Marlene Lufen

Marlene Lufen





"Es ist ein Wendepunkt in unserer Gesellschaft"

Sie selbst entging dem Schlimmsten nur knapp: Mit 19 wurde Marlene Lufen beinahe von einem Fotografen vergewaltigt. Erst Jahre später sprach die Moderatorin des "SAT.1-Frühstücksfernsehens" öffentlich über ihr Trauma. Weshalb viele Opfer sexueller Gewalt wie sie nicht über ihre Erlebnisse reden, legt die 47-Jährige nach einer Aufsehen erregenden TV-Doku nun auch in ihrem Ende April erschienenen ersten Buch dar. Mit der Verknüpfung von persönlichen Fallgeschichten und einem informativen Sachteil sollen unter dem Titel "Die im Dunkeln sieht man nicht: Warum missbrauchte Frauen schweigen" Betroffene aufgeklärt und ermutigt werden. Welche Rückmeldung sie zu ihrem Werk bislang erhielt, warum viele Opfer sich nach der Tat schämen und was sich gesellschaftlich im Umgang mit missbrauchten Frauen ändern muss, erklärt Marlene Lufen im Gespräch.

teleschau: Ende April erschien Ihr erstes Buch, in dem Sie sich mit Vergewaltigungserfahrungen und den Folgen auseinandersetzen. Wie sahen die ersten Reaktionen der Leserinnen und Leser aus?

Marlene Lufen: Ich erlebe jetzt wieder, was ich damals erlebte, als ich mich erstmals zum Thema äußerte. Viele Frauen melden sich per Mail, unter meinen Facebook-Posts und über meine Homepage. Viele sind dankbar, dass endlich jemand offen darüber spricht, was ihnen widerfahren ist und sich an ihre Seite stellt. Es sind sehr inhaltsvolle Rückmeldungen, und zum Teil sehr berührende Geschichten. Viele reagieren sehr emotional auf das Buch.

teleschau: Brauchen die Frauen, die sich bei Ihnen melden, oft auch Hilfe?

Lufen: Ja. Die meisten, die mich aktuell kontaktieren, sind selbst betroffen. Oft liegt deren Missbrauchs- oder Vergewaltigungs-Geschichte bis heute im Verborgenen. Gerade die Tipps und Ratschläge, wie sie mit dieser Erfahrung persönlich umgehen können, helfen. Viele haben durch sexuelle Gewalt gesundheitliche Probleme. Auch die Polizei selbst hat sich bei mir gemeldet - sie wollen in der nächsten Ausgabe der internen Polizei-Zeitschrift ein Feature zu dem Buch bringen.

teleschau: In Ihrem eigenen Fall wollten Sie erst nicht zur Polizei gehen ...

Lufen: Das war ja eigentlich der Anlass, zu dem Thema Stellung zu beziehen. Ich wollte zeigen, dass auch ich überhaupt nicht über einen Gang zur Polizei nachdachte. Und meine Eltern ebenso wenig. Aber das ist dann genau das, was Betroffenen immer vorgeworfen wird: Warum sind Sie denn nicht sofort zur Polizei? Fakt ist: Weil Frauen nach einem solchen Tag ganz anderes im Sinn haben. Sie wollen das Ganze nur überstehen, erst einmal Sicherheit, die Schmerzen und die Scham vergessen. Außerdem machen Frauen oft die Erfahrung, dass sie keine Unterstützung bekommen. Weder im familiären Umfeld, noch in der Öffentlichkeit oder bei der Polizei.

teleschau: Wie kommt das?

Lufen: Meist wird die Tat angezweifelt; man unterstellt, die Frau wolle sich nur wichtigmachen. Oder dem Mann einen reinwürgen und sich für irgendetwas rächen. Das ist Wahnsinn! Da herrscht noch immer ein völlig falsches Bild in der Gesellschaft.

teleschau: Sie heben oft hervor, welche Rolle die Scham spielt!

Lufen: Ich habe mich damals ja aus der Situation befreien können, es kam nicht zum Äußersten. Und ich konnte auch meinen Eltern und meinem Freund davon erzählen. Dank dieser Geborgenheit habe ich das Erlebnis verarbeiten können. Und trotzdem habe ich wahnsinnige Scham empfunden. Es war irre peinlich, auch nur darüber nachzudenken. Ich dachte, dass ich etwas falsch gemacht haben musste. Und ich habe mich gefragt: Hätte ich das nicht viel früher schon erkennen müssen? Frauen, die eine Vergewaltigung oder sexuelle Gewalt über einen längeren Zeitraum erlebten, sind voller Scham über das, was passiert ist - und nicht die Täter, wie es eigentlich sein sollte.

teleschau: Liegt das noch immer an den patriarchalen Strukturen; an einer Gesellschaft, deren Deutung den Männern obliegt?

Lufen: Ich denke, das trifft zu. In Gerichten sitzen meist männliche Richter und Staatsanwälte - und Frauen in den Positionen sind durch diese männlich geprägte Gesellschaft sozialisiert. Männer deuten eine solche Situation anders, auch wenn sie selbst natürlich ganz anders ticken. Der normale Mann mit einer normalen, gesunden Sexualität hat ja keine Freude daran, wenn die Frau keine Lust hat. Weil es aber so unvorstellbar ist, können Männer das im wahrsten Sinne nicht glauben. Oft spielt man die Version der Frau dann herunter: Ganz so schlimm wird es nicht gewesen sein. Oder: Vielleicht hat sie es auch am Anfang herausgefordert. Das ist für Betroffene sehr schlimm. Die Wahrheit ist noch viel zu wenigen Menschen bekannt.

teleschau: Wie kann man früh genug darüber aufklären - auch die Jungen?

Lufen: In jedem Klassenraum sitzt im Durchschnitt ein Kind, das sexuelle Gewalt erlebt hat - so schrecklich und unvorstellbar es ist, es ist leider wahr. Und trotzdem findet das Thema in der Schule nicht statt. Als mein Sohn ein wenig in meinem Buch las, meinte er: "Wir haben so viel Sexualkundeunterricht in der Schule. Wir müssten das auch mal ansprechen."

teleschau: Was halten Ihre Kinder von Ihrer intensiven Beschäftigung mit dem Thema?

Lufen: Die hatten sich vorher schon damit beschäftigt. Auch wenn wir zu Hause nicht permanent über das Thema reden: Beide finden, dass es wichtig ist, dass man darüber spricht. Wie man damit umgehen sollte, wenn man selbst in so eine Situation kommt. Meine Tochter ist jetzt 13 und kommt in ein Alter, in dem man zu Partys eingeladen wird und vielleicht den ersten Freund hat. Mein Ratschlag ist: Hör auf deinen Bauch. Wenn sich etwas nicht richtig anfühlt, geh so schnell es geht aus der Situation heraus.

teleschau: Welchen Unterschied macht es, in welchem Alter einem sexuelle Gewalt widerfährt?

Lufen: Je größer der Altersunterschied zwischen Täter und Opfer, je länger der Zeitraum, desto größer der gesundheitliche und seelische Schaden. Missbrauch in der Kindheit schädigt das Selbstwertgefühl auf größte Weise, das Körpererleben sind dann komplett gestört und brauchen lange, um zu heilen. Es gibt Frauen, die wieder ein normales Verhältnis zu ihrem Körper entwickeln. Es gibt aber auch Frauen, über 60, die nie eine normale Sexualität erlebt haben. Sie haben Sexualität nur als Missbrauch oder Gewalt erlebt.

teleschau: Gab es auch bei Ihnen beim Schreiben des Buches Momente, in denen das Trauma wiederkehrte, in denen es nicht mehr ging?

Lufen: Ja, die gab es. Ich hatte gerade die Geschichte einer jungen Frau recherchiert, die immer wieder von ihrem Stiefvater vergewaltigt worden war. Die Mutter wusste Bescheid, aber wollte sich nicht gegen den Lebensgefährten stellen. Das passiert leider häufig. Die junge Frau hatte alles in einem Brief an ihre Mutter aufgeschrieben, was ihr in der Kindheit zugestoßen ist. Sie hat ihn nie abgeschickt, das Aufschreiben hatte ihr schon geholfen. Diesen Brief hat sie mir zur Verfügung gestellt. Was ich da gelesen habe, war so unvorstellbar schrecklich. Ich bin in Tränen ausgebrochen und habe erst einmal anderthalb Tage nicht mehr weitergeschrieben. Das war ein Tiefpunkt.

teleschau: Wie lang haben Sie an Ihrem Buch insgesamt gearbeitet?

Lufen: Ein Jahr lang. Der Verlag hatte meine TV-Reportage gesehen - und festgestellt, dass es zu diesem Thema eigentlich kein Buch gibt. Keines, das abbildet, wie sich sexuelle Gewalt für Frauen abspielt, wo sie vermehrt stattfindet, wo welche Gefahren lauern und vor allem, welche Hilfe Frauen bekommen können. Neben den aufwühlenden Schicksalen der Frauen ist der Sachteil mein Hauptanliegen in dem Buch: Die erschütternden Fakten rund um dieses Thema und vor allem, wie sich die Frauen helfen können, wo sie Unterstützung bekommen, wie eine Therapie abläuft und wie wir alle betroffene Kinder und Frauen besser schützen können.

teleschau: Spielte die MeToo-Debatte bei Ihren Recherchen eine Rolle - für das Buch und die Aufklärung des Themas?

Lufen: Die MeToo-Debatte kam auf, als ich mitten in der Arbeit am Buch war. Ich bin froh um diese Diskussion. Es ist ein Wendepunkt in unserer Gesellschaft. Wir sind nicht mehr so unwissend und blauäugig, was das Thema angeht. Auch wenn der ein oder andere schon genervt ist. Fakt ist: Wir müssen das aushalten. Diese Dinge passieren, und sie passieren immer noch. Wenn wir das nicht mehr wollen, müssen wie diesen Frauen zuhören und etwas ändern. Durch MeToo ist die Wahrscheinlichkeit gewachsen, dass manche Männer nicht mehr ungestraft davonkommen.

teleschau: Welche Rolle spielen denn Machtgefälle - es ist ja kein Zufall, dass MeToo in Hollywood begann ...

Lufen: Dieses Machtgefälle existiert in allen Branchen. Überall in Unternehmen, wo es eine Hierarchie gibt - zwischen Vorgesetztem und Unterstelltem - passiert das. Die Filmindustrie ist davon auch hier bei uns betroffen, wie wir seit Dieter Wedel wissen. Dass ein paar Hollywood-Frauen damit begannen, sorgte zumindest dafür, dass einige Betroffene ebenfalls den Mut fanden, über ihr Schicksal zu berichten. Und nun gibt es gerade eine Öffentlichkeit, die Frauen dafür nicht sofort verunglimpft. Trotzdem offenbart sich nur ein Bruchteil der Betroffenen. Auch im Fall Dieter Wedel gibt es weitere betroffene Frauen. Sie schweigen aber, weil sie sonst Angst haben, ihren Job loszuwerden. Ein solches Statement könnte ihre Karriere ruinieren, das ist leider auch heute noch so.

teleschau: Wie ist das denn in der deutschen Medienbranche - hat sich in den letzten 20 Jahren in dieser Hinsicht beim "SAT.1-Frühstücksfernsehen" auch etwas geändert?

Lufen: Definitiv. Diese ganze Debatte hat uns wahnsinnig beschäftigt. Wir haben in der Redaktion sehr intensiv darüber diskutiert und mittlerweile ein Regelwerk darüber, was zwischen Mitarbeitern in Ordnung ist, und was eben nicht. Auch ist heute klar definiert, an wen man sich in Zukunft wenden kann. Vorher gab es keinen zentralen Ansprechpartner. 1997, als ich anfing, war noch 'ne Menge anders: Da hat nicht nur jeder geraucht, sondern es herrschte auch ein anderer Ton. Als Praktikantin musste man sich damals noch ganz andere Sprüche anhören. Heute kommt männliches Macho-Verhalten nicht mehr so oft vor - zumindest nicht mehr in der Art und Weise. Es wird gesellschaftlich anders geahndet, und daran sieht man eben auch, was eine öffentliche Debatte Gutes bewirken kann!

Quelle: teleschau - der mediendienst