Henning Baum

Henning Baum





Der Kumpel vom Campingplatz

Mit "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" war er gerade im Kino. Nun spielt Henning Baum die Hauptrolle im SAT.1-Event-Zweiteiler "Der Staatsfeind" (Dienstag, 8. und 15. Mai, 20.15 Uhr). Keine Frage - der 1972 im "Pott" geborene Schauspieler ist auch vier Jahre nach Ende seiner Erfolgsserie "Der letzte Bulle" gefragt. Dabei ist ihm schon der Begriff "Star" in Bezug auf seine Person eher unangenehm. Henning Baum ist vierfacher Vater und lebt immer noch in seiner Geburtsstadt Essen. Das Ruhrgebiet ist dem trocken humorvollen Hünen eine Heimat, die Werte der Region - Geradlinigkeit und Ehrlichkeit - scheint er zu verkörpern. Im Interview spricht Henning Baum über sein Konzept von Privatheit, die Kunst des Campens sowie seine 70er-Jahre-Besessenheit.

teleschau: Können Sie sich noch an den Film "Staatsfeind Nr.1" mit Will Smith erinnern?

Henning Baum: Ich habe gehört, er soll sehenswert sein. Aber der ist an mir vorbeigegangen.

teleschau: Der Film beschreibt, wie die Identität eines unbescholtenen Bürgers manipuliert wird, der danach nur noch auf der Flucht ist. So ähnlich wie Sie in "Der Staatsfeind" - nur dass der Smith-Film schon 20 Jahre alt ist.

Baum: Ich glaube, dass es heute noch viel leichter ist, einen Menschen zu scannen und zu manipulieren. Allein die Tatsache, dass heute jeder mit seinem Smartphone verwachsen scheint, sorgt dafür, dass man uns komplett überwachen kann. Auch der jüngste Facebook-Skandal wunderte mich nicht. Ich komme aus einer Zeit, in der man Privates für sich behalten wollte. Damals gab es sogar den Boykott einer großen Volkszählung, der die Menschen stark mobilisierte.

teleschau: Dabei war das, was man damals von den Leute wissen wollte, aus heutiger Sicht lächerlich wenig ...

Baum: Die Unterschiede zu damals haben nicht nur mit der Entwicklung der Technik zu tun, sondern auch mit der des Menschen. Heute stellen die Leute alles freiwillig ins Internet. Natürlich wird das gesammelt und ausgewertet - wo auch immer. Man muss seine Fantasie nicht allzu sehr bemühen, um sich vorzustellen, dass dies für einen selbst gefährlich werden könnte. Vor allem, wenn man in einem politischen System lebt, das eine weniger ausgeprägte Gewaltenteilung als unseres hat.

teleschau: Wie halten Sie es selbst mit Ihrer Privatheit?

Baum: Ich teile in Interviews gerne Persönliches mit, rede aber nicht über Privates.

teleschau: Wo liegt der Unterschied?

Baum: Persönlich heißt, ich sage gerne meine Meinung. Privat ist für mich die Familie. Natürlich gibt es Medien, die suchen genau nach dieser Information. Aber es ist in der Regel so, dass es von mir kein verbales Futter für diese Artikel gibt. Wenn das Leben so spielt, dass Privates dann doch in den Fokus der Öffentlichkeit gerät, muss man damit leben. Aber es ist bestimmt nicht das, was ich anstrebe.

teleschau: Was heißt für Sie Privatleben?

Baum: Dass man alleine oder im engsten Kreis der Familie in Ruhe gelassen wird. Ich möchte mich aber nicht beschweren. Das Publikum - das sind ordentliche Leute. Man darf nicht denken, dass man als Schauspieler permanent angesprochen würde. Natürlich werde ich auch mal angesprochen, aber unhöfliche Dinge erlebte ich dabei kaum.

teleschau: Sie sind ein markanter Typ, den man auf der Straße leicht erkennt. Fühlen Sie sich nicht permanent angestarrt?

Baum: Vielleicht gucken viele Leute, aber ich achte nicht drauf. Anderen Menschen, die mit mir unterwegs sind, fällt das mitunter eher auf als mir.

teleschau: Manche Promis sagen, man gewöhne sich an die Blicke.

Baum: Vielleicht auch das. Ich bin jetzt seit über 20 Jahren vor der Kamera. Wenn ich die Theaterzeit dazurechne, stehe ich noch länger im Fokus. Ich übe einen Beruf aus, der in der Öffentlichkeit stattfindet. Wenn man das so lange macht wie ich, erinnern sich die Leute an dein Gesicht. Damit muss ich leben.

teleschau: Leben Sie auch gut damit?

Baum: Ich lebe vor allem normal. Mein Alltag ist völlig unglamourös. Ich sag' mal, der Müll bringt sich nicht von selbst raus. Ein anderes Beispiel: Ich fahre gerne mit meinem kleinen Bus in Europa herum und campe hier und da. Dann gucken die Leute manchmal. Nach dem Motto: "Das ist doch der Baum!" Manche fragen dann, was ich hier mache. "Ja, campen", sage ich dann. Viele können sich nicht vorstellen, dass ein Schauspieler so was macht. Aber ich wandere einfach gerne oder gehe surfen. Das Gute ist, beim Campen lassen einen die Leute in Ruhe. Obwohl eigentlich alle auf einem Platz rumhängen und keiner Privatsphäre hat, herrscht da Einigkeit, dass man sich in Ruhe lässt. Das gefällt mir sehr gut.

teleschau: Sie werden also nicht wirklich angesprochen?

Baum: Nein, nicht mehr als jeder andere auch. Ich war gerade eine Woche mit dem Bus in Frankreich am Atlantik auf einem Campingplatz. Dort waren, so hatte ich den Eindruck, vor allem Deutsche. Trotzdem war das total relaxt. Ich sitze dann da, morgens gehe ich mal in die Wellen und vielleicht noch mal am Nachmittag. Ansonsten koche ich mir was oder sitze einfach im Stuhl und lese. Manchmal fahren Leute mit dem Fahrrad vorbei und denken sich wahrscheinlich: Der macht auch nichts anderes als wir.

teleschau: Sie sind also keiner, der die Öffentlichkeit meidet?

Baum: Nein. Ich würde vielleicht keinen Club-Urlaub machen. Mich in ein einsames Resort zurückzuziehen, käme aber nicht infrage. Ich bin gerne in der Natur, deshalb wohl das Camping.

teleschau: Gibt es einen Luxus, den Sie sich leisten?

Baum: Luxus, für den man Geld braucht? Da muss ich überlegen. Hm, ich mache alle paar Jahre mal eine Fernreise. Das empfinde ich schon als Luxus. Dass ich mit dem Flugzeug nach Afrika fliege oder so. Auch da lebe ich aber am liebsten einfach und ursprünglich. Ein Wellness-Spa brauche ich sicher nicht. Dafür mache ich gerne Wassersport - das ist natürlich auch eine Art Luxus. Das größte Geschenk sind für mich immer Entdeckungen, die ich machen darf.

teleschau: Seit Ihrer Rolle in "Der letzte Bulle" stehen Sie für ein bestimmtes Männlichkeitsbild - ein bisschen Macho, altmodisch, kernig, ehrlich. Sind Sie das oder spielten sie nur?

Baum: Ich habe diese Rolle nicht nur gespielt, ich habe sie gestaltet. Sicher gab da auch mal Sprüche, die würde ich so nicht bringen. Aber im Grunde hatte das immer eine Selbstironie. Hätte ich den Bullen ohne Selbstironie gespielt, wäre es lächerlich gewesen. Der Bulle musste über sich selbst lachen, wenn er einen solchen Spruch gemacht hat. Übrigens eine Haltung, die bei uns im Ruhrgebiet typisch ist.

teleschau: Können Sie das erklären?

Baum: Die Kerle nehmen sich bei uns in ihrer Männlichkeit nicht wirklich ernst. Wir Männer demontieren permanent die Männlichkeit unserer besten Freunde. Man verarscht sich die ganze Zeit. Aufgeblasene Männlichkeit finde ich unerträglich. Genauso schlimm ist es, wenn sich Leute zu ernst nehmen, das fand ich schon immer bescheuert. Ich entspreche aber insgesamt nicht so dem Zeitgeist.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Baum: So, wie ich es sage. Ich habe das Gefühl, dass ich irgendwie altmodisch denke: die Filme, die ich mag. Musik, die ich höre oder Bücher, die mich beeinflussten. Das ist alles alt.

teleschau: Welche Filme haben Sie beeinflusst?

Baum: Meine Lieblingsfilme kommen fast alle aus den 70-ern: "Der Pate", "Die durch die Hölle gehen". Viel von dem, was man New Hollywood nannte. Die begeistern mich immer noch, weil die Atmosphäre so dicht ist. Das zieht mich förmlich rein. Mir scheint, als wäre die Welt damals geheimnisvoller gewesen. Sie war nicht digital durchleuchtet, es blieben immer dunkle Flecken. Dinge, die man nicht wusste und mit denen man leben musste. Dieses Lebensgefühl entspricht nicht mehr der Gegenwart.

teleschau: War es auch eine Zeit mit einer anderen Moral?

Baum: In der Kunst? Ich glaube schon. Die Filme von Scorsese transportierten allesamt eine große Menschlichkeit. Sie waren oft sehr brutal, aber auch mit einer hohen Ethik ausgestattet. Scorsese lässt seine Figuren ethisch oder unethisch handeln, am Ende gibt es dafür aber immer eine Konsequenz. Die 70er-Jahre haben mich stark geprägt. Ich bin auch in den 80-ern immer wieder dorthin zurückgekehrt. Und je weiter ich mich von dieser Zeit entferne, desto liebevoller kehre ich zurück.

teleschau: Wie sieht es bei Büchern aus?

Baum: Da schätze ich die Klassiker. Dumas habe ich immer gern gelesen oder auch "Robinson Crusoe". Ich probiere immer auch mal was Aktuelles, kehre aber dann wieder zu den Klassikern zurück. Entsprechend dick ist diese Abteilung in meinem Bücherregal. Ich habe das Gefühl, ich muss mich immer so ein bisschen in die Moderne schubsen, um nicht ganz den Anschluss zu verlieren. Manchmal versuche ich sogar, mir neue Musik anzuhören.

teleschau: Das heißt, auch da bleiben Sie dem Alten verhaftet?

Baum: Bei der Musik ist es bei mir wie mit den Filmen. Die 70-er sind mein Zuhause. Ob Rock oder Soul, egal. Die 60-er haben das Ganze vorbereitet, die Beatles sind das Fundament für vieles. Lemmy von Motorhead sagte einmal: "Die Beatles sind im Prinzip das Beste, was es gibt." So sehe ich das auch. Ich finde es aber auch großartig, auf ein Metal-Konzert zu gehen. Metal live ist unschlagbar. Gleichzeitig höre ich sehr gerne ruhige Singer-Songwriter-Musik und bin total berührt davon. Eigentlich muss ich sagen: Musikalisch bin ich voll das Weichei.

Quelle: teleschau - der mediendienst