Oliver Kahn

Oliver Kahn





"Vielleicht interessiert sich dann keiner mehr für Fußball ..."

Seit 2008 ist der ehemalige Welttorhüter und Nationalmannschafts-Kapitän für das ZDF als Experte im Einsatz. Bei der WM in Russland (ab 14. Juni) mischt er erneut mit. Am 15. Juni, einen Tag bevor er am dritten Turnier-Spieltag mit dem ZDF ins Geschehen eingreift, wird Oliver Kahn 49 Jahre alt. Im Interview kurz vor Anpfiff der Weltmeisterschaft 2018 spricht er über den besonderen Reiz schwacher Spiele, die Dramaturgie des Videobeweises und die Stärken heutiger Spieler und Trainer gegenüber "seiner" Zeit. Wird Fußball immer komplizierter? Und lässt sich der spielende Mensch eigentlich immer weiter optimieren?

teleschau: Oliver Kahn, wer wird Fußball-Weltmeister 2018, und wie weit kommt die deutsche Mannschaft?

Oliver Kahn: Die erste Frage konnte ich noch nie beantworten - da lag ich meist daneben. Deutschland, da bin ich mir relativ sicher, wird wieder zu den Top-Vier gehören. Und ab dem Halbfinale ist es dann auch ein wenig Glückssache - da braucht man gute Momente.

teleschau: Zuletzt haben auch andere Fußball-Nationen mit Top-Leistungen auf sich aufmerksam gemacht.

Kahn: Das stimmt. Es geht aber auch darum, ob man beim Turnier die Leistung abrufen kann, zu der man fähig ist. Deutschland hatte in dieser Hinsicht selten Probleme - was auch einen gewissen Aussagewert fürs kommende Turnier haben sollte.

teleschau: Wie viel ist im modernen Fußball auf diesem Niveau planbar? Und inwiefern spielen Glück oder Pech eine Rolle?

Kahn: Es ist sehr viel planbar. Eine Weltmeisterschaft oder ein frühes Scheitern fängt bereits mit der Trainingssteuerung der Vereine an. Man muss Nationalspieler anders steuern als Spieler, die den Sommer über Urlaub machen können. Das sieht man in England. Von dort reisen die Spieler jedesmal überspielt zum Turnier an - nach 38 Ligaspielen und vielen anderen Partien über eine lange Saison. In Deutschland wird im Bereich Steuerung sehr gut gearbeitet. Auch Jogi Löws Vorbereitung ist sehr professionell und exzellent getaktet. Das ist auch immer eines der Erfolgsrezepte der deutschen Nationalmannschaft gewesen.

teleschau: Aber ist es nicht bitter, wenn derlei akribische Arbeit durch eine unglückliche Aktion in einem Spiel kaputt gemacht wird?

Kahn: Klar, das würde sich bitter anfühlen. Aber wenn alles planbar wäre, würde man Fußball nicht als Spiel bezeichnen. Dann wäre es ein Projekt oder ein Auftrag, der erfüllt oder abgearbeitet werden muss. Das Ganze würde dann auch sehr viel weniger Leute interessieren. Auch wenn man vieles planen kann - letztlich spielt beim Fußball der Zufall immer noch eine große Rolle.

teleschau: Glück und Pech sollen durch den Videobeweis, der auch bei der WM zum Einsatz kommt, in die Schranken gewiesen werden. Nimmt es dem Spiel seine Emotionalität, wenn man nach einem Tor oft lange warten muss, bis feststeht: Ja, der Treffer zählt tatsächlich?

Kahn: Ich finde, das Spiel bekommt durch den Videobeweis eine neue Emotionalität. Mittlerweile hat der Videobeweis dem Spiel eine eigene Form von Dramatik hinzugefügt. Es fällt ein Tor, es wird gejubelt, plötzlich verstummt der Jubel und man schaut auf den Schiedsrichter. Nun verfolgt man dessen Rückversichern: Was denkt er beim Betrachten der Szene? Was hört er über den Knopf im Ohr? Dann die Entscheidung. Die einen sind danach total enttäuscht, die anderen jubeln noch mal. Man kann nicht sagen, dass der Videobeweis das Spiel weniger emotional machen würde.

teleschau: Zumindest wird das Drama durch den Videobeweis verlängert!

Kahn: Das Spiel hat sich durch die neue Regel verändert. Ich würde aber nicht sagen, dass es wirklich schlechter geworden ist.

teleschau: Bei der letzten Europameisterschaft in Frankreich wurde über das schwache Niveau vieler Partien geklagt. Auch in Russland spielen eine Menge Fußball-Exoten mit. Haben Sie Angst vor vielen schlechten Spielen bei dieser WM?

Kahn: Viele Vorrundenspiele der vergangenen EM wurden auch deshalb sehr taktisch geführt, weil auch Gruppendritte weitergekommen sind. Das ist nun bei der WM nicht so. Da kommen nur die ersten beiden in die KO-Runde. Die Vorrunde sollte dadurch interessanter werden.

teleschau: Sind Sie bei Exoten-Kicks auf überschaubarem Niveau im Studio eher als Entertainer denn als Experte gefragt?

Kahn: Natürlich gehört ein bisschen Entertainment immer dazu. Im Vordergrund steht aber der Fußball und seine Bewertung. Und da können auch Partien spannend sein, die nicht vorab hohe Erwartungen wecken. Ich schaue dann, welche Taktik die Trainer wählen. Gibt es neue System-Ideen? Welche Spielertypen setzen sich im modernen Fußball durch? Jede Weltmeisterschaft brachte bisher Trends hervor, die sich später auch im Klubfußball gezeigt haben. Allein deshalb ist so ein großes internationales Turnier immer interessant.

teleschau: Ihre Aussage, dass Weltmeisterschaften Trends im Fußball setzen, überrascht. Viele Experten behaupten, wer modernen Fußball auf höchstem Niveau sehen will, müsse sich die Spitzenclubs in den europäischen Top-Ligen und die Champion League anschauen.

Kahn: Das sehe ich anders. Die vergangene WM brachte zum Beispiel die Erkenntnis, dass es nicht mehr ein System gibt, das den Erfolg bringt. Mannschaften, die erfolgreich sein wollen, müssen mehrere Systeme beherrschen. Sie können auch während des Spiels jederzeit das System wechseln und tun überraschende Dinge. Dieses Prinzip wurde zum ersten Mal 2014 in Brasilien deutlich: Da waren Spielweisen zu beobachten, die erst danach in den europäischen Top-Vereinsmannschaften auftauchten.

teleschau: Es hat den Anschein, dass Fußball heute sehr viel komplizierter geworden ist. Wann fing das eigentlich an, dass Fußball zur Wissenschaft wurde?

Kahn: Es fing an, als man begann, sehr individuell zu trainieren. Heute sind die Trainerstäbe im Vergleich zu früher größer. Jeder Spieler wird ganz gezielt auf seine Aufgabe im Spiel vorbereitet. Man merkte, dass man so mehr aus einem Team herausholen kann, als wenn man die Mannschaft nur als Gruppe trainiert. Die Trainer sind heute Manager, die zugleich sehr viele komplexe Vorgänge überblicken und koordinieren müssen. Big Data spielt eine große Rolle. Man muss diese Datenflut lesen und bewerten können.

teleschau: Das heißt, Trainer müssen heute intelligenter sein als früher?

Kahn: Sie brauchen zumindest eine Menge Kompetenzen. Sie müssen nicht nur mit Daten und Informationen, sondern auch mit Menschen umgehen. Sozialkompetenz ist viel wichtiger als früher. Der Typ "einsamer Wolf" hat keine Chance mehr. Heute muss jeder Trainer auch mindestens ein halber Psychologe sein.

teleschau: Und die Spitzenspieler - müssen die heute ebenfalls intelligenter sein, um den Fußball noch verstehen zu können?

Kahn: Nein, sie müssen nur besser sein als früher (lacht). Für die Spieler ist der Fußball gegenüber früher kaum komplexer geworden. Ihnen wird sehr viel abgenommen. Sie bekommen genau gesagt, was zu tun ist. Der Rest ist Instinkt und natürlich Klasse. Aber, na klar, die Spieler sind heute schneller, athletischer und besser ausgebildet als früher.

teleschau: Ist das Ende der Fahnenstange irgendwann erreicht? So dass man sagen wird: Jetzt lässt sich dieser Sport, der Fußball, nicht mehr weiter verbessern!

Kahn: Ich glaube, die Entwicklung wird nie aufhören. Es wird immer wieder Vereine oder Teams geben, die sich zumindest kurzzeitig durch bestimmte Technologien oder Ideen einen Vorteil verschaffen. Zum komplexen Fußball gehört allerdings auch, dass andere diesen Vorteil schnell erkennen, ihn kopieren oder dagegen arbeiten. Trotzdem haben mir viele Trainer schon gesagt, dass man irgendwann an die Grenzen der Optimierung stoßen wird. Im Bereich Fußball sind wir momentan schon sehr dicht an diesem Optimum dran.

teleschau: Was passiert, wenn das Optimum, wie ein Mensch Fußball spielen kann, erreicht ist?

Kahn: Das würde ich auch gerne wissen (lacht). Vielleicht interessiert sich dann keiner mehr für Fußball. Aber das kann ich mir irgendwie nicht vorstellen.

Quelle: teleschau - der mediendienst