Reinhold Messner

Reinhold Messner





"Eine Geschichte des Leidens"

Es ist eines der großen Abenteuer in der Geschichte des Bergsteigens: Am 8. Mai 1978 erreichten Reinhold Messner und Peter Habeler als erste Menschen den 8.848 Meter hohen Gipfel des Mount Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff. Sie überschritten eine kaum für möglich gehaltene Grenze und leiteten eine neue Ära des Alpinismus ein. Diese "Geschichte des Leidens", wie der 73-jährige Messner die Expedition noch heute nennt, erzählt er nun als Regisseur in einer aufwendigen Dokumentation nach. Aufbauend auf den preisgekrönten Streifen des legendären Abenteuerfilm-Regisseurs Leo Dickinson zeigt Messners Werk nachgedrehte Szenen vom dramatischen letzten Wegstück auf das Dach der Welt. In den Hauptrollen und mit Originalausrüstung sind Messners Sohn Simon und dessen Freund Philipp Brugger zu sehen. "Mount Everest - Der letzte Schritt" wird am Jahrestag, am Dienstag, 8. Mai, 20.15 Uhr, in der "Bergwelten"-Reihe von ServusTV ausgestrahlt. "Jeder Zuschauer wird spüren, wie akut lebensbedrohlich die Situation für uns war", versichert Messner im Interview.

teleschau: Herr Messner, nach all den Biografien und Reportagebüchern ist nun ein Buch mit Aquarell- und Comiczeichnungen über Sie erschienen: Der Italiener Michele Petrucci hat die Grafik Novelle "Reinhold Messner - Das Leben eines Extrembergsteigers" in einer Reihe über "Ikonen des 20. Jahrhunderts" veröffentlicht. Fühlen Sie sich wohl als Ikone - neben historischen Figuren wie Richard Wagner und Sophie Scholl?

Reinhold Messner: Nein, Derartiges kam mir nicht in den Sinn, als ich mich für das Projekt dieses jungen Künstlers zur Verfügung gestellt habe. Ich verstehe mich nicht als großer Entdecker oder Pionier, der Bahnbrechendes für die Welt geleistet hat, sondern als Abenteurer und Bergsteiger. Davon erzählt dieses Büchlein: von der Geschichte des Bergsteigers Messner und vom wirklichen Abenteuer des Bergsteigens - nicht vom Abenteuer, das in den Reisebüros verkauft wird.

teleschau: Ist das Besteigen des Mount Everest noch ein Abenteuer?

Messner: Das werde ich oft gefragt. Ich sage: Nein, es ist kein Abenteuer, es ist Tourismus. Es ist eine Tatsache, dass das Ganze mehr und mehr kommerzialisiert wurde: Für die Bergsteiger haben Sherpakolonnen am Mount Everest eine Infrastruktur mit Pisten, Steigen, Treppen, Leitern und Haken errichtet. Man kommt mit dem Hubschrauber, hat Ärzte dabei, kann einen Koch buchen, wenn man will, und wird für eine bestimmte Summe Geld zum Gipfel geführt. Ich habe nichts dagegen, aber ich wünsche mir, dass das, was ursprünglich Abenteuer war, auch weiterhin als solches verstanden wird: dass unterschieden wird zwischen Abenteuer und Abenteuer-Tourismus. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

teleschau: Aber Sie haben Verständnis für die vielen Menschen, die das Abenteuer dort oben suchen?

Messner: Ja, und auch wenn sie kein Abenteuer finden, gibt es auf dem Berg zweifellos Gefahren und allemal eine gute Geschichte, die sich später mit dem Glas in der Hand erzählen lässt. Als ich vor einem halben Jahrhundert vom Klettern zum Extrembergsteigen umgestiegen bin, war es anders, da lagen die Herausforderungen auf der Straße. Überall wartete das Abenteuer. Ich hatte das Glück, alle 14 Achttausender (als erster Mensch sogar ohne Sauerstoffflasche, d. Red.) besteigen zu dürfen. Dabei ging es mir immer um das rein persönliche Abenteuer, nie um Geschichten für andere.

teleschau: Sie sagten einmal, dass Sie im Leben der ständige Wunsch nach Wiedergeburt antreibt. Heißt das nicht, dass Sie auch eine Sehnsucht nach dem Tod haben?

Messner: Nein, ich kenne keine Todessehnsucht. Mein Begriff der Wiedergeburt hat mit den fernöstlichen Glaubensrichtungen zu tun, die ich kennenlernen durfte. Ich erkläre es so: Am Achttausender steige ich gegen meinen Selbsterhaltungstrieb - das ist unser stärkster Trieb, er verhindert, dass wir eine bestimmte Höhe, eine Grenze überschreiten. Er will nicht, dass wir uns in arktische Bedingungen mit Minus 40 Grad und zu wenig Sauerstoff begeben. Er warnt und macht uns Angst. Wir Extrembergsteiger überwinden diese Ängste, gehen trotzdem hinauf in die menschenfeindliche Welt. Wenn ich von dort zurückkomme, erlebe ich das so, als wäre ich wiedergeboren. Höhepunkt ist nicht der Gipfel, sondern das Glücksgefühl bei der Rückkehr: Man ist am Leben, obwohl alles auf der Kippe stand. Diese Wiedergeburt, die ich meine, motiviert, auch im normalen Leben noch ein Stückchen weiterzugehen, Neues anzupacken. Vielleicht hilft manchem diese Erklärung dabei, mein natürlich vollkommen unlogisch erscheinendes Treiben plausibler zu machen.

teleschau: Gab es denn nie ein weiteres konkretes Ziel bei all den Abenteuern Ihres Lebens?

Messner: Nur eines: zu überleben! Was zählte, war immer, tunlichst nicht zu sterben, obwohl man genau weiß, dass man da, wo man jetzt ist, sterben kann. Wenn ich dabei nicht mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit umkommen könnte, also so es wie die Touristen heute erleben, ist das Bergsteigen am Achttausender nun mal eine völlig andere Sache.

teleschau: Aber es lassen immer noch viele Menschen ihr Leben im Himalaya ...

Messner: Richtig. Ich sage absolut nicht, dass das ungefährlich ist, im Gegenteil. Es ist völlig verrückt. Kein Mensch würde über 6.500 Meter hinausgehen, das schafft man nicht, das verhindert unser Selbsterhaltungstrieb. Dass es die Touristen doch tun, liegt an den Brücken, die man ihnen gebaut hat, um in Regionen zu gelangen, in die wir Menschen einfach nicht gehören. Ich weiß, was Sie nun einwenden werden: Ja, auch ich bin in diese Regionen gegangen - aber ohne diese Brücken. Das ist der Unterschied. Ich ging vom ersten Schritt ab dem Basislager ins Unbekannte, ins Geheimnis, ins Abenteuer.

teleschau: Warum mussten Sie die Grenzerfahrung noch zuspitzen, indem Sie - beispielsweise vor 40 Jahren als Erster am Everest - auf Flaschensauerstoffzufuhr verzichten?

Messner: Weil wir Menschen uns steigern können. Und weil seit 250 Jahren jede junge Bergsteigergeneration versucht hat, das, was die Vorgängergeneration als unmöglich definiert hat, möglich zu machen. Der Everest ohne Maske - das war damals eben ein Knackpunkt. Außerdem: Peter Habeler und ich, wir wollten unbedingt zu zweit hoch, ohne Helfer. Das wäre mit den schweren Sauerstoffflaschen nicht gegangen. Wir haben es versucht - vielleicht gerade deshalb, weil damals alle Nein sagten. Keiner hatte geglaubt, dass es uns gelingen würde.

teleschau: Nun erzählen Sie die Ereignisse in dem Dokumentarfilm "Mount Everest - Der letzte Schritt" nach. Warum?

Messner: Ich zeige, wie viel Leidenschaft eben doch mit Leiden zu tun hat. Der Film ist eine Geschichte des Leidens. Das war meine Intention als Regisseur. Ich habe zu den Originalbildern, die unser Kameramann Leo Dickinson machte, der uns damals bis zum letzten Anstieg begleitet hatte, bevor er auf 8.000 Metern erschöpft zusammenbrach, neue szenische Sequenzen gedreht. In den Reenactments spielen mein Sohn Simon und sein Freund Philipp Brugger mich und Peter Habeler - sie tragen unsere Originalausrüstung. Es ist alles sehr authentisch und wirkt ein bisschen so, als würde der liebe Gott von hoch oben uns bei unserem Abenteuer zusehen.

teleschau: Es gibt auch Originalbilder von Ihnen auf dem Gipfel ...

Messner: Ja, die hatte ich mit einer kleinen Notkamera gedreht, die ich damals dabei hatte. Zu den bekannten Bildern von 1978 gibt es nun in dem 80-minütigen Film erstmals die ganze Geschichte vom Auf- und Abstieg auf den letzten 800 Metern. Jeder Zuschauer wird spüren, wie akut lebensbedrohlich die Situation für uns war.

teleschau: Gibt es eine Botschaft?

Messner: Nun, ich bin kein Künstler und kein perfekter Filmemacher, sondern ein Bergsteiger. Mir geht es um den Alpinismus, der ja auch das ist, wovon wir erzählen: Ohne die Historie mit all unseren Geschichten von Erstbesteigungen und Abenteuern, gäbe es keinen Alpinismus. Und genau das gilt auch für alles andere - auch für unsere Länder und Gesellschaften.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Messner: Ohne ein kollektives Bewusstsein für die Geschichte, inklusive all der negativen Epochen, etwa den Holocaust und das Naziregime in Deutschland, kann es kein vernünftiges Miteinander geben und auch keinen Fortschritt. Ich finde es unerlässlich, dass die Politiker immer wieder an die Vergangenheit erinnern und dieses Bewusstsein für die Geschichte in die Zukunft hineinprojizieren. Emmanuel Macron hat das vor der Wahl in Frankreich getan - er erinnerte ohne viel Pathos immer wieder an die Geschichte der Grande Nation und hatte für mein Befinden genau deswegen Erfolg. Ein Donald Trump sagt zwar auch, dass er Amerika wieder groß machen will, aber ich habe ihn nie wirklich über die Vergangenheit reden hören: über die Landnahme, über die Sklaverei. Ich halte diese Form der Geschichtsvergessenheit für falsch.

teleschau: Sie sind mit Angela Merkel befreundet ...

Messner: Ja, schon sehr lange. Natürlich reden wir auch mal über Politik, aber vor allem habe ich sie abseits ihrer politischen Tätigkeit beim Bergwandern kennenlernen dürfen: eine ungemein sympathische, uneitle und witzige Frau, die sehr, sehr zäh ist.

teleschau: Und die es nicht leicht hat ...

Messner: Ja, was Angela Merkel in den vergangenen Jahren an Gegenwind bekommen hat, was sie alles einstecken musste - das war wohl nur schwer zu ertragen. Unabhängig von inhaltlichen Fragen der Politik, kann ich die vielen persönlichen Anfeindungen gegen sie nicht nachvollziehen. Denn sie hat sich selbst ja nie in den Vordergrund geschoben, sondern immer nur versucht, das Land durch- und weiterzubringen. Aber ich bin sicher, das wird man ihr früher oder später auch noch danken.

teleschau: Blicken Sie ganz allgemein pessimistisch in die Zukunft?

Messner: Nein, ich bin generell ein Optimist und Positivist. Wir haben zumindest in der sogenannten westlichen Welt einen ungeahnten Wohlstand erreicht. Uns geht es objektiv besser denn je, wir wissen alles besser, werden älter denn je. Und ich glaube an die Jugend. Die jungen Leute sind heute besser ausgebildet, und ich empfinde sie als wesentlich empathischer, als es meine Generation gewesen ist. Nur stelle ich mit großer Sorge fest, dass alle, wirklich alle, immer mit einem Auge am Smartphone kleben. Das führt nicht nur zu einem erheblichen Verlust an Konzentration, sondern auch ein Stück weit an Identität. Die Menschen verlieren den Fokus, und das führt zu nichts Gutem: Wir erleben bereits, dass wir in eine Oberflächlichkeit hineingeraten, die in der Konsequenz sogar unsere Demokratie bedrohen könnte. Viele sind schon nicht mehr in der Lage, zwischen Fake-News und Nachricht, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. Das macht anfällig für Manipulation.

teleschau: Also warnen Sie?

Messner: Ja. Denn wenn wir nicht mehr auf den gesunden Menschenverstand und das verantwortungsbewusste Votum der Bürger vertrauen können, können wir unsere Demokratie abschaffen und gleich wieder Könige oder einen Alleinherrscher installieren. Aber ich will kein Schwarzmaler sein. Ich bin nur ein Beobachter, der antwortet, wenn er gefragt wird. Ein politisches Mandat habe ich nicht mehr.

teleschau: Haben Sie das Gefühl, mit Ihrem Einsatz als Abenteurer, Bergsteiger, als Südtiroler Politiker und Museumsbetreiber die Welt ein Stück weit verändert zu haben?

Messner: Nein. Das zu behaupten, würde mir zu weit gehen. Ich hinterlasse mit meinen Büchern, Filmen und Museen eine bestimmte Lebenshaltung der Natur gegenüber. Ich möchte aber erinnert werden als der, der ich bin: ein Mensch, der immer wieder auf Null stellen kann, der immer wieder anfängt und von unten losläuft. Für mich war allein dieser Charakterzug der Schlüssel zu den Erfolgen am Berg und zu allem anderen. Da war nie der Ansatz, etwas auf der Welt verändern zu wollen. Wenn ich durch mein Wirken andere inspiriert oder ermutigt haben sollte, immer wieder umzusteigen und sich neu zu erfinden, würde mich das freuen.

Quelle: teleschau - der mediendienst