Franz Rogowski

Franz Rogowski





"Die größten Stars in Deutschland sind Kommissare oder Schwarzwaldärzte"

Franz Rogowski (32) ist wohl der aufregendste deutsche Jungschauspieler dieser Tage. Seit Regisseur Jakob Lass ihn erst in "Frontalwatte" (2011) und zwei Jahre später in "Love Steaks" besetzte, brilliert und fasziniert Rogowski. Bei der Berlinale ist er gern gesehener Gast und überzeugte 2015 in Sebastian Schippers "Victoria" in einem One-Shot-Ritt durch die Berliner Nacht. Im Februar 2018 war Rogowski gleich in zwei Wettbewerbsbeiträgen der Filmfestspiele zu sehen: In Thomas Stubers "In den Gängen" (Kinostart: 24. Mai) und in Christian Petzolds Literaturverfilmung "Transit", die am 5. April in die Kinos kommt. Im Interview erläutert Rogowski, wie er plötzlich im echten Leben ähnliche Probleme wie seine Figur Georg lösen musste und warum er in Berlin weiter U-Bahn fahren kann, ohne behelligt zu werden.

teleschau: "Transit"-Regisseur Christian Petzold schafft es in seinen Film immer, seinen Figuren etwas Gespenstisches zu geben. Wie lässt sich so was her- und darstellen?

Franz Rogowski: Christian Petzold stellt das Gespenstische dadurch her, dass die Figuren aus der Zeit gefallen sind. Da agieren Figuren eines Buches, das in den 30-ern spielt, im Marseille von heute.

teleschau: Kennen Sie das Gefühl, "aus der Zeit zu fallen"? Das ist so ein schöner Begriff ...

Rogowski: Ich finde den auch schön. Ich habe das Gefühl immer wieder mal und vermute, dass das mehr wird, wenn man älter wird. Mir geht es jetzt schon manchmal so. Ich war neulich bei der Geburtstagsparty meiner Schwester und fühlte mich wie ein Opa.

teleschau: Was glauben Sie ändert sich diesbezüglich, wenn Sie noch älter werden?

Rogowski: Vielleicht baut man sich irgendwann eine eigene Welt, die sich von der um einen herum, wo immer alles neuer und anders wird, entkoppelt. Vielleicht lässt sich sagen, dass man eine bestimmte Zeit lang Sachen in einen Rucksack packt, den man mit sich herumträgt, und irgendwann ist er so voll, dass es nicht mehr so sehr ums Sammeln geht und mehr ums Tragen.

teleschau: Gab es einen Drehtag in Marseille, der besonders herausfordernd war?

Rogowski: Ich erinnere mich an einen schönen Tag: 30 Grad, abends nach dem Dreh, der gut gelaufen war, sitze ich am Kai und will mir einen schönen Rotwein genehmigen, da blicke ich ans andere Ufer, wo ein ertrinkender Pitbull aus dem Wasser gezogen wird. Ganz schlimm. Ein großer, schöner Hund, der Mund-zu-Mund beatmet wird, Akupressur, das volle Programm. Viele junge Menschen stehen um den Hund, wollen ihn wieder zum Leben erwecken. Viel Geschrei, aber das Tier stirbt. Ich sitze betroffen aber ohnmächtig auf der anderen Seite und will weg, will los - und alle meine Sachen sind weg. Keine Papiere, kein Visum, keine Kreditkarte - so fand ich mich um Mitternacht in der Polizeiwache wieder. Ich war auf einmal Georg, war die Figur, die ich gespielt habe. Ich brauchte wie er Papiere, um auszureisen.

teleschau: Der Film erinnert an ein Heute, wo in Deutschland viele Geflüchtete ankommen. Aber es gab auch Zeiten, in denen Deutsche geflüchtet sind. Wie war für Sie das Verhältnis von damals und heute?

Rogowski: Schon beim Lesen des Drehbuchs fand ich das spannend. Das ermöglicht erst dieses Gespenster-Sein, dieses zwischen den Zeiten Mäandern der Figuren. Eine literarische Figur aus den 30-ern flieht aus Europa und findet sich in einem dokumentarischen Fluchtmoment nach Europa wieder, der auch noch fiktional von Christian Petzold dramatisiert wird. Das hört sich sehr kompliziert an, ist es auch. Aber nicht beim Angucken. Diese Zeiten koexistieren bei uns im Film einfach.

teleschau: "Der Georg ist erst mal leer, ein Spielball der Geschichte, er sitzt in Bistros, er hat keine Vergangenheit und keine Zukunft, er lebt nur in der Gegenwart. Er schlägt sich gut durch, weil er nichts zu verlieren hat, er ist clever, fast wie ein Krimineller." Das sagt Christian Petzold über Ihre Figur. Anfangs wirkt Ihr Georg teilnahmslos, aber vom Schicksal seiner Situation ausgeliefert. Er geht damit eher um, wie ein Kleinkrimineller. Was treibt ihn denn?

Rogowski: Er hofft relativ wenig, er nimmt seine Heimat mit sich, hat nirgendwo Wurzeln geschlagen, hat keine Familie. Ein Drifter, der in einem Coming-of-Age-Film steckt, einem Entwicklungsroman. Im Buch spürt man noch mehr, wie er zwischen den Ämtern hin- und hergescheucht wird, mit seiner falschen Identität, das aber alles relativ gelassen hinnimmt. Der Film verdichtet das und erzählt es schneller. Was sich bei ihm verändert, ist, dass die Liebe ihn erwischt. Die Situation mit dem Jungen, wo er eine Vaterrolle einnehmen könnte, das ist ein halber Schritt, da merkt er etwas. Er will wissen, wie es dem Kind geht, will Verantwortung übernehmen, aber dann sind die schon weg. Die Frau, die in sein Leben tritt, verkörpert von der wunderbaren Paula Beer, die haut es dann wirklich raus. Die verändert ihn.

teleschau: Sie haben Georg kennengelernt, ist er der Typ, den es irgendwann in die Berge zieht, um dort Kopf einer Familie zu sein - oder wartet er eher auf die unmögliche Liebe?

Rogowski: Er denkt von Tag zu Tag, hat ungefähre Vorstellungen von seinem Beruf, er will Radio- und Fernsehtechniker werden. Das ist eine coole Kombi, die Fernsehtechnik ist neu, das interessiert ihn. Ansonsten hat er wenig Sicherheits- und Verantwortungsbedürfnisse. Das gefällt mir an ihm. Er ist zwar auf der Flucht, der Krieg und der Druck lasten auf ihm, aber er sitzt nicht den ganzen Tag heulend in der Ecke. Er streunert rum, tut Dinge, die ihm auf seinem Weg passieren. Er ist ein vom Schicksal Geleiteter.

teleschau: Es gibt Situationen, in denen Georg zweifelt, ob er Marie die Wahrheit sagen soll. Sie spielen das mit nur wenigen Nuancen und lassen den Zuschauer mitzweifeln. Maries Identität besteht eigentlich nur darin, die Suchende zu sein. Würde sie an der Wahrheit zerbrechen?

Rogowski: Das ist eine schöne Beobachtung, sie als Suchende zu sehen. Er merkt, dass die Liebe darin besteht, dass er sie gehen lässt. So wie sie ist. In ihrer Suche. Er möchte ihr ihren Glauben nicht nehmen. Das ist ein Fehler, den man schnell machen kann. Liebe lässt sich schnell mit einem Selbstzweck verwechseln. Man penetriert den anderen mit der eigenen Liebe. So kann ein "Ich liebe dich" zur Drohung oder Forderung werden. Das Große an der Situation besteht für mich bei Georg darin, dass er erkennt, dass er verzichten und sie gehen lassen muss.

teleschau: Verändert es einen, wenn Menschen einen auf der Straße erkennen? Wenn man eine Person des öffentlichen Lebens ist?

Rogowski: Auf jeden Fall. Plötzlich siehst du dich im U-Bahn-Fernsehen mit deinem Bild und der Schlagzeile "Franz Rogowski dominiert die Berlinale" ... - Da fahre ich dann nicht so gerne U-Bahn. Das Gute an Berlin ist: In einer Woche hat das jeder vergessen. Die Probleme, die die Amerikaner haben, kennt man in Deutschland nicht. In Berlin gibt es dieses Star-Sein aus Hollywood nicht. Die größten Stars in Deutschland sind Kommissare oder Schwarzwaldärzte. In dieser Kategorie bin ich nicht unterwegs, mich kennen nicht so viele Leute.

teleschau: Wollen Sie in dieser Kategorie unterwegs sein?

Rogowski: Das kommt darauf an. Fernsehen ist ein geniales Format. Die großen Regisseure, mit denen ich arbeiten durfte, sind aufgewachsen mit Fernsehen, das um 20.15 Uhr großes europäisches Arthouse-Kino gezeigt hat. Das Fernsehen war eine Bildungsstätte. Leute sind durch das Fernsehen filmisch gebildet worden, und das wäre auch heute noch möglich.

teleschau: Sie erwähnen die großen Regisseure. Wie war die Arbeit an deren internationalen Sets? Lässt sich da etwas herausziehen?

Rogowski: Ein nationales und ein internationales Set müssen sich gar nicht so sehr unterscheiden, auch nicht vom Studentenset - nur die Mittel sind andere. Das, was mit der Kamera und den Schauspielern passiert, ist immer das Gleiche. Man hat Sätze - oder auch nicht, man versucht seine Figur bestmöglich zu spielen, folgt Regieanweisungen und versucht, das hinzubekommen. Der größte Unterschied besteht für mich in den Projektionen, die man bei einem Starregisseur hat. Träume und Wünsche, die sich mit den Regisseuren verbinden. Die dann mit Erfahrungen austauschen zu können, ist toll. Man merkt, das ist ein richtiger Mensch, der hat eine konkrete Arbeit. Das ist nicht vom Berühmtsein geprägt, sondern davon, sein Süppchen zu kochen. Natürlich schmecken manche Suppen ganz toll, und das ist auch nicht alles erlernbar: Der eine kann, der andere probiert, und viele kommen nicht mal an die Zutaten ran.

Quelle: teleschau - der mediendienst