Jörg Schüttauf

Jörg Schüttauf





"Sehen Sie mich an: Sehe ich wie ein Held aus?"

"13 Uhr mittags" (Mittwoch, 30.05., 20.15 Uhr, ARD) ist eine schwarze Westernkomödie, die allerdings an der norddeutschen Küste spielt. Jörg Schüttauf ("Macht euch keine Sorgen") spielt einen Dorfpolizisten, der vor einer auf Rache sinnenden Gangsterbande flüchten will. Wenn nur nicht immer etwas dazwischen käme. Schüttauf, 1961 im sächsischen Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, geboren, ist einer der besonderen Charakterdarsteller Deutschlands. Meist verkörpert er den "kleinen Mann". Mit großer Authentizität, ohne seine Figuren dabei ins Klischee zu ziehen, sie zu glorifizieren oder zu verraten. Im Interview spricht der ehemalige Frankfurter "Tatort"-Kommissar über Western-Feeling in der DDR, renitente Sachsen und seine ungewöhnliche Schauspieltechnik.

teleschau: Sie sind 1961 in Karl-Marx-Stadt geboren. Konnten Sie als Kind amerikanische Filme, zum Beispiel große Western, im Kino sehen?

Jörg Schüttauf: Sobald einer von den Guten, also Indianer oder Arbeiter, die Hauptrolle hatte und die Bösen reich waren, wurden die Filme auch bei uns im Kino gezeigt. Ich erinnere mich an Monumentalfilme mit Römern und Sklaven, aber auch an Western. Von Steven Spielbergs "Die Farbe Lila" erfuhr ich aber erst Mitte der 80-er bei einem Dreh fürs Fernsehen. Viele der Schauspieler unterhielten sich über diesen Film. Ich wollte ihn unbedingt sehen und fragte, wo er denn läuft. Es stellte sich heraus, dass alle Kollegen einen Reisepass hatten und ihn in Westberlin gesehen hatten. Da durfte ich nicht hin, denn ich hatte keinen Pass. Pech gehabt.

teleschau: An welche Western aus Ihrer Kindheit erinnern Sie sich?

Schüttauf: Ich glaube, den ein oder anderen Italowestern wie "Spiel mir das Lied vom Tod" habe ich in Karl-Marx-Stadt im Kino gesehen. Am beeindruckendsten fand ich als Kind natürlich Gojko Mitic in gefühlt 20 Indianerfilmen der DEFA. Er war der Kultindianer schlechthin. Mein größtes Event war jedoch eine Vorstellung von "Ben Hur" im örtlichen Kino. Dafür schwänzten wir die Schule, weil der Film am Mittag gegen 13 Uhr kam. Das Wagenrennen ist mir bis heute in Erinnerung. Wir saßen in einem alten Kino, wo man oben noch am Platz bedient wurde. Es war ein Wagnis und ziemlich dreist von uns, die Schule wegen eines Hollywood-Wagenrennens mit Bedienung am Tisch zu schwänzen. Und das in der DDR! Dafür muss man sich auch mal auf die Schulter klopfen.

teleschau: "12 Uhr mittags" von 1952 - den haben Sie aber wohl nicht im Kino gesehen?

Schüttauf: 1952 war noch zehn Jahre lang nicht an mich zu denken. Nein, habe ich nicht. Aber ich spiele ja nun keinen klassischen Westernhelden, sondern eher das Gegenteil: einen klassischen Feigling.

teleschau: "12 Uhr mittags" wurde damals in der Mc Carthy-Ära auch als "unamerikanisch" kritisiert. Weil Cary Cooper als Gesetzeshüter der Auseinandersetzung mit den Gangstern lange Zeit aus dem Weg gegen wollte ...

Schüttauf: Da sehen Sie mal! Dann sind wir doch mehr Hommage als das Gegenteil. Die klassische Western-Situation, also das finale Duell, auf das diese Filme immer hinarbeiten, spielen auch in der deutschen Filmgeschichte eine große Rolle. Zumindest als Zitat. Der berühmte "Tatort: Im Schmerz geboren" huldigt beispielsweise diesem Topos. Da warten die Killer auch an einem heißen Bahnhof in der Einöde auf einen Ankommenden. Es geht um die Spannung, die durch das langsame Erzählen der Situation aufgebaut wird. Der Film schaut beim gedehnten Warten zu, aber man weiß: Gleich kracht es hier!

teleschau: In "13 Uhr mittags", Ihrer norddeutschen Variante, geht es um einen Polizisten, der möglichst schnell aus dem Dorf fliehen will - aber einfach nicht wegkommt. Was hat das alte Western-Genre dem Zuschauer heute noch zu bieten?

Schüttauf: Ich glaube, dass sich heute alles wie ein Western anfühlt. Unsere Lebensumstände erinnern mich immer mehr an ein Haifisch-Becken. Wir sind eine Gesellschaft aus Individualisten geworden, im der jeder für sich kämpft. Die Regeln des Miteinanders, vor allem soziale Regeln, scheinen zunehmend außer Kraft gesetzt. Jeder macht sein eigenes Ding. Und es regiert: der Stärkste.

teleschau: Wer sind in diesem Spiel die Indianer?

Schüttauf: Sie sind längst ausgestorben. Es gibt nur noch Cowboys und Revolverhelden. Und jeder spuckt seinen Kautabak, wohin er will.

teleschau: Warum spielen Sie selbst so oft Antihelden?

Schüttauf: Sehen sie mich an. Sehe ich wie ein Held aus? Ich weiß es nicht. Antihelden fühlen sich aus der Schauspielerperspektive irgendwie besser an. Vielleicht liegt es auch an meiner Art, Rollen anzugehen. Das wurde auch mal als Anti-Spielweise oder "low performance" bezeichnet. Ich versuche, dass man es nicht so merkt, dass ich überhaupt spiele. Im Laufe der Jahre ist dieses scheinbar Beiläufige so ein bisschen mein Markenzeichen geworden. Allerdings muss es auch gut gelernt sein, sonst funktioniert es nicht.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Schüttauf: Die Worte müssen einem wie von selbst aus dem Mund fallen. Vielleicht gepaart mit einer merkwürdigen Geste, die dazu nicht passend erscheint. Mein Motto ist: Sag einfach, was du sagst und denke nicht zu viel darüber nach. Um so zu spielen, muss man allerdings die Figur und ihr Empfinden in der Szene gut kennen und verstehen. Erst dann kann man mit der Entfremdung in Richtung Beiläufigkeit arbeiten.

teleschau: Sie sind also eine andere Art Schauspiel-Perfektionist?

Schüttauf: Ob mir das in jedem Falle gelingt, müssen andere entscheiden. Wie es beim Film ja in der Regel immer andere sind, die dich im sprichwörtlichen Sinn strahlen lassen und dich ins rechte Licht setzen. Beim Schnitt bist du nicht dabei. Hinter der Kamera stehen andere. Und am Ende gefällt irgendjemand eine Sequenz nicht, und schon ist die einfach nicht mehr im Film zu sehen. Da ist der Anspruch, immer perfekt zu sein, das letzte, das einem bleibt. Mit dem Ergebnis hat man als Schauspieler wenig zu tun. Du weißt nie, was von deinem Spiel tatsächlich eingefangen und ausgewählt wird: Sind bestimmte kleine Gesten zu sehen? Bekommt der Zuschauer diesen merkwürdigen Gang mit? Alles liegt letztlich außerhalb unseres Einflusses.

teleschau: Suchen Regisseure diesen beiläufigen Touch bei der Schauspielerei stärker als früher?

Schüttauf: Ja, doch. Ich habe den Eindruck, das spricht sich immer mehr rum. Ich selbst fand jene geschrieben klingenden Texte, die Schauspieler früher im Fernsehen aufsagen mussten, schon vor 20 oder 25 Jahren schlimm. Aber es scheint erst seit kurzem populär, das Verbrecher auch wie Verbrecher reden und nicht wie Filmautoren. Ich habe dazu früher schon immer offen meine Meinung kundgetan. Beim Sachsen - und ich bin ja einer - sitzt die Zunge locker. Wir sagen gerne, was wir denken. Heute bekommt man von dieser Eigenschaft vor allem die politisch rechte Variante mit, was mir ziemlich missfällt. Das Offene und Meinungsfreudige des Sachsen ist nämlich mutig und großartig.

teleschau: Auch in der DDR waren Sachsen mit die scharfzüngigsten Kritiker des Systems, heißt es. Ist das Mythos oder Realität?

Schüttauf: Das ist die Wahrheit. Die Wende fing mit den Sachsen an. Montagsdemos in Dresden und Leipzig. Das wurde immer mehr und mehr. Da rührte sich im Rest der DDR erst mal noch nichts.

teleschau: Nach Ihren Aus als Kommissar beim Frankfurter "Tatort" war es ein paar Jahre ruhiger um Sie. Man hat den Eindruck, jetzt sind Sie wieder gut im Geschäft ...

Schüttauf: Die Ruhe hatte auch ein bisschen mit dem "Tatort"-Kommissar zu tun. Man ist sehr belegt in den Augen der Filmemacher und Zuschauer, wenn man lange Jahre "Tatort"-Kommissar gewesen ist. Alle identifizieren einem mit dieser einen Rolle. Es ist ein langer Kampf, bis man das dort aufgebaute Image wieder abgelegt hat. Ein paar Jahre hat es gedauert, bis ich für den deutschen Film, fürs deutsche Fernsehen wieder ein ganz normaler Schauspieler war. Ich hoffe, jetzt bin ich in dieser Normalität angekommen.

Quelle: teleschau - der mediendienst