Nadja Uhl

Nadja Uhl





Die Nachkriegszeit als Horrorfilm

Im Filmdrama "Ich werde nicht schweigen" (Montag, 7. Mai, 20.15 Uhr, ZDF) spielt Nadja Uhl (45) die Großmutter von Drehbuchautorin und Regisseurin Esther Gronenborn. Der Kriegerwitwe wurden wenige Jahre nach Ende des Nazi-Regimes im niedersächsischen Oldenburg die Kinder weggenommen, sie selbst steckte man in eine Psychiatrie. Dort wurde im "Dritten Reich" organisierte Euthanasie betrieben. Das Erschreckende an dem Film ist die Erkenntnis, dass Zustände, Geisteshaltungen und Seilschaften der Nazizeit auch Jahre später so präsent sind, als wäre das alte System immer noch in Amt und Würden. Schauspielerin Nadja Uhl über die Zeitlosigkeit des Bösen und ihre Unlust, Frauen als Opfer zu stilisieren.

teleschau: Ihre Figur ist der Großmutter von Drehbuchautorin und Regisseurin Esther Gronenborn nachempfunden. Sie war in der Tat ein Opfer der Psychiatrie in Wehnen. Wie authentisch ist die Geschichte?

Nadja Uhl: Sie ist in etwa so geschehen. Wobei niemand das Innenleben einer Psychiatrie in der Nachkriegszeit exakt zeichnen kann, der nicht dabei war. Man muss aber auch sagen, dass die Klinik ihre Vergangenheit vorbildlich transparent aufgearbeitet hat. Es wäre deshalb nicht fair, bei der Schuld der Klinik zu verharren.

teleschau: Der Titel des Films klingt sehr kämpferisch. Beim Betrachten stellt sich jedoch vor allem ein beklemmendes Gefühl ein ...

Uhl: Natürlich, war es auch eine beklemmende Zeit. Trotzdem glaube ich, dass man diese Zustände nicht aufs "Dritte Reich" oder dessen Ausläufer begrenzen kann. Solche Verbrechen existieren, seit es Menschen gibt. Man würde sich ausruhen, würde man solche Stoffe historisch wegsperren. In uns allen schläft die Möglichkeit, sehr dunkle Dinge zu tun. Euthanasie ist ein dämonisches Thema, das man mit der Nazizeit verbindet. Man muss aber leider auch die Zeitlosigkeit des Grauens anerkennen.

teleschau: Sie glauben also nicht, dass die schwache Position der Frauen damals diese Geschichte erst möglich machte?

Uhl: Ich bin mir nicht sicher. Eigentlich ist es die Geschichte einer klassischen Intrige, die einen Rufmord zur Folge hat. Das gab es schon bei Shakespeare und hätte auch einen Mann treffen können. Die Rolle der deutschen Frau nach dem Zweiten Weltkrieg war ja durchaus ambivalent, nicht ausnahmslos schwach. Insofern sollte man aufpassen, die Frauen von damals als schwach hinzustellen, nur weil man noch nicht über Emanzipation redete.

teleschau: Man könnte sich beim Betrachten des Films auch an "MeToo" erinnert fühlen. Kürzlich stellte man fest, wie rechtlos Frauen in der heutigen Gesellschaft bisweilen immer noch sind. Ihre Geschichte erzählt, wie leicht man als Frau damals einfach in die Psychiatrie gesteckt werden konnte.

Uhl: Nun, wie sah diese Zeit damals aus? Viele Männer waren tot oder in Gefangenschaft. Viele Frauen waren traumatisiert. Viele hatten Vergewaltigungen als sogenanntes "kriegerisches Mittel" erlebt, später waren sie mit den Kindern alleine. Meine Großmutter kam mit einem Flüchtlingstreck über die Oder. Ich denke aber auch an die Frauen, die das Land damals wieder aufbauten.

teleschau: Sie meinen, dass Frauen damals nicht so schwach waren, wie sie manchmal gemacht werden?

Uhl: Ich neige insgesamt nicht dazu, Frauen in eine aussichtslose Opferrolle zu drängen, wenn sie für ihre Rechte und Selbstbestimmung eintreten. Ich sehe mich als moderne Feministin. Für mich dürfen Feministinnen sexy und selbstbestimmt sein. Ich mag dieses Stigma der Opferrolle nicht. Wir müssen aus einer positiven Kraft heraus agieren. Auch Margarete im Film ist nicht nur ein Opfer. Sie wächst über sich hinaus und wird unglaublich stark.

teleschau: In letzter Zeit sieht man immer öfter Stoffe im Fernsehen, die davon erzählen, dass die autoritäre Gesellschaft nicht mit der Nazizeit endete. Diese Geschichte spielt in Westdeutschland nach dem Krieg. Dort, wo man dachte, er herrsche nun Demokratie.

Uhl: Derlei Gedanken hat man auch, wenn man wie ich aus der DDR stammt. Ich glaube, Macht und Geld waren zu allen Zeiten große Triebkräfte. Da ist es fast schon egal, in welchem Gesellschaftssystem man lebt. Wo es um Macht und Geld geht, sind jene Menschen, die "am Drücker" sind, versucht, sich über die Moral zu stellen. Was nicht heißt, dass die Moral nicht irgendwann, vielleicht Generationen später, zum Zuge kommt. Moral im Sinne von Gerechtigkeit und Ausgleich. Ich glaube da zutiefst dran.

teleschau: Also ist die Staatsform egal?

Uhl: Nein, das ist sie sicher nicht. Natürlich begünstigt Demokratie Gerechtigkeit. Es geht aber erst mal um die Frage, wo die Macht zu finden ist. Sie sitzt in allen Systemen, die untergegangen sind, erst mal in den alten Seilschaften und bei jenen Leuten, die vorher in Sachen Macht und Geld gut aufgestellt waren. Das war so nach dem Ende der Nazizeit, aber auch nach dem Ende der DDR. Aus diesem Gedanken heraus hatte ich immer ein Herz für Opfer wie Margarete. Egal, wo sie verleumdet wurden oder gelitten haben.

teleschau: In den letzten Jahren sieht man immer mehr Filme, in denen die autoritäre Nachkriegsgesellschaft der BRD aufgearbeitet wird. Auch die ZDF-Saga "Tannbach", bei der Sie ebenfalls dabei waren, ging in diese Richtung.

Uhl: Ich habe das Gefühl, dass gegenwärtig ohnehin eine starke Aufarbeitung deutsch-deutscher Identität stattfindet. Im Moment findet eine Spaltung in Deutschland statt, die mir Sorgen bereitet. Ich bedaure das zutiefst.

teleschau: Woher kommt diese Spaltung?

Uhl: Ich weiß es nicht genau, aber sie wird von einzelnen Medien und Personen erzeugt. Klar, ich lese sehr viel - und finde viel differenzierte Berichterstattung. Es gibt aber auch einen neuen Geist des Rechthabens, der Behauptung, die man einfach mal so als Fakt in den Raum stellt. Bei diesen Leuten wird gern verallgemeinert: Der Osten oder der Westen ist, so, weil ... Mich langweilen und ärgern diese Behauptungen. Weil sie es sich viel zu einfach machen und die Gesellschaft spalten.

teleschau: Was muss man tun, damit es besser wird?

Uhl: Ich kann diese Frage nur auf der menschlichen Ebene beantworten. Es geht um ein ehrliches Maß von Schuld und Sühne. Darum, dass wir unser Gewissen spüren und aus diesem Gewissen heraus handeln. Man muss eigene Fehler erkennen, Reue zeigen und es anschließend besser machen. Nur diese Haltung bringt uns als Menschen weiter. Ich dachte lange, die Deutschen wären in dieser Hinsicht auf einem guten Weg. In letzter Zeit bin ich mir nicht mehr sicher. Auf einmal kriegen wir uns wieder in die Haare über Fragen, die man sachlich diskutieren müsste, ohne sich über den anderen zu erheben. Ich glaube, wir verzetteln uns in dieser Debatte gerade gnadenlos.

teleschau: Kommen wir noch einmal zurück zum Film selbst. Hat Ihnen Esther Gronenborn erzählt, wie schwierig das Projekt für sie war?

Uhl: Wir können davon ausgehen, dass es sicher nicht leicht für sie war. Was ich als Schauspielerin jedoch immer wieder feststelle: Wenn man dreht, ist man in einem schaffenden Prozess angekommen. Das Schlimmste ist dann eigentlich schon vorbei. Die Auseinandersetzung vorher ist das, was traurig macht und berührt. Ich kann mir vorstellen, dass es für Esther ein großes inneres Bedürfnis war, die Geschichte ihrer Großmutter zu erzählen. Dass sie ihr damit ein Denkmal setzen und eine gewisse Form der Gerechtigkeit einkehren lassen wollte. Ich bin überzeugt, dass so etwas heilsam ist.

teleschau: Heilsam für die Filmemacherin?

Uhl: Heilsam als Prinzip. Wenn solche Dinge geklärt werden, können ganze Familien dadurch heilen. Solange die Dinge unter den Teppich gekehrt sind, gehen solche Wunden von einer Generation auf die nächste über. Mittlerweile wurde das ja auch als gesamtgesellschaftliches Problem erkannt. Ich finde es mutig und klug, sich dem zu stellen. Wir können alle davon lernen.

Quelle: teleschau - der mediendienst