Uwe Kockisch

Uwe Kockisch





Deutschland - kompliziert!

Die neue Staffel der Deutschland-Saga "Weissensee" (ab Dienstag, 8. Mai., 20.15 Uhr, ARD) beleuchtet das Wiedervereinigungsjahr 1990. Dabei mutet die ARD-Serie ihrem Publikum durchaus komplexe, wenig erbauliche Seiten der Post-Wendegesellschaft zu. Uwe Kockisch ("Donna Leon") ist alt genug, um sich an die DDR und ihren Untergang zu erinnern. Auch das, was aus ihr geworden ist, weiß er zu beurteilen. Als früherer Stasi-Offizier Hans Kupfer trachtet Kockisch in "Weissensee"-Staffel vier nach einer Aufarbeitung der DDR-Schuld. Im wahren Leben war für ihn der Übergang vom kritischen DDR-Star zum "gesamtdeutschen" Erfolgs-Schauspieler sehr viel einfacher. Was nicht heißen soll, dass der wache 74-Jährige die Probleme Deutschlands nicht offen benennen würde.

teleschau: Wie haben Sie das Jahr 1990 erlebt?

Uwe Kockisch: Ich erinnere mich an einen großen Rausch. Deutschland war irgendwie auf Droge. Das war auch schön. Dass die Wirkung einer Droge mit der Zeit nachlässt, liegt in der Natur der Sache.

teleschau: Die neue "Weissensee"-Staffel erzählt nicht mehr von der Euphorie des Mauerfalls, sondern von den Problemen mit der frischen deutschen Einheit ...

Kockisch: Richtig. Wir erzählen von der Umwandlung der Gesellschaft eines ganzen Landes - bei der nicht alles gut lief.

teleschau: Hätte man es besser machen können?

Kockisch: Man hätte es anders machen können. Wer aber kann sagen, dass es dann besser gekommen wäre? Es ist schwer, von heute auf morgen ein neues Gesellschaftsmodell zu basteln und dabei jedem gerecht zu werden. Ich glaube, bei einem solchen Projekt gibt es immer Verlierer. Auch welche, die wirklich nichts dafür können. Da waren junge Leute, die gerade ihren Berufsabschluss gemacht hatten, und kurz darauf gab es den Beruf gar nicht mehr.

teleschau: Können Sie verstehen, wenn Menschen bis heute auf die Geschehnisse von 1990 sauer sind?

Kockisch: Natürlich, ich kann es verstehen. Und ich sage ja auch: "Guckt hin! Was ist passiert? Aber legt euch nicht in einer Sichtweise fest." Ich kann mir selbst und anderen nur helfen, wenn ich offen bleibe. Und man muss verzeihen können. Wenn wir nicht anfangen zu verzeihen, haben wir keine Chance.

teleschau: "Weissensee"-Macher Friedemann Fromm glaubt, viele heutige Phänomene wie Pegida oder der hohe Anteil an AfD-Wählern im Osten hätte mit Traumata aus dem Jahr 1990 zu tun. Glauben Sie das auch?

Kockisch: Ja. Weil die Erinnerung an ein Trauma heftige Gefühle auslöst. Die Beschädigungen von damals sind noch da. Und wenn sich da irgendwas wiederholt, kommt sofort die Wut.

teleschau: Hatten Sie einfach nur Glück, dass Sie kein Wendeverlierer waren?

Kockisch: Jeder hat seine eigene Geschichte. Ich war vor der Wende Schauspieler in der DDR. Ich spielte an den Theatern Berlins, am Gorki-Theater und der Volksbühne. Mit dem Film "Dein unbekannter Bruder" von 1982 waren wir nach Cannes eingeladen. Ich hatte auch Glück.

teleschau: Aber wir sprachen über die Wende ...

Kockisch: Genau, darauf wollte ich hinaus. Ich konnte sofort auch im Westen arbeiten. Vorher kamen Theaterstars aus Westberlin wie Otto Sander zu uns. Nun ging es auch umgekehrt. Ich empfand das als sehr spannende Zeit. Das Schlimme an der DDR war für mich nicht, dass man nicht grenzenlos reisen konnte, sondern dass die Meinungsfreiheit eingeschränkt war. Reisen ist schön, aber meine Meinung muss ich sagen können.

teleschau: Welche Eigenschaften braucht der Mensch, um aus einem Wechsel des Gesellschaftssystems - wie er 1989 und 1990 in Deutschland passierte - gesund hervorzugehen?

Kockisch: Glück und Offenheit. Ich denke dialektisch und bin auf diese Weise gut und mit mir im Reinen durchs Leben gekommen. Sehen Sie, ein Teil meiner Familie wurde durch den Bau der Mauer getrennt. Sollte ich es bereuen, dass wir uns nun wiedersehen konnten? Dazu habe ich gleich nach dem Mauerfall ein Angebot von der Westberliner Schaubühne bekommen. Ich war sozusagen "übernommen".

teleschau: Aber Sie können auch jene verstehen, deren Wunden bis heute nicht geheilt sind?

Kockisch: Natürlich. Es ist eine Prägung, die man mitbekommt, eine Verletztheit. Vielleicht schaue ich auch deswegen zu denen, die keine starke Stimme haben. Das ist auch mein Credo als Schauspieler. Ich verteidige immer meine Figuren - auch meinen Kupfer in "Weissensee". Als ich die Rolle des Stasi-Offiziers bekam, haben viele zu mir gesagt: "Super, jetzt kannst du dich doch nachträglich an denen rächen." Aber das habe ich nicht gemacht. Kupfer ist einer, der wollte es noch hinkriegen mit den Idealen der DDR. Als mit dem Mauerfall das Ideal gänzlich verloren geht, will er nun alles aufarbeiten. Ich kenne Leute aus der DDR, die eine marxistische Sicht hatten, die genau so reagierten. Und die bis heute ein neues Ideal suchen. Ein hochintelligenter Mann, den ich kenne, ist beispielsweise religiös geworden und besucht jeden Tag die katholische Kirche.

teleschau: Bei aller Euphorie über den Mauerfall - haben Sie auch etwas vermisst, als es die DDR nicht mehr gab?

Kockisch: Ja, die Wertlosigkeit des Geldes. Und plötzlich war der politische Witz weg! Es stimmt jedoch nicht, dass in der DDR alle politisch interessiert waren. Es war auch nicht so, dass alle unter dem System gelitten haben. Im Nachhinein waren ja fast alle in der Opposition zu diesem Staat. Ich war immer sehr vorsichtig, wenn ich Leute kennenlernte, die aus der alten DDR noch ein Grundstück am Wasser überbehalten haben. So wie die Familie Kupfer beispielsweise (lacht).

Quelle: teleschau - der mediendienst