschau: Welche Fußballer sind coole Late-Night-Gäste?

Thadeusz: Alle Spieler, die ihre PR-Schulung wieder vergessen können und sich nicht so kämmen, wie es im DFB-Frisierheft steht. Ich habe mich mit niemandem besser über Fußball unterhalten, als mit Berti Vogts. Und das ist wirklich nicht ironisch gemeint.

teleschau: Late Night und Fußball - ist die Kombination eigentlich etwas Deutsches oder haben das andere Länder schon länger im Programm?

Beisenherz: Das weiß ich gar nicht. Late Night an sich ist bekanntermaßen keine deutsche Erfindung - wie man an den bescheidenen Quoten sämtlicher deutscher Versuche mit diesem Format sehen kann. Dass man Fußball auch satirisch betrachten kann, dafür haben wahrscheinlich die Engländer gesorgt. Gary Lineker hat diesbezüglich schon in den 80-ern große Fußball-Comedy erschaffen. Heute schreibt er übrigens fantastische Tweets. Seine englische Nationalmannschaft hat es ihm allerdings auch leicht gemacht. Die sorgten in der Vergangenheit meist schon auf dem Feld für brillante Satire.

Thadeusz: Ich habe bei der WM 2014 südamerikanisches Fußballfernsehen gesehen. Da tanzten am helllichten Tag wunderschöne Frauen, die nur Stutzen trugen, um einen schmierigen Ansager. Womöglich sind andere kompromissloser und wir nur deutsche Schwärmer.

teleschau: Sie sind beide erfahrene Fernsehmacher. Was war Ihre Idee für "WM Kwartira"?

Beisenherz: Die Idee war, Spaß zu haben und kein überkandideltes Konzept zu verfolgen. Wir sind zwei Fußball-interessierte Laien, die sich vor der Kamera so unterhalten, wie sie es auch privat tun würden. Der Übergang zwischen dem, was vor und während der Sendung passiert, ist fließend. Wir sprechen sehr ähnlich über die Spiele, wenn die Kamera noch aus und das Publikum nicht im Saal ist. Wir wollen das Rad mit "WM Kwartira" nicht neu erfinden, sondern eine Sendung machen, von der sich gleichzeitig unser bester Freund, unsere Mutter und vielleicht noch die alte Schulschönheit gleichermaßen angezogen fühlen.

Thadeusz: Man muss allerdings auch sagen - nicht wir hatten die Idee zum Format, sondern die tollen Männer von Beckground TV

teleschau: Sie zeigen in ihrer Sendung auch Leute, die bei Fußballspielen zugucken. Das gibt es - aufgrund fehlender Bildrechte - bei manchen Sportsendern als festes Format. War das dort schon Satire, es hat nur keiner gemerkt?

Beisenherz: Leute, die bei Fußballspielen zugucken? Meinen Sie damit Mesut Özil? Nun ja, ich kenne die Sendungen, die sie meinen, wusste aber nicht, dass die eventuell ernst gemeint sind. Wir haben es aber auch schwerer als die, weil wir ohne Mario Basler auskommen müssen. Jemand, der uns erklärt, warum heute sowieso nur noch Waschlappen auf dem Feld stehen.

teleschau: Was hat Jörg Thadeusz und Micky Beisenherz zusammengebracht? Sie haben gemein, dass sie beide aus dem Ruhrgebiet stammen ...

Beisenherz: Ich weiß gar nicht, wer die Idee hatte, dass wir beide das machen sollen. Wir kannten uns vor dem Format nicht wirklich gut, schätzten aber die Arbeit des anderen jeweils sehr. Zusammen sind wir nun Joko & Klaas der Generation Granu Fink - und sehr happy damit. Wenn man schon im Sommer während der WM arbeiten muss, dann doch am besten im Rahmen einer Sendung, die sich ausschließlich mit Fußball beschäftigt.

teleschau: Sind Sie auch abseits der WM Fußball-Fans mit echter Leidenschaft?

Beisenherz: Jörg kommt aus Dortmund und ist bekennender BVB-Fan. Ich bin in Castrop-Rauxel, an der Stadtgrenze zu Dortmund, groß geworden. Mein Herz schlägt für denselben Verein. Wir versuchen allerdings, es in der Sendung einigermaßen verdeckt zu halten.

teleschau: Wie bereiten Sie sich auf die Show vor?

Beisenherz: Wir sitzen zusammen und gucken die Spiele gemeinsam. Dabei sprechen wir darüber, welche Haltung wir zu den Ereignissen und Themen einnehmen. Eine gemeinsame Haltung ist schon wichtig. Es gibt jedoch keinen festen Text. Das Gute an Jörg und mir ist, dass wir beide Lust darauf haben, auch während der Sendung überrascht zu werden. Das kann durch einen Gast geschehen oder auch durch Jörg, der mir, wie man im Ruhrgebiet sagt, "spontan einen eintütet". Wenn ich etwas machen wollte, wo ich genau weiß, was passiert, hätte ich mich bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg verdingt.

teleschau: Können Sie sich erklären, warum die Kritiken zu Ihren ersten Sendungen so extrem unterschiedlich ausfielen. Von großer Liebe bis abgrundtiefem Verriss war alles dabei!

Thadeusz: Würde ich mich nach dem richten, was Medienjournalisten schon in Sendungen alles schlecht gesehen haben, wäre ich längst wieder in meinem alten Job als Liegewagenschaffner. Zu dieser Sendung hat schon ein Kritiker vor dem Start geschrieben, allein der Titel sei "zwanghaft locker". Dabei ist es schlicht die Bezeichnung für eine russische Einraumwohnung. Das sind ganz eigene Umlaufbahnen, die man nur mit einem einzigen Raumschiff erreicht. Ich richte mich nach dem, was neidlose Freunde sagen, auf deren guten Geschmack immer Verlass ist.

Quelle: teleschau - der mediendienst