Rolf Seelmann-Eggebert

Rolf Seelmann-Eggebert





Von den Slums in die Königshäuser

Kaum jemand weiß noch, dass ARD-Adelsexperte Rolf Seelmann-Eggebert von 1968 bis 1977 zunächst Hörfunk-Korrespondent an der Elfenbeinküste war und danach bis 1977 das ARD-Studio in Nairobi leitete. Für insgesamt 50 afrikanische Staaten südlich der Sahara war der junge Vater dreier Kinder damals zuständig. Beinahe ein halbes Jahrhundert nach dieser prägenden Zeit reiste der Gentleman des deutschen Journalismus an seine alten Wirkungsstätten zurück. Was hat sich verändert? Für seine Reisereportage besuchte Seelmann-Eggebert viele Orte, an denen er bereits in den 70-ern war. Alte Beiträge des jungen Afrika-Reporters, die im neuen Film als Schnipsel auftauchen, schaffen einen melancholischen Kontrast. Im Interview spricht der heute 81-Jährige über das Phänomen Afrika und was es für sein Leben bedeutete. Auch sein späterer Schwenk zu den Adelshäusern Europas wird plötzlich verständlich.

teleschau: Zwischen 1968 und 1977 lebten Sie mit Ihrer jungen Familie in Afrika. Freiwillig?

Rolf Seelmann-Eggebert: Ja, ganz freiwillig. Es hat mich niemand dazu gezwungen hinzugehen. Wissen Sie, es gibt Menschen, die sich auf den ersten Blick in Afrika verlieben - und die diesem Kontinent treu bleiben. Zu dieser Kategorie zählen meine Familie und ich. Und dann gibt es Menschen, die mit Afrika nicht viel anfangen können. Das ist natürlich ein wilder, ein schwarzer Kontinent, aus Perspektive der Deutschen. Afrika ist auch nicht unbedingt etwas für Leute in meinem Alter. Aber damals war das Alter richtig.

teleschau: Was hat Sie zu jener Zeit an dieser Welt fasziniert?

Seelmann-Eggebert: Ich kam 1962 nach Lagos. Die Flugzeugtür öffnete sich, und mir schlug eine unvorstellbare, feuchte Hitze entgegen. Lagos war eine treibende und getriebene Stadt. Es herrschte Wildwuchs, alles war unbeherrschbar. Eine Situation, die man sich als Europäer nicht vorstellen kann. Einfach eine andere Form Leben. Für mich war es absolut faszinierend. Ich sprach mit Schulkindern, die in Slums wohnten. Ihre Lebensfreude, ihre Freundlichkeit war unglaublich. Ich hätte gut verstanden, wenn sie mich als Weißen wütend vertrieben hätten. Aber es kam anders. Afrika hat mich nie enttäuscht. Ich habe dort schlimme Dinge erlebt, aber das Herz der Menschen ist gut und der Puls des Lebens stark.

teleschau: Die afrikanische Lebensfreude ist also mehr als ein Klischee, das die weißen Besucher pflegen?

Seelmann-Eggebert: Zu überleben und auch noch fröhlich zu überleben, diese Einstellung nötigt einem angesichts der Bedingungen, die an vielen Orten Afrikas herrschen, höchsten Respekt ab. Das habe ich auch bei diesem neuen Besuch nach fast 50 Jahren wieder gedacht. Die Mentalität Afrikas ist eine ganz Besonderes.

teleschau: Bleiben wir konkret in Kenias Hauptstadt Nairobi, wo Sie von 1971 bis 1977 als TV-Korrespondent lebten und arbeiteten. Geht es den Leuten dort heute besser oder schlechter als damals?

Seelmann-Eggebert: Kommt darauf an, welchen Aspekt des Lebens Sie betrachten. Heute gibt es dort viel mehr Autos als damals. Das ist Fluch und Segen zugleich. Jeden Mittag bleibt der Verkehr komplett stehen. Alles ist verstopft, es geht nichts mehr. Dann kann man am Nachmittag wieder anfangen zu fahren. Da ist also etwas "gelungen". Aber im Ernst: Das Krisenmanagement funktioniert in Afrika heute besser als früher. Eine Hungersnot zum Beispiel in Somalia ist vorhersehbar geworden, man kann frühzeitig etwas dagegen tun.

teleschau: Ist die Abhängigkeit von den Industriestaaten größer oder kleiner geworden?

Seelmann-Eggebert: Ich würde sagen, selbst wenn sich in Ländern wie Kenia die Bildung verbessert und die Wirtschaft entwickelt hat - insgesamt ist die Abhängigkeit eher größer geworden. Afrika wird uns als Europäer in Zukunft noch sehr beschäftigen. Momentan leben in Kenia 49 Millionen Menschen. Schon 2050 werden es 90 Millionen sein. Also beinahe eine Verdopplung der Bevölkerung. Wenn man nicht will, dass die Menschen aufbrechen und zu uns nach Europa kommen, muss man Bedingungen schaffen, dass die Leute in ihrer Heimat bleiben. Einfach, weil sie dort leben können - was sie im Übrigen ja auch wollen.

teleschau: Wer in Deutschland Nachrichten schaut, gewinnt den Eindruck: In Afrika ist alles ganz schlimm. Wie ist es denn wirklich?

Seelmann-Eggebert: Es ist eben nicht alles ganz schlimm. Der Kontinent und seine Menschen sind toll. Aber Sie haben schon recht, die Erwartungen, die wir damals in den 60-ern hatten, sie sind enttäuscht worden. Als damals viele afrikanischen Staaten in die Unabhängigkeit entlassen wurden, dachten die meisten - auch ich: Jetzt werden diese Länder wachsen und gedeihen. Es herrschte großer Optimismus. Das Einzige, was damals noch bedrohlich wirkte, war die Apartheidpolitik in Südafrika und die portugiesische Politik in deren drei Territorien.

teleschau: Und dann kamen Kriege zwischen verfeindeten Volksgruppen, es kamen Diktatoren - Afrika wurde zum Spielball böser Kräfte?

Seelmann-Eggebert: Als ich nach Afrika kam, war der Biafra-Krieg ein Jahr alt. Es war der Versuch, einer großen Gruppe in Nigeria, einer Völkerschar, sich selbstständig zu machen. Weil sie sich nicht im Staat repräsentiert sah. Dieses Problem gibt es nach wie vor, und es sorgt immer wieder für Kriege und Konflikte in Afrika. Und dann finden wir noch Situationen wie in Somalia, wo man sagen muss: Noch schlimmer, als eine schlechte Regierung zu haben, ist gar keine Regierung! Das Land wird von Banden beherrscht. Politisch ist der Kontinent heute sicher unruhiger als damals.

teleschau: Dagegen ist Kenia, wo Sie lebten, fast schon ein Vorzeige-Staat. Was ist dort besser gelaufen als anderswo?

Seelmann-Eggebert: Die wirtschaftlichen Bedingungen waren besser. Das Land ist nicht so stark bevölkert wie zum Beispiel Nigeria. Und es hatte früh Einnahmen aus dem Tourismus. Die Strände und natürlich diese atemberaubende Tierwelt. Das spielt nach wie vor eine große Rolle. In Nairobi lebt es sich verhältnismäßig europäisch, britisch. In Abidjan an der Elfenbeinküste, wo ich auch gelebt habe, hatte man damals eine Versorgungslage fast wie in Paris. Das ist natürlich toll. Es gibt aber auch Länder, die haben das alles nicht. Dazu zählen fast alle Staaten am Sahel, also dem Saum zwischen Wüste und Steppe: Länder wie Niger, Mali oder Senegal. Dort zählt vor allem das Überleben.

teleschau: Welches Wiedersehen in Kenia hat sie - abseits der Menschen - besonders gefreut?

Seelmann-Eggebert: Die Natur ist atemberaubend. Es gibt dort immer noch diese wunderbaren Wildparks, auch wenn sie heute bedrohter als damals sind. In Kenia wird nun eine Eisenbahn mitten durch einen großen Park bei Nairobi gebaut. Die Tiere müssen über Brücken laufen, um die Trasse zu überqueren. Auch daran sieht man, dass selbst die Weiten Afrikas enger werden.

teleschau: Für wie viele Länder waren Sie damals als Afrika-Korrespondent zuständig?

Seelmann-Eggebert: In Abidjan war ich Hörfunk-Berichterstatter. Ab und zu habe ich Fernsehen gespielt, weil ich eine eigene Kamera mitgenommen habe. Damals war ich für 14 Staaten in West- und Zentralafrika verantwortlich. Als ich nach Nairobi wechselte, lautete der Auftrag: Bauen Sie das ARD-Studio Afrika auf. Ich berichtete aus 50 Staaten südlich der Sahara. Von den 50 habe ich ungefähr 30 besucht.

teleschau: Nach Ihrer Zeit in Afrika gingen Sie als Korrespondent nach London - und wurden Adelsexperte. Wie passt das zu einem so politisch denkenden Menschen wie Ihnen?

Seelmann-Eggebert: Ich war nie Adelsexperte, ich kannte mich aus mit den Königshäusern. Dazu kam ich, weil Prinz Charles und Diana im Sommer 1981 heirateten. Als London-Korrespondent der ARD wollten natürlich alle Redaktionen etwas von mir dazu haben. Ohne Charles und Diana hätte es den Königsfritzen Seelmann nie gegeben.

teleschau: Aber Sie hätten das Ganze auch kurz versorgen und wieder ad acta legen können ...

Seelmann-Eggebert: Ja, aber das wollte ich nicht. Es war eine Frage des journalistischen Ehrgeizes, da mehr rauszuholen. Als ich von London nach Hamburg weiterzog, weil ich Programmdirektor des NDR wurde, hatten wir die Idee, einen vierteiligen Film über die britischen Royals zu drehen, in dem wir sie ein Jahr lang begleiten wollten. Mich interessierte, wie das Zusammenspiel dieser symbolischen Leitfamilie und ihrer Untertanen funktionierte. Man hat uns den Film erlaubt - eigentlich erst mal ohne Zusage von direkten Interviews - und er wurde ein großer Erfolg. Später bekamen wir Prinz Charles, Prinzessin Anne und Prinz Philip dann doch noch für ein Gespräch. Wir exportierten "Royalty" in die ganze Welt. Selbst der britische Channel 4 kaufte bei uns ein - und ich sollte den Film auch mit meinem deutschen Akzent kommentierten (lacht).

teleschau: Aber was finden Sie selbst - psychologisch - an den Royals interessant?

Seelmann-Eggebert: Mich interessiert, warum mittelalterliche Institutionen wie Königshäuser heutzutage überleben. Und warum sie dort, wo sie heute noch existieren, so unumstritten sind. Es gab mal eine Situation, da konnte man sich in Großbritannien nicht sicher sein, wie sich die Dinge entwickeln. Das war der Tod von Diana, da war die Stimmung sehr anti-royal. Heute stehen in den europäischen Monarchien junge Leute als Thronfolger bereit - oder sie sind schon im Amt - die so gut auf ihre Aufgabe vorbereitet sind, wie nie jemand zuvor.

teleschau: Was geben die neuen Könige und Königinnen den Menschen? Und warum sind sie gerade heute wieder so populär?

Seelmann-Eggebert: Die Bevölkerung findet es schön, eine Symbolfigur zu haben, auf die man sich einigen kann. Dieser Wunsch ist auch unseren Bundespräsidenten gut bekommen, wenn sie fähig waren. Die heutigen Royals sind demütig. Sie wissen, dass es nur eines Federstrichs der Verfassung bedarf, um sie abzuservieren. Sie stehen also unter Erfolgsdruck. Es sind tüchtige Leute, die ihrem Land dienen. Momentan funktioniert das überall in Europa ziemlich gut. Die Menschen profitieren davon. Trotzdem ist die Erblichkeit des Amtes natürlich ein Problem. Im Moment, da einer versagt, ist alles gefährdet.

teleschau: Kennen Sie eigentlich die Netflix-Serie "The Crown", die die lange Regentschaft von Queen Elisabeth II. quasi aus der Innenperspektive erzählt?

Seelmann-Eggebert: Ja, die kenne ich - und sie ist großartig. Es gibt darin Situationen und Szenen, wo ich mich frage: Kennst du das, weil du dabei gewesen bist, weil dir Insider davon berichteten oder weil du es in "The Crown" gesehen hast. Wer die Royals kennt, muss sagen: Die Serie oder der Film "The Queen", der ja aus der Feder von Peter Morgan stammt, sind als fiktionaler Stoff so dicht dran an der Realität, dass es geradezu unglaublich ist.

Quelle: teleschau - der mediendienst