Tully

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Mit dem Baby kommt der Blues

Am schönsten ist das Kino immer dann, wenn es sich mit dem Leben der normalen Menschen beschäftigt. Die wahren Superhelden ringen nicht im Universum mit Titanen, sie hoffen, lieben, zweifeln, kämpfen in ganz normalen Mietshäusern, in mit benutztem Geschirr vollgestellten Küchen, in unaufgeräumten Badezimmern. Sie haben normale Jobs, oder keine, sie kaufen im Supermarkt die Cornflakes der Hausmarke, und sie haben Kinder, die quengeln. Manchmal werden sie trotzdem zum dritten Mal Mutter. So wie Marlo (Charlize Theron), die in Jason Reitmans ("Juno", "Up In The Air") neuem Film "Tully" eigentlich nichts zu lachen hat, sich aber mit fatalistischem Humor und einer Nachtnanny unbequemem Lebenswahrheiten stellt.

Es ist der Reiz des Alltags, der die bisherigen gemeinsamen Filme von Regisseur Jason Reitman und Drehbuchautorin Diablo Cody so faszinierend machte. In "Juno" ließen sie Ellen Page als Teenager schwanger werden, in "Young Adult" fluchte und soff sich eine zickige 37-Jährige, gespielt von Charlize Theron, durch eine sehr spätpubertäre Phase. Theron ist wieder dabei, auch diesmal spielt sie mit Marlo eine Frau, die vom Leben überfordert ist. Allerdings bleibt sie dabei diesmal (meistens) nüchtern.

Marlo ist zu Beginn des Films hochschwanger, wuppt aber den Haushalt so gut sie kann. Ihr Mann Drew (Ron Livingston) ist ein fürsorglicher und liebenswerter Partner, wenngleich er nur die grundlegenden Aufgaben eines Vaters übernimmt. Ansonsten ist er vor allem mit seinem Mittelstands-Job beschäftigt. Um alles andere kümmert sich Marlo, vor allem um ihre Tochter Sarah (Lia Frankland) und ihren Sohn Jonah (Asher Miles Fallica), der aufgrund einer neurologischen Störung etwas mehr Aufmerksamkeit braucht als andere Kinder.

Es ist ein Höllenjob, den Marlo mit viel Stolz und noch mehr Liebe erledigt. Auch wenn sie mit Nerven und Kräften am Ende ist: Das Angebot ihres wohlhabenden Bruders (Mark Duplass), eine Nachtnanny zu bezahlen, lehnt sie strikt ab. Zunächst. Irgendwann aber ruft sie Tully (Mackenzie Davis) doch an: Die junge Frau kommt immer, wenn es Nacht wird und kümmert sich um das Neugeborene. Marlo kann ausschlafen und ihre Akkus aufladen - zwischen den beiden Frauen entwickelt sich eine Freundschaft, die Marlo aus ihrem Baby-Blues zurück ins Leben holt.

Mit ruhigem Ton und der Komik der Verzweiflung erzählt Diablo Cody in ihrem Drehbuch vom ganz normalen Windelwahnsinn, vom Leben einer Mutter, deren Brüste vom Stillen gezeichnet sind und deren Mutterglück von Zweifeln begleitet wird. Es ist schmerzhaft ehrlich, was da in schnoddriger Beiläufigkeit auf der Leinwand passiert - von Jason Reitman präzise inszeniert, der nah dran ist und trotzdem respektvoll Distanz wahrt. "Tully" ist eine Ode an alle Mütter, subtil und empathisch wie das Kino nur dann sein kann, wenn es sich die Mühe macht, bei normalen Menschen vorbeizuschauen.

Quelle: teleschau - der mediendienst