Saoirse Ronan

Saoirse Ronan





Zurück in die Pubertät

Nichts kann einen darauf vorbereiten, dass Saoirse Ronan (24) während des Gesprächs in einem Londoner Hotel plötzlich aufsteht und durch den Raum schwebt. Die irische Schauspielerin will sich am Ende eines langen Interviewtages anlässlich ihres neuen Films "Lady Bird" (Kinostart: 19. April) nur ein Wasser holen, aber das wird bei ihr zum Ereignis. Nicht nur wegen des traumhaften schwarzen Kleides, das sie mit anmutiger Präsenz trägt. Die Schauspielerin behält den Interviewer fest im Blick, während sie ihre Flasche öffnet. Sie gibt einem das Gefühl, wichtig zu sein, ist konzentriert und freundlich bei der Sache. Dabei hatte sie zuvor verschwörerisch geflüstert: "I am tired and a bit sleepy." Von Müdigkeit ist aber keine Spur, wenn die aufgeweckte junge Frau zu erzählen beginnt.

teleschau: In "Lady Bird" geht es um eine ziemlich schwierige Mutter-Tochter-Beziehung: Waren Sie mit Ihrer Mutter schon im Kino, um den Film zu sehen?

Saoirse Ronan: Ja, ich habe ihr den Film schon gezeigt. Das war in Los Angeles, kurz nach dem Start, der ziemlich erfolgreich war. Ich hatte ihr gesagt, sie solle sich auf einen vollen Saal gefasst machen und dass wir uns etwas bedeckt halten müssten. Aber am Ende waren nur sechs Leute in der Vorstellung, uns eingerechnet.

teleschau: Waren Sie enttäuscht?

Ronan: Ach was. Ich muss fairerweise sagen: Es war die Nachmittagsvorstellung an einem Montag. Ich hätte selbst drauf kommen können, dass das Kino nicht voll ist.

teleschau: Wie hat es ihr denn gefallen, ihre Tochter auf der Leinwand in ständigem Konflikt mit ihrer Filmmutter zu sehen?

Ronan: Sie mochte den Film sehr. Wir haben eine sehr enge Mutter-Tochter-Beziehung. Eigentlich sind wir eher beste Freundinnen. Kompliziert ist bei uns gar nichts. Das half mir übrigens bei den Dreharbeiten sehr. Dadurch konnte ich die Szenen mit Laurie Metcalf (spielt die Mutter, d. Red.) richtig genießen und Spaß haben, ohne emotional aufgewühlt zu sein.

teleschau: Haben Sie sich mit Regisseurin und Drehbuchautorin Greta Gerwig mal darüber unterhalten, wie viel von ihr persönlich in "Lady Bird" steckt?

Ronan: Natürlich. Wir blätterten ihre privaten Fotoalben durch und hörten dabei Musik aus der Zeit. Nebenbei bemerkt: Ich liebe Alanis Morissette. Es ist wirklich eine Menge Greta in "Lady Bird", das würde man aber auch noch merken, wenn der Film im Weltall spielen würde.

teleschau: Sie beide wirken wie Schwestern im Geiste: Ist die Wahrnehmung korrekt?

Ronan: Absolut. Wir sind uns sehr ähnlich. Dabei haben wir uns viele Jahre lang erfolgreich verpasst: Zum Beispiel auf der Berlinale 2014, wo ich sie in ihrem Glitzerkleid auf der Bühne bewunderte, oder in New Yorker Restaurants. Das erste Mal trafen wir uns 2015 in Toronto. Und es hat sofort "Klick" gemacht.

teleschau: Ihre Figur Lady Bird legt sehr viel Wert auf ihren Namen: Ihr eigener ist auch ziemlich ungewöhnlich. Haben Sie jemals darüber nachgedacht, ihn zu ändern?

Ronan: Genau eine Sekunde lang, als ich fünf Jahre alt war. Ich wollte unbedingt einen Namen, wie ihn andere Mädchen auch hatten. Darüber bin ich ziemlich schnell hinweggekommen. Zum Glück. Jetzt habe ich den Namen im Prinzip für mich allein.

teleschau: Sie haben schon im Kindesalter vor der Kamera gestanden. Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Rolle?

Ronan: Natürlich. Ich spielte ein Wesen, das halb Mensch, halb Clown war - in einem Kurzfilm, in dem auch mein Dad eine Rolle hatte. Das war meine Erleuchtung, damals spürte ich, dass Filmsets der richtige Ort für mich waren (strahlt). Danach bekam ich irgendwann meinen ersten "richtigen" Job in der irischen TV-Serie "The Clinic", und ich liebte ihn.

teleschau: Welchen Einfluss hat ihr Vater, der auch Schauspieler ist?

Ronan: Auf diese Liebe? Nun. Durch seinen Job war ich schon früh an Filmleute gewöhnt. Aber das hat eigentlich nichts zu bedeuten. Ob man etwas liebt oder nicht, das hängt von einem selbst ab. Das wir beide denselben Job haben, ist also Zufall.

teleschau: Aber stolz war er schon, oder?

Ronan: Meine Eltern unterstützten mich nach Kräften, aber sie versuchten nie, mich in irgendeine Richtung zu drängen oder sonst Druck auszuüben. Schauspielerin werden: Das wollte ich ganz alleine.

teleschau: Viele Teenager, "Lady Bird" erzählt davon ganz fantastisch, suchen erst noch ihren Platz im Leben ...

Ronan: Was hatte ich für ein Glück! Ich wusste in dem Alter schon, wo ich hingehöre. Ich hatte niemals Angst, nicht herauszufinden zu können, was ich will. Obwohl es nicht einfach war, die Pubertät durchzumachen und dabei eine Kamera aufs picklige Gesicht gerichtet zu bekommen. Auch wenn ich nicht weiß, was die Zukunft bringt: Bis jetzt hatte ich nie Zweifel an meiner Berufung.

teleschau: Hand aufs Herz: Hat es wirklich immer Spaß gemacht, im Rampenlicht zu stehen?

Ronan: Klar. Als ich jünger war, erwartete zum Beispiel niemand von mir, dass ich PR-Termine wahrnehme. Dadurch wusste eigentlich niemand, wer ich war. Ich konnte in großartigen Filmen mitspielen, ohne in der Öffentlichkeit zu stehen. Das hat sich erst in den letzten Jahren geändert.

teleschau: Die Suche nach der Bestimmung ist die unangenehme Hälfte der Teenagerexistenz. Die angenehme Hälfte ist ...

Ronan: ... Fehler zu machen, auf Partys zu gehen ...

teleschau: ... das Herz gebrochen zu bekommen.

Ronan: Das habe ich auch alles erlebt. Wahrscheinlich zu anderen Zeiten, also etwas später, als die meisten Teenager. Was übrigens ganz normal ist. So wie ich es erlebt habe, ist es ein Mythos, dass alle Menschen im selben Alter dieselben Erfahrungen machen. Dafür sind wir dann doch alle zu verschieden. Dennoch war ich sehr dankbar, Lady Bird spielen zu können und ein paar Dinge zu machen, die ich selbst nie erlebt habe: zum Prom gehen zum Beispiel.

teleschau: Bedauern Sie, dass Sie einige Teenager-Erfahrungen nicht machten?

Ronan: Nö. Das würde auch keinen Sinn ergeben. Ich liebe ja, was ich mache. Und ich habe auch ein spannendes Leben - mit Freundschaften und Beziehungen zu anderen Menschen und Erfahrungen, die fürs Leben taugen.

teleschau: Für "Lady Bird" waren Sie schon zum dritten Mal für einen Oscar nominiert: Wird das langsam zur Routine?

Ronan: Absolut nicht. Ich hatte ja im letzten Jahr auch nominierungsfrei.

teleschau: Hatten Sie mit der Nominierung für "Lady Bird" gerechnet?

Ronan: Hmh. Wir bekamen schon alle mit, dass die Leute viel über unseren Film redeten, auch im Zusammenhang mit den Oscars. Aber man weiß nichts Genaues, bis man etwas Genaues weiß. Ich habe übrigens gar nicht mitbekommen, als die Nominierungen verkündet wurden. Ich war gerade in London und sah mir einen Film von meiner Freundin Katharina Hingst aus Deutschland an, als ein paar Freunde hereinstürzten und mich mit tonnenweise Konfetti bewarfen. Ich muss ziemlich verwirrt ausgesehen haben. Als ich dann erfuhr, dass Greta (Gerwig, d. Red.) nominiert wurde, brach ich dann in Tränen aus.

teleschau: Sie ist erst die fünfte Frau, die für die beste Regie nominiert wurde.

Ronan: In 90 Jahren! Das ist doch geisteskrank! Aber das wird sich jetzt ändern.

teleschau: Wie denn?

Ronan: Indem mehr Frauen angeheuert werden - besonders in verantwortungsvollen Positionen. Es ist an der Zeit, dass Frauen die Filme machen können, die sie machen wollen. Dass sie die Geschichten erzählen können, die sie zu erzählen haben. Dafür müssen sich die Bosse nur mit den Frauen zusammensetzen und ihnen mal zuhören. Das ist generell wichtig, nicht nur im Zuge der aktuellen Diskussion um Gender, Minderheiten und Herkunft. Unsere Gesellschaft ist so vielfältig, das sollte auch im Kino reflektiert werden.

teleschau: Man hatte in den letzten Jahren das Gefühl, dass wir auf einem holprigen, aber guten Weg hin zu einer offenen Gesellschaft wären. Warum kommen wir nicht an?

Ronan: Jetzt fahren Sie aber schwere Geschütze auf!

teleschau: Schränken wir die Frage auf das Kino, auf die Filmindustrie ein.

Ronan: Filme sind eigentlich ein guter Querschnitt durch die Gesellschaft. Und natürlich gibt es viele wunderbare Filme und TV-Serien. Aber schauen Sie mal genau hin, wie sehr sie von einem patriarchalischen Weltbild geprägt sind. Die Industrie ist ein "Boys Club". Das ändert sich nur langsam, aber ein Umdenken ist schon im Gange.

teleschau: Woran machen Sie das fest?

Ronan: Frauen in Comedy. Besonders im Fernsehen. Ellen DeGeneres, Tina Fey, Amy Poehler, Lena Dunham - alles Frauen, für die keine Gags geschrieben werden. Das machen sie selbst. Oder sie werden kreativer Kopf bei "Saturday Night Live", erfinden Serien wie "Girls". Durch sie verändert sich die Wahrnehmung von Frauen im Geschäft: Wer wir sind und was wir können.

Quelle: teleschau - der mediendienst