Ruth Reinecke

Ruth Reinecke





"Liebesbriefe sind großartig!

Ruth Reinecke kam im geteilten Berlin zur Welt und wuchs in der ehemaligen DDR auf. Sie entstammt einer Schauspielfamilie und entdeckte sehr schnell ihre Liebe zum Theater. Nach der Wiedervereinigung hielt sie den Brettern, die die Welt bedeuten, die Treue, doch auch in Film und Fernsehen zeigt sie Präsenz. Dass der einstige ostdeutsche Sozialismus bis zum heutigen Tag ihr Schauspieldasein prägt, liegt auf der Hand: Einem breiten Publikum abseits der Bühne ist die 63-Jährige durch ihr TV-Engagement in der ARD-Erfolgsserie "Weissensee" bekannt geworden. In bislang vier Staffeln verkörperte Reinecke dort die systemtreue Funktionärsfrau Marlene Kupfer - eine anspruchsvolle Rolle, in der die Schauspielerin stets brilliert. Weniger anspruchsvoll ist nun die Figur der Oma Gisela geraten, die sie in der ARD-Komödie "Oma ist verknallt" (Freitag, 1. Juni, 20.15 Uhr, ARD) darstellt. Warum sie trotzdem große Lust darauf hatte, diese zu spielen, erklärt Reinecke im Interview.

teleschau: In "Oma ist verknallt" wird der Komödienklassiker "Frühstück bei Tiffany" zitiert. Haben Sie den Film gesehen?

Ruth Reinecke: Ja, natürlich! Das war aber schon etwas länger her, deshalb hatte ich ihn mir vor den Dreharbeiten noch mal angeschaut. Ich mag den Film sehr. Audrey Hepburn ist einfach zauberhaft. Die Komödie ist entzückend. Es lohnt immer wieder, sie anzusehen.

teleschau: Einen Großteil des Films verbringen Sie in der Rolle als Oma Gisela im Rollstuhl. Kannten Sie temporäre körperliche Einschränkungen aus eigener Erfahrung?

Reinecke: Nein, dankenswerterweise nicht. Ich habe mir einen Rollstuhl besorgt, mich hineingesetzt und einen Tag darin verbracht. Das war sehr lehrreich. Die Perspektive ist eine ganz andere. Man schaut die Menschen von unten nach oben an. Die Vorstellung, dass man sich helfen lassen muss, wird einem ganz sinnlich klar. Man möchte zum Beispiel gerne aufstehen, wenn etwas heruntergefallen ist, und es geht nicht. Da musste ich mir etwas einfallen lassen. Ich entwickelte auch einen anderen Blick für Menschen im Rollstuhl. Ich habe bewundernd beobachtet, mit welcher Leichtigkeit sich Menschen aus dem Rollstuhl ins Auto hieven und dann ihren Rollstuhl zusammenklappen. Eine beeindruckende Leistung!

teleschau: Auch Dating ist ein großes Thema in "Oma ist verknallt". Sind Dating-Portale eher Fluch oder Segen?

Reinecke: Das kann ich schwer einschätzen. Offensichtlich machen das sehr viele Menschen, weil sie keine Möglichkeit haben, sich zu treffen, sich zu begegnen. Früher hat man wahrscheinlich eine Annonce in der Zeitung aufgegeben. Das gibt es heute auch noch. Aber das Internet hat plötzlich einen viel größeren Rahmen aufgezeigt. Vielleicht ist das ja gut.

teleschau: Sind Liebesbriefe altmodischer Kitsch?

Reinecke: Nein, ich finde Liebesbriefe großartig! Briefeschreiben ist generell etwas sehr Schätzenswertes. Diese Tradition geht uns verloren, weil man schneller per WhatsApp, SMS oder via E-Mail kommunizieren kann. Aber sich mal hinzusetzen und auf ein weißes Blatt Papier zu schreiben, das ist etwas völlig anderes. Ich finde das richtig gut und habe es früher viel mehr gemacht. Ich kann junge Leute nur dazu ermuntern, Briefe zu schreiben. Und den Briefkasten öffnen, die Post aufmachen und etwas Handgeschriebenes lesen, wunderbar!

teleschau: Im Film geht es vor allem um die Liebe im Alter. Ein Tabuthema?

Reinecke: Als Tabuthema würde ich es heute nicht mehr bezeichnen. Aber es ist nicht wirklich präsent in Film und Fernsehen. Die Liebe kann selbst im hohen Alter noch ein großes Thema sein. Ich würde es allen Menschen wünschen. Es ist zu wenig ein Thema, das ist wohl so. Meistens wird es in Form einer Komödie erzählt, weniger in ernsteren und dramatischeren Filmen.

teleschau: Sie würden es demnach begrüßen, wenn das Thema im fiktionalen Bereich präsenter wäre?

Reinecke: Absolut. Ältere Menschen sind mitten unter uns wie andere Generationen auch und zwar mit allen Gefühlen. Nicht nur mit der Angst vor der Einsamkeit und körperlichen Einschränkungen, sondern auch mit dem Mut, den sie haben. Ich kenne viele Leute, älter als ich, die großartige Sachen machen, die sich sehr einbringen in die Gesellschaft. Die voll im Leben stehen, auch wenn sie nicht mehr arbeiten. Es wäre doch wünschenswert, wenn man aus diesen Lebensbereichen Stoff für Geschichten finden würde. Die Gesellschaft wird immer älter, und ich sehe sehr viele mobile ältere Menschen. Auch welche, die sich auf die Suche nach einem neuen Partner begeben. Ob das nun eine Reisefreundschaft ist, ob man zusammenzieht oder sich gemeinsam engagiert. Diesen Menschen sollte man einen Platz einräumen.

teleschau: Haben Sie schon mal Probleme gehabt, im fortgeschrittenen Alter Rollenangebote zu erhalten?

Reinecke: Ich habe schon Durstzeiten erlebt, da war ich noch jünger. So etwas kennt jede von uns. Bei Frauen fängt dieses Thema bedauerlicherweise viel früher an. Es gibt definitiv mehr Angebote für männliche Schauspieler. Ich würde mir wünschen, dass meine Erfahrung und meine Vitalität, die ich besitze, ausgebeutet werden (lacht)! Also, dass sie in schönen Rollen Niederschlag finden. Ich denke überhaupt noch nicht daran, kürzerzutreten.

teleschau: Die Schauspielrente kommt also noch nicht in Frage?

Reinecke: Nein, gar nicht. Als Schauspieler ist man ja in der glücklichen Lage, dass man bei entsprechenden Angeboten lange spielen darf. Im Fernsehen und im Film ist das alles nicht so streng, das Theater hingegen hat sich sehr verjüngt. Ich denke nicht daran, die Beine hochzulegen.

teleschau: Oma Gisela hat hingegen den Lebensmut verloren. Gab es mal einen ähnlichen Punkt in Ihrem Leben?

Reinecke: In meinem Alter hat das wohl jeder schon erlebt. Man kommt immer mal in eine Krise, in der man nicht mehr weiter weiß und stecken bleibt. Vielleicht braucht man das zuweilen, um weiter zu kommen. Ich würde das nicht nur negativ sehen, solange man damit gut umgehen kann.

teleschau: Ihr aktueller Film ist eher leichte TV-Unterhaltung. In der Erfolgsserie "Weissensee" oder auch im Theater spielen Sie sonst eher anspruchsvolle Rollen. Wie wählt man da aus?

Reinecke: In der Regel ergibt sich das. Ich habe mich über das Angebot zu "Oma ist verknallt" sehr gefreut. Ich hatte große Lust, mal das Genre zu wechseln. Die Rolle hat viele Höhen und Tiefen. Nach einer schweren dramatischen Rolle wie in "Weissensee" wollte ich etwas Leichtes spielen.

teleschau: Reflektieren Sie durch Ihre Rolle der Marlene Kupfer in "Weissensee" auch immer wieder den damaligen Hintergrund in der DDR?

Reinecke: Ich war natürlich weit entfernt von einer Position dieser Funktionärsfrau, die ich in "Weissensee" porträtiere. Dennoch beschäftigt es mich, was dieses Land war. Was man alles nicht wusste, oder nur halb. Wie viele verschiedene Schicksale es gab. Als Schauspielerin bin ich an einer wahrhaftigen Figurenzeichnung interessiert. In ihrer Kantigkeit, ihrer selbstauferlegten Disziplin steckt ein hoher Prozentsatz an politischer Wahrheit bei Marlene Kupfer. Dieser Wahrheit fühle ich mich verpflichtet, da weiche ich nicht aus.

teleschau: Kann das auch schmerzhaft sein, wenn man mit der eigenen Historie konfrontiert wird?

Reinecke: Ja, das erschreckt einen auch. Vor gar nicht allzu langer Zeit besuchte ich die Gedenkstätte eines der schlimmsten Stasi-Untersuchungsgefängnisse in Hohenschönhausen. Man kann so schwer begreifen, dass das von Menschenhand gemacht worden ist, egal ob in der DDR oder einem anderen Unterdrückungssystem. Man muss sich dem stellen. Das waren Menschen, die diesen Apparat entworfen haben. Auch wenn es nicht menschlich war - Menschen haben ihn geschaffen. Und das tut weh.

teleschau: Ihre Mutter ist als Jüdin vor dem Nationalsozialismus geflohen. Sie selbst haben laut eigener Aussage keine religiöse Erziehung genossen. Doch Antisemitismus ist seit kurzem wieder das Thema der Stunde. Inwiefern wurden Sie schon mal damit konfrontiert?

Reinecke: Bisher noch nicht. Es ist aber ein Thema für mich. Unabhängig davon, dass meine Mutter Jüdin war, finde ich, dass jegliche Art von Rassismus in einem gesellschaftlichen Zusammenleben nichts zu suchen hat. Der Auslöser kommt oft von ganz anderen Ängsten und Nöten oder wird instrumentalisiert. Für mich ist das qualvoll, was man täglich in den Zeitungen darüber lesen muss. Dass Menschen mit anderer Hautfarbe oder einer Kippa auf dem Kopf angegriffen werden, ist untragbar. Das finde ich verachtenswert. Wo es möglich ist, setze ich mich auch dafür ein, etwas gegen solche Dinge zu sagen. Die Tendenz in der Gesellschaft muss man breit diskutieren.

teleschau: Steht man mehr in der Verantwortung, etwas zu tun, wenn man prominent ist?

Reinecke: Ich denke, dass jeder erst mal für sich eine Haltung dazu entwickeln muss. Sie haben aber völlig recht. Wir Schauspieler haben einen öffentlichen Beruf und Gelegenheit, öffentlich Stellung zu nehmen. Ich tue es auch. Ich habe kürzlich bei der Vorstellung des neuen Jahrbuches der "Reporter ohne Grenzen" gelesen. Und werde demnächst an einer Lesereise für ein weltoffenes Miteinander in Europa teilnehmen.

teleschau: Als jemand, der im Überwachungsstaat der DDR aufgewachsen ist: Haben Sie das Gefühl, dass wir uns durch unsere Technikabhängigkeit aus freien Stücken in einen Überwachungsstaat hineinmanövrieren?

Reinecke: Es ist ja kein Staat. Es ist ja eher eine Weltformation. Das erschreckt mich schon sehr. Diese Anhäufung von Daten und dieser weltweite Zugriff darauf. Ich würde alles gerne unterstützen, was dem Internet zu einem Regelwerk verhelfen würde. Ich weiß, dass das nur schwer oder möglicherweise überhaupt nicht umsetzbar ist, aber es wäre wünschenswert. Diesen Datenzugriff empfinde ich als Bedrohung von allen möglichen Mächten, die man selbst nicht kontrollieren kann oder überhaupt nicht kennt. Ein wichtiges Thema für jetzt und die Zukunft.

Quelle: teleschau - der mediendienst