Peter "Peavy" Wagner

Peter "Peavy" Wagner





Knochenarbeit und Urgesteine

Rage sind ein Bollwerk im Strom der harten Musikgeschichte und schon lange eine Institution in der deutschen Heavy-Metal-Szene. Die Band existiert seit über 30 Jahren und ist auch heute noch überaus aktiv. Die Zusammensetzung der Gruppe hat sich jedoch stetig verändert. Was also tun, wenn der einzig "Überlebende" des Wandels, Sänger und Bassist Peter "Peavy" Wagner (53), sich plötzlich wieder mit seinen alten Kumpels verträgt und Bock hat, die alten Nummern zu zocken? Rage können sie sich nicht mehr nennen. Also wählt man mit Refuge kurzerhand einen ähnlich klingenden Namen, der zudem Titel eines Songs "von damals" ist. Vor ein paar Jahren erklomm man wieder gemeinsam die Bühnen, nun wird mit "Solitary Men" quasi das Debütalbum nachgeschoben. Kult-Frontmann Peavy über die "Tres Hombres", den Heavy Metal im Allgemeinen und ein besonderes Hobby.

teleschau: 2015 erklärten Sie noch: "Refuge ist unsere Spaßband, die wir nebenbei machen." Wurde aus Spaß inzwischen Ernst?

Peavy Wagner: Nein, das ist eigentlich immer noch so. Es soll nach wie vor unser Privatvergnügen sein. Und das Album hätten wir nicht gemacht, wenn das Label nicht so hartnäckig gewesen wäre. Denn Refuge war von vornherein nur unter der Prämisse möglich, dass es eine reine Hobbyband bleibt. Die beiden anderen Jungs sind schon vor Jahren aus dem Profi-Musikgeschäft ausgestiegen. Sie haben Familien und normale Jobs, die sie auch behalten wollen.

teleschau: Das heißt, Sie sind der einzige, der die Sache über all die Jahre hinweg durchgezogen hat.

Wagner: Ich mache Rage seit 1983, seit 1987 lebe ich davon. Und ich habe nie damit aufgehört. Das ist mein Leben.

teleschau: Ob Spaß oder Ernst: "Solitary Men" klingt auch mit Ihren beiden Mitstreitern nicht wie ein "Hobbyalbum", sondern wie eine gestandene Rage-Platte.

Wagner: Ich bin im Nachhinein sehr froh, dass wir das Album gemacht haben. Es hat sich herausgestellt, dass es auch auf der kreativen Ebene nach wie vor sehr gut zwischen uns klappt. Aber wir haben es nicht gemacht, weil wir damit Geld verdienen oder irgendjemandem etwas beweisen wollen.

teleschau: Um was geht es dann?

Wagner: Im Grunde um Freundschaft. Wir wollten einfach nur ein bisschen Spaß zusammen haben und mal wieder die alten Nummern spielen. Wir hätten nie gedacht, dass es weltweit solch ein Interesse geben würde.

teleschau: Und das alles geschah "einfach nur so"?

Wagner: Nun, die Entstehung von Refuge hat ein bisschen damit zu tun, dass ich 2014 50 wurde. Und wie das wahrscheinlich bei vielen in dem Alter ist, war das für mich ein Anlass, über das Leben nachzudenken und zu resümieren. Wo stehe ich, wo will ich hin? Da wurde mir klar, dass ich alle negativen Sachen aus meinem Leben entfernen will. Und was mir schon lange auf dem Herzen lag, war diese ungeklärte Sache mit Chris (Efthimiadis, Schlagzeug, d. Red.). Wir sind damals, 1999, im Streit auseinandergegangen, und von da an war das wie ein Stachel in der Seele. Er ist einer meiner ältesten Freunde, das hat schon in der Grundschule begonnen. Ich habe ihn dann einfach angerufen, und er war auch total happy.

teleschau: Und von da an nahm das Ganze seinen Lauf. Auf "Solitary Men" werden einige Ideen von damals verarbeitet. Unter anderem in dem Song "Waterfalls".

Wagner: Er stammt - wie auch "Another Kind Of Madness" - aus der progressivsten Zeit, welche die Band um 1990 hatte. Die Songs gab es als Demos, als Skizzen, sie wurden aber nie richtig ausgearbeitet. Jetzt haben wir die Gelegenheit am Schopfe gepackt. All die Jahre tat es mir immer leid um die Songs, denn ich finde, es sind schöne Nummern, die nicht unbedingt für das stehen, für das wir damals bekannt waren. So ein bisschen waren wir damals zum Beispiel von Queensrÿche in ihrer "Empire"-Phase inspiriert.

teleschau: "Another Kind Of Madness" erschien ja ursprünglich als Akustik-Track ...

Wagner: Das ist eine merkwürdige Geschichte. Man muss dazu wissen, dass Karl Walterbach, der Chef des damaligen Labels Noise Records, sich stark in die kreativen Belange der Band eingeklinkt hat. Er machte den Leuten Vorschriften, wie es sich heute kein Label mehr erlauben würde. Mir war der Song immer wichtig gewesen, er hat ihn immer wieder rausgeschmissen. Die Akustik-Version als Bonustrack für Japan war dann so eine Art Kompromiss.

teleschau: Jetzt hat er die Möglichkeit, den Song in seiner vollen Pracht zu hören.

Wagner: Ich glaube, Karl Walterbach hat nach wie vor keine Ahnung von Musik. Aber ich bin ihm auch dankbar, denn er hat uns damals in den 80-ern die Chance gegeben, unsere Karriere aufzubauen. Auch wenn er teilweise ziemlich respektlos mit uns umgegangen ist.

teleschau: War es wirklich so schlimm?

Wagner: Es fing schon damit an, dass er allen Bands, die bei ihm unterzeichneten, einen neuen Namen aufzog. Helloween hießen davor anders, Running Wild, Kreator, und auch wir hießen ja ursprünglich Avenger. Und noch ein Beispiel: Es gab ein Jahr, 1989 war es, da bekam er auf einmal den Spleen, dass alle Covers mit Bandfotos besetzt sein mussten. Wir hatten für "Secrets In A Weird World" ein tolles Artwork, das war schon fertig. Und dann wurde, ohne dass wir davon in Kenntnis gesetzt wurden, das Ganze ausgetauscht. Das machte er auch mit anderen Bands, mit Celtic Frost, Gamma Ray und sogar Kreator. Schauen Sie sich das "Extreme Aggression"-Album an. Aber egal, das ist lange her.

teleschau: Die Zeit damals ist bestimmt auch mit schönen Erinnerungen verbunden.

Wagner: Ja. Als wir anfingen, konnten wir noch nicht von der Musik leben. Manni (Schmidt, Gitarre, d. Red.) hatte einen Job als LKW-Fahrer in einer Tongrube im Westerwald und wohnte schon bei seiner Freundin. Und wir sind mit der ganzen Band eingezogen. So ein halbes, dreiviertel Jahr schliefen wir im Wohnzimmer auf dem Sofa, auf dem Boden oder auf Matratzen. Sein alter Proberaum war im Grunde in einem Kuhstall gelegen. Dort haben wir das ganze "Perfect Man"-Album geschrieben. Das hat uns auf jeden Fall zusammengeschweißt.

teleschau: Im Ruhrgebiet, Ihrer Heimat, hat Heavy Metal schon immer eine exponierte Stellung eingenommen. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Wagner: Nun, es gab verschiedene Zonen in Deutschland, wo besonders viele und starke Bands herkamen. Das Ruhrgebiet war eine davon. Eine andere war sicher der Hamburger Raum, und viele Hardrock-Bands kamen aus dem süddeutschen Raum. Im Ruhrgebiet war besonders der Thrash verwurzelt. Das liegt vielleicht einfach an der Arbeiterklasse, die hier stark vertreten ist. Die Kinder hatten ein eher hartes Leben. Ich meine damit nicht unbedingt ein schlimmes Leben, aber eben keines im Luxus. Den ganzen Tag lang wurde gearbeitet, und nach Feierabend musste man den Frust und die Energie rauslassen. Dafür war der Metal perfekt geeignet.

teleschau: Was bedeutet Heavy Metal für Sie persönlich?

Wagner: Das ist eine schwere Frage. Einerseits bin ich gar nicht so festgelegt auf Heavy Metal. Ich habe mit der klassischen Gitarre angefangen, meine allererste prägende Musikerfahrung waren die Beatles. Andererseits aber bin ich ein Metal-Urgestein und gehöre zu den Gründervätern der deutschen Szene. Hier fühle ich mich nach wie vor verwurzelt, das ist meine Heimat.

teleschau: Neben der Musik besitzen Sie noch eine weitere Leidenschaft, die auf einige Menschen skurril wirken dürfte. Sie sind Präparator.

Wagner: Ja. Ich habe mich sehr früh auf Knochenpräparationen, Skelettmontagen und Abgusstechnik spezialisiert. In dem Beruf arbeite ich auch noch nebenbei. Nicht, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, die Musik kommt natürlich zuerst. Aber wenn ich zwischendurch Zeit habe, beschäftige ich mich sehr gerne damit. Und ich habe mir privat auch eine recht umfangreiche Sammlung aufgebaut. Das hat übrigens nichts mit Horror oder so einem Quatsch zu tun, das ist eine wissenschaftliche, osteologische Sammlung.

Quelle: teleschau - der mediendienst