Rainhard Fendrich

Rainhard Fendrich





Ein Wunschkonzert gegen Kinderarmut

Als Rainhard Fendrich mit seinem letzten Album "Schwarzoderweiss" durch Deutschland und Österreich tourte, wurde in diversen Kommentarspalten im Internet gerne behauptet, dass der Wiener sich neuerdings viel politischer gebe als früher. Im Interview betont der 63-Jährige, dass das überhaupt nicht der Fall sei. Politisch sei er nämlich immer schon gewesen. "Wenn man meine alten Lieder hört, merkt man, dass ich mich von Anfang an gegen Ungerechtigkeit stark gemacht habe. Nur formuliert man in fortgeschrittenem Alter vielleicht noch genauer und schärfer, als man es mit 20 oder 25 tut." Dass er damit recht hat, beweist Rainhard Fendrich mit dem neuen Live-Album "Für immer a Wiener". Nicht nur, weil unter anderem der Titel "Brüder" darauf zu finden ist, in dem es um Ausgrenzung von Migranten geht. Es steckt auch eine besondere Idee hinter dem Album: Der Reinerlös kommt zu 100 Prozent karitativen Einrichtungen zugute, die sich gegen Kinderarmut starkmachen. Wieso er dafür sein neues Studioalbum hintenan stellte, verrät Rainhard Fendrich im Interview.

teleschau: Am 18. Mai erscheint Ihr Live-Album "Für immer a Wiener", dessen Erlös komplett dem Kampf gegen Kinderarmut zugutekommt. Wie kamen Sie darauf?

Rainhard Fendrich: Es war eigentlich ein Zufall. Ich habe im Straßenverkehr ein Plakat entdeckt, auf dem ein kleines Mädchen zu sehen war, und darunter stand: "Wenn ich groß bin, werde ich arm." Ich dachte zuerst, es handelt sich um Werbung für ein Theaterstück oder einen Film, aber bei näherem Hinsehen habe ich bemerkt, dass das ein Plakat der Volkshilfe Österreich war. Danach habe ich begonnen zu recherchieren und habe entdeckt, dass allein in Österreich zwischen 250.000 und 350.000 Kinder und Jugendliche von Armut bedroht sind. Die Dunkelziffer ist unbekannt.

teleschau: Da wollten Sie etwas ändern?

Fendrich: Genau, das hat mich dermaßen berührt, dass ich mir gedacht habe, das kann doch in einem Land, in dem der Wohlstand so hoch ist, nicht sein. Gerade Wien landet oft in diversen Rankings zur Lebensqualität in Städten ganz oben. Dann habe ich mich dazu entschlossen, drei Konzerte zu spielen, und da das Proben schon so Spaß gemacht hat, wollten wir gleich ein Live-Album aufnehmen. Das hat super geklappt. Der Reinerlös der CD-Verkäufe geht zu 100 Prozent an karitative Einrichtungen.

teleschau: Haben Sie sich schon vorher mit dem Thema beschäftigt?

Fendrich: Vor 20 Jahren haben wir uns mit Austria 3 gegen Obdachlosigkeit in Österreich engagiert. Aber das Thema Kinderarmut hat mich jetzt schon besonders getroffen, weil in der jetztigen Zeit gerne über solche Sachen hinweggeschaut wird. Viele sagen, das kann ich alles nicht mehr hören und sehen.

teleschau: Oft wird in Deutschland über den Begriff Armut gestritten - was bedeutet für Sie arm?

Fendrich: Arm ist jemand, der entscheiden muss, ob er jetzt Heizöl kauft oder Milch. Arm ist jemand, der mehr oder weniger am Existenzminimum leben muss, der eine Wohnung hat, in die er niemand einladen kann. Bei Kindern ist es wiederum oft so, dass die Eltern hungern, damit sie ihren Kindern etwas Gescheites zum Anziehen kaufen können. Es geht für Betroffene oft darum, dass man ihre Armut nicht sehen soll, die Leute schämen sich dafür, arm zu sein. Eltern wollen nicht, dass ihre Kinder in der Schule dadurch auffallen, dass sie immer dieselbe Kleidung anhaben. Armut heißt aber vor allem auch, dass die Kinder keine sozialen Kontakte pflegen können, niemanden zum Geburtstag einladen können und so weiter.

teleschau: Berührt einen das Thema noch mehr, wenn man selbst Kinder hat?

Fendrich: Man muss nicht Vater sein, damit einem andere Menschen nicht gleichgültig sind. Oder, um es etwas pathetischer zu sagen: Nächstenliebe ist etwas, das zu diesen viel gepriesenen christlichen Werten zählt. Das heißt ganz einfach, dass einem das Schicksal anderer nicht total egal ist.

teleschau: Wie kam denn die Liedauswahl für das Live-Album zustande?

Fendrich: Eigentlich wollte ich ein neues Studioalbum veröffentlichen, aber dann kam mir das Thema in die Quere, und ich wusste, das hat jetzt Vorrang. Ich selbst war mir gar nicht sicher, was die richtige Song-Auswahl ist. Es sollte ja schließlich kein Betroffenheitskonzert werden. Der Abend sollte trotz ernstem Anlass ja auch Spaß machen. Deshalb habe ich über Facebook mein Publikum gebeten, Vorschläge für das Programm zu machen. Das Echo war überwältigend! Wir haben wirklich kein Lied gespielt, dass die Fans sich nicht gewünscht hatten. Es war quasi ein Wunschkonzert.

teleschau: Auch der Song "Brüder" hat es auf die Platte geschafft. Das Lied kam vor 25 Jahren heraus und erscheint beim Anhören so aktuell wie noch nie, wenn Sie singen: "Warum spuckt man meine Kinder an, ich bin hier, so lang ich denken kann?". Sind wir heute noch nicht weiter als damals?

Fendrich: Nein. Leider Gottes geht es gerade sogar in die entgegengesetzte Richtung. Ich habe dieses Lied vor 25 Jahren anlässlich der brennenden Flüchtlingsheime geschrieben, und der Fremdenhass, der durch Rechtspopulisten noch geschürt wird, ist nach wie vor in einer Art und Weise vorhanden, dass man Angst haben kann.

teleschau: Denken Sie, das wird irgendwann noch etwas mit der Toleranz und Weltoffenheit?

Fendrich: Ich glaube, dafür muss noch eine Generation ins Land ziehen. Es sind so viele Völker nach Europa gekommen, die sich wunderbar integriert haben. Ich glaube sehr wohl, dass es irgendwann einmal dazu kommen kann, dass ganz einfach Menschen unterschiedlicher Nationalitäten Seite an Seite ohne Probleme miteinander leben können.

teleschau: Glauben Sie, es bräuchte mehr Leute mit Courage und moralischem Empfinden?

Fendrich: Ich glaube, dass der Großteil der österreichischen und deutschen Bevölkerung gar nicht so feindselig ist, wie es oft dargestellt wird. Ich kann nur von Österreich reden. Österreich ist ein Vielvölkerstaat. Wir haben durch die österreichisch-ungarische Monarchie in Wien viele, viele Zuwanderer aus den Provinzen gehabt, und es hat sich zu einer wundervollen Stadt entwickelt. Ich glaube schon daran, beziehungsweise ich möchte daran glauben, dass ein Großteil der Menschen sehr wohl die Hand ausstrecken wird und irgendwann einfach sagt: "Wir wollen eigentlich in Frieden miteinander leben."

teleschau: Ihr Lied "I Am From Austria" gilt als heimliche Österreich-Hymne und hat es auch auf die Live-CD geschafft - wie viel Vaterlandsstolz darf und soll man heute noch in sich tragen?

Fendrich: Natürlich gibt es in ganz Europa einen spürbaren Rechtsruck, deswegen muss man mit dem Begriff Vaterlandsstolz vorsichtig sein, doch das Lied hat ja einen ganz anderen Hintergrund. Das habe ich Ende der 80-er geschrieben, als dem damaligen Bundespräsidenten Dr. Kurt Waldheim eine Nazivergangenheit bewiesen wurde. Und plötzlich waren alle Österreicher Nazis. Damals war ich sehr viel in Amerika unterwegs und habe das irgendwie nicht verkraftet, dass wir alle über einen Kamm geschoren wurden. Deswegen ist der Titel auch auf Englisch, weil ich auf die Frage, wo ich herkomme, damals immer geantwortet habe: "I Am From Austria." Jetzt wird dieses Lied leider Gottes immer wieder von rechten Organisationen missbraucht. Ich kann mich dagegen immer nur dadurch wehren, indem ich mich öffentlich distanziere. Aber zu dem Lied stehe ich, und auch zu meinem Stolz auf Österreich.

teleschau: Bald kommen Sie aufs Tollwood-Festival nach München. Erst letztes Jahr hatten Sie einen Auftritt in der Münchner Olympiahalle, und "Bild" titelte "Heimspiel für Rainhard Fendrich" - empfinden Sie Auftritte in Bayern wirklich auch als Heimspiel?

Fendrich: Ich habe seit Jahrzehnten in München ein ganz tolles Publikum gefunden. Aufs Tollwood freue ich mich aber ganz besonders, denn ich bin ja schon beinahe Gründungsmitglied (lacht). Das ist immer ganz toll da. Die sind irgendwie euphorischer. Die Wiener sind auch ein gutes Publikum, aber um die muss man sehr viel kämpfen. In München bekommt man schon Applaus, bevor man auf die Bühne geht (lacht). Es macht mir auf jeden Fall immer riesig Spaß, in dieser Stadt zu spielen. Heimspiel würde ich aber nicht sagen, denn jeder Auftritt hat seine Tücken, und man muss bei jedem immer hochkonzentriert sein.

teleschau: Sie spielen auch in Essen oder Erfurt. Wie unterscheiden sich Konzerte im Norden von denen weiter im Süden und in Ihrer Heimat Österreich?

Fendrich: Im Norden gibt es manchmal eine gewisse Sprachbarriere, aber das Publikum sind ja Menschen, die sich für meine Musik interessieren, und ich gehe einfach davon aus, dass sie wissen, worum es in meinen Liedern geht, selbst wenn sie jetzt nicht jedes Wort verstehen.

teleschau: In Bayern jedenfalls versteht man Sie. "Weus'd a Herz hast wia a Bergwerk" ist zum Beispiel auf bayerischen Hochzeiten sehr beliebt. Und auch viele Lieder von anderen österreichischen Bands gehören beinahe zum bayerischen Kulturgut. Stört das die Österreicher? Oder empfindet man das als Kompliment?

Fendrich: Wenn man ein Lied schreibt und es auf eine Platte gibt, dann will man doch, dass es gespielt und verbreitet wird. Das ist ja der Sinn des Ganzen. Ich freue mich immer riesig, wenn im Ausland österreichische Musik gespielt und gesungen wird. Das ist ein großes Kompliment.

teleschau: In vielen Artikeln zu Ihrer letzten Tour war zu lesen, dass Sie sich politischer gaben als zuvor - empfinden Sie das auch so?

Fendrich: Die heutige Zeit ist sehr überreizt. Es war zuletzt in Österreich ziemlich viel los, vor allem aufgrund des Richtungswechsels in der Regierung. Sobald man etwas Politisches gesagt hat, schlugen gleich die Wogen hoch. Aber wenn man meine alten Lieder hört, merkt man, dass ich mich von Anfang an gegen Ungerechtigkeit stark gemacht habe. Ich habe immer schon Sozialkritik geäußert, wenn mich Dinge gestört haben. Nur formuliert man in fortgeschrittenem Alter vielleicht noch genauer und schärfer, als man es mit 20 oder 25 tut. Politisch war ich eigentlich immer schon.

teleschau: Sie sind seit beinahe 40 Jahren im Geschäft - Denken Sie manchmal ans Aufhören?

Fendrich: Ich behaupte, dass ich jetzt viel besser singen kann als am Anfang. Also nein (lacht). Der erste Grund aufzuhören wäre, wenn man kein Publikum mehr hat. Der Fall ist aber bisher noch nicht eingetreten. So lange mir das Musizieren Spaß macht, mache ich weiter.

Quelle: teleschau - der mediendienst