Eine schreckliche nette Familie

Eine schreckliche nette Familie





Wes Anderson machte "Isle of Dogs - Ataris Reise" (Kinostart: 10. Mai) zu einer echten Familienangelegenheit

Nein, man kann sich wirklich nicht vorstellen, wie es bei Wes Anderson im Kopf aussieht. Und wie dort Filme entstehen, die bis ins letzte Detail so liebevoll ausgestaltet und erzählt sind, wie "Isle Of Dogs - Ataris Reise" (Kinostart: 10. Mai). Denn am Anfang, das gibt der Filmemacher aus Texas offen zu, war da nicht viel: "In meinem Kopf waren zwei Wörter: Hunde und Müll." Das reichte ihm aber, also rief Wes Anderson seine Freunde Roman Coppola und Jason Schwartzman an: "Hey, lasst uns doch einen Film über Hunde auf der Müllkippe machen." - "Was ist ihre Geschichte?", fragten Coppola und Schwartzman erstmal vorsichtig." - "Das finden wir schon raus."

Das haben sie getan. Jedenfalls sitzen sie entspannt da in der Berliner Akademie der Künste, zusammen mit dem Japaner Kunichi Nomura, der bei der Entstehung von Andersons zweitem Puppentrickfilm "Isle of Dogs" ebenfalls eine wichtige Rolle spielt. Sie erzählen, wie es nach dem Anruf weiterging.

Stück für Stück entsteht ein Bild, wie der Schreibprozess abläuft und warum aus zwei Wörtern 100 fantastische Kinominuten wurden über eine Handvoll Hunde, die aus einer futuristischen Megacity in Japan auf eine Müllinsel verbannt werden. Man erfährt, wie sie auf dem Boden hockten und wie Coppola und Schwartzman ineinander verschlungen waren. Cousins halt. "Ich saß auch irgendwo rum", fügt Anderson noch hinzu.

Irgendwann gesellten sich in dieser kuscheligen Atmosphäre zu den Hunden und dem Müll noch die Filme Akira Kurosawas und die Idee, "einen Science-Fiction-Film zu machen, der aussieht als wäre er in den 1960er-Jahren gedreht worden." Am besten geht das natürlich als Puppentrickfilm in Stop-Motion-Technik: Alles in "Isle of Dogs" ist Handarbeit. "Und weil wir alle Japan-Fans sind", erzählt Anderson, "musste der Film natürlich in Japan spielen."

Damit aus dieser Idee keine kitschige Folklore wurde, rief Anderson immer wieder bei Kunichi Nomura an: einem Autor und Designer, den er irgendwann mal kennengelernt hatte. "Für mich war die Recherche ziemlich schwierig. Man kann ja nichts googeln ohne die richtige Tastatur", erinnert sich Anderson. Dafür konnte er aber zu den unmöglichsten Zeiten telefonieren, die Uhren gehen nun mal anders in Japan. "Es war ein Albtraum", sagt Nomura.

Trotzdem unterstützte er gerne und lieh dem fiesen Bürgermeister die Stimme, sorgte für einen korrekten Umgang mit der japanischen Sprache, half bei Ausstattungsfragen. Denn wer mit Wes Anderson arbeitet, der gehört zur Familie. Für immer. Owen Wilson war bei fast allen Filmen dabei (bei "Isle of Dogs" allerdings gerade nicht), Bill Murray auch. Meistens kommt irgendwo noch Tilda Swinton um die Ecke.

Man ist eben Familie, und man fühlt sich wohl miteinander. Darüber freuen sich alle, die zur Premiere des Films bei der Berlinale kamen. Bill Murray natürlich und Tilda Swinton, aber auch Jeff Goldblum, Greta Gerwig, Bryan Cranston, Liev Schreiber, Bob Balaban und noch ein paar andere.

Obwohl so eine Weltpremiere, zumal auf einem großen Festival, ziemlich anstrengend ist, sind sie gerne gekommen. Roter Teppich in der Kälte, Händeschütteln, tausendmal ähnliche Fragen beantworten - all das wiegt nicht so schwer, wie die Freude, sich wiederzusehen. Da können dann auch 50 Journalisten an fünf Tischen im Ballsaal des Nobelhotels Adlon zum Interviewmarathon bitten.

Sie bleiben - je nach Temperament - heiter bis freudig-aufgedreht. Bill Murray genießt es, jedem einzelnen die Hand zu schütteln, Liev Schreiber plaudert gelassen über das Verhältnis zu seiner Ex-Frau Naomi Watts und wie sie gemeinsam ihre Kinder großziehen.

Jeff Goldblum, der sehr gut aussieht und sich mit extrovertierter Eleganz zu kleiden versteht, der außerdem am liebsten gar nicht aufhören will zu reden und Komplimente zu verteilen ("Wissen Sie eigentlich, dass Sie sehr gut aussehen. Wie der junge Edward Norton."), dass man rot werden muss, dieser Jeff Goldblum erzählt herzige Anekdoten aus dem Familienleben.

Etwa, wie sich Wes Anderson in einer fremden Stadt in einem fremden Restaurant mit all den Menschen umgibt, die ihm wichtig sind, und ganz aufgeregt ist, weil der Jüngste in der Runde Geburtstag hat und doch alles perfekt sein soll. "Da rennt er dann wild durch die Gegend: Jemand muss singen, ein anderer soll eine witzige Rede halten, eine Torte muss auch her und ganz viele Wunderkerzen. Und wenn er alles arrangiert hat, dann steht er da an der Seite und freut sich wie ein kleiner Junge."

Wenn man Wes Anderson und seine Filme verstehen will, dann helfen solche Anekdoten. Sie füllen einen Mann mit Leben, der allenthalben als "der spleenige Texaner" bezeichnet wird. Das klingt zwar schön griffig, ist aber ziemlich ungerecht. Anderson ist vor allem jemand, der seine Mitmenschen liebt. Einer, für den Filmemachen kein Geschäft ist und viel mehr als die Kunst, die er von ganzem Herzen liebt. Filme sind sein Leben. Das spürt man immer wieder.

In den Bildern herrscht jedenfalls immer Ordnung, sogar an einem chaotischen Ort wie der Müllkippe, auf der sich die verbannten Hunde wiederfinden. Anderson ist ja bekannt dafür, penibel zu sein, was die Bildgestaltung angeht. Er überlässt nichts dem Zufall, Sichtachsen sind in seinen Filmen dazu da, um sich daran auszurichten. Punkt. Diese Ordnungsmanie, das zeigt "Isle of Dogs" einmal mehr, ist nicht nur sehr reizvoll anzusehen. Sie ist generell faszinierend. Charakterquerkopf Anderson scheint sie zu brauchen, um seiner Fantasie Herr zu werden, seinen chaotischen Ideen eine verständliche Form zu geben. Und das ist gut so, weil man ihm dadurch auch dann folgen kann, wenn man nicht in seinem Kopf wohnt.

Quelle: teleschau - der mediendienst