Annette Frier und Julia Richter

Annette Frier und Julia Richter





Der Asperger-Stammtisch

Dass zwei Frauen die Hauptrollen im ZDF-"Herzkino" spielen, wo sonst sanfte Weiblichkeit nach kerliger Kernigkeit fahndet, ist per se ungewöhnlich. Nein, Annette Frier und Julia Richter spielen kein lesbisches Liebespaar. So weit ist man auf dem Mainstream-Sendeplatz sonntags um 20.15 Uhr noch nicht. Dafür wird man Zeuge einer ungewöhnlichen Freundschaft. Ella Schön (Annette Frier), eine Frau mit Asperger-Syndrom, tut sich schwer, die Gefühle ihrer Mitmenschen zu erkennen. Als ihr Mann bei einem Unfall stirbt, stellt Ella fest, dass der Verstorbene in einer malerischen Ostseegemeinde noch eine zweite Frau hatte. Christina (Julia Richter) ist Mutter zweier Kinder, hochschwanger mit dem dritten und dazu ein sensibler Gefühlsvulkan. Wie die beiden Frauen sich begegnen und ihr neues Leben meistern, ist die Idee hinter zunächst zwei "Ella Schön"-Filmen (Sonntag, 8. und 15. April, 20.15 Uhr, ZDF).

teleschau: Ist die Rolle einer Frau mit Asperger dankbar oder undankbar?

Annette Frier: Die ersten zwei Wochen fühlte ich mich unsicher in der Rolle. Ich musste diesen Charakter für mich erst mal knacken, damit er etwas Natürliches bekommt. Danach hat die Rolle viel Spaß gemacht.

teleschau: Vielleicht ist die Frage etwas naiv, aber spricht man als Asperger-Darstellerin einfach den Text und lässt die Emotionen weg?

Annette Frier: Nein, so einfach ist es nicht. Menschen mit Asperger-Syndrom haben ja auch Gefühle. Sie tun sich nur schwer damit, sie bei anderen Menschen zu dekodieren oder ihre eigenen zu benennen. Weil der Versuch, das Gegenüber zu lesen, so ungemein anstrengend für Asperger-Menschen ist, versuchen sie oft, sich auf die Strategie der Logik zurückzuziehen. Spielt man das nun, ist es jedoch nicht so, dass ich wie ein Roboter meinen Text aufsage. Wichtig ist vor allem, dass ich diese für mich eher ungewohnte Art, sich zu verhalten, in den Körper kriegen muss - so dass es sich ganz natürlich anfühlt. Wenn man beim Spielen überlegen muss, ist das immer schlecht.

Julia Richter: Annettes Rolle ist auch deshalb schwierig, weil sie allen Prinzipien des Schauspiels widerspricht. Normalerweise geht es immer ums Zuhören und Reagieren. Wir versuchen ja, im Spiel besonders empathisch zu sein. Das ist auch für mich als Gegenüber nicht leicht. Ella reagiert anders als normale Menschen. Es ist, als wäre sie in einem anderen Kosmos unterwegs.

teleschau: Fühlt es sich an, als würde man mit einem Holzblock spielen?

Julia Richter: Nein, das trifft es nicht. Es ist viel mehr das starke Bemühen um Empathie oder die richtigen emotionalen Reaktionen, mit denen ich als Annettes Spielpartnerin konfrontiert bin. Ich übernehme ja stellvertretend die Rolle des Zuschauers. Das heißt, ich bin verwundert, lache auch - oder bin zumindest amüsiert - an jenen Stellen, wo sie versucht, emotional und empathisch zu reagieren. Und wo sie dann eben öfter knapp daneben liegt.

teleschau: Wie oft begegnet man Asperger im Alltag?

Julia Richter: Viel öfter als man denkt. Es gibt verschieden starke Ausprägungen dieser Veranlagung. Die betroffenen Menschen versuchen meist, sie zu kaschieren. Denn es ist mit Scham besetzt, Gefühle nicht lesen oder nur schwer ausdrücken zu können.

Annette Frier: Wenn man sich eingehend damit beschäftigt, findet man erstaunliche Dinge heraus. Ich kenne zum Beispiel jemanden, bei dem dachte ich immer: Boah, ist der unfreundlich. Erst nach Jahren erfuhr ich, dass es ein Mann mit Asperger ist. Ich glaube, dass einige, die wir im Alltag regelmäßig als auffällig unfreundlich oder merkwürdig erleben, Asperger haben. Es gibt jedoch auch jene, die aus anderen Gründen nicht mitbekommen, wie unmöglich sie sich benehmen (lacht).

teleschau: Das heißt, man regt sich vielleicht zu Unrecht über viele Menschen auf?

Annette Frier: Asperger ist jedenfalls verbreiteter, als man denkt. Es ist auch schwierig zu diagnostizieren, weil es so viele unterschiedliche Ausprägungen und Stufen gibt. Die Dunkelziffer ist auf jeden Fall ziemlich hoch.

teleschau: Warum versuchen Asperger-Menschen, sich so stark an Logik zu klammern?

Julia Richter: Weil Logik wie Mathematik funktioniert beziehungsweise umgekehrt. Logik kennt keine Grautöne, keine emotionalen Schattierungen, keine Ironie. Es gibt nur Gleichungen, die aufgehen oder nicht. Alles, was man klar mit ja oder nein beantworten kann, ist bei Asperger-Menschen sehr beliebt.

teleschau: Nun gibt es das Klischee, dass für die emotional intelligenteren Frauen alle Männer ein bisschen Asperger haben. Ein zu hartes Urteil?

Annette Frier (lacht): Ich habe meinen Mann neulich tatsächlich als Asperger beschimpft. Aber Achtung, ich bitte Sie, den Vorwurf der Diskriminierung an dieser Stelle wegzulassen - es war nur ein kleiner Witz! Durch "Ella Schön" war Asperger in der Tat ein Running Gag in unserer Familie.

teleschau: Für Sie auch, Frau Richter?

Julia Richter (zögert): Wir kriegen, glaube ich, Ärger. Ich möchte mich dazu nicht klar äußern, aber ich sympathisiere mit Annettes Aussagen (lacht).

Annette Frier: Statistisch gesehen haben mehr Männer Asperger. Die Wirklichkeit ist jedoch komplizierter - weil viele Frauen ihr Asperger besser kaschieren können. Was wiederum die These unterstützt, dass bei Männern das Kaschieren nicht so wichtig ist. Die Grobmotorik in Sachen Gefühle wird bei Männern ein Stück weit als normal betrachtet.

teleschau: Ist dieses Phänomen zu etwas gut?

Julia Richter: Ich finde, ja. Manchmal ist es ein Stück weit heilsam, die Emotionen mal wegzulassen und einfach nüchtern zu betrachten: Was haben wir hier vorliegen? Gerade wenn man ein Mensch ist, der sich gern in ambivalenten Emotionen verstrickt, ist eine klare und logische Sicht auf die Dinge manchmal hilfreich.

Annette Frier: Hier könnte übrigens erneut ein Verweis auf Männer-Frauen-Klischees gemacht werden. Männer betreiben in ihrer klassischen Ausprägung auch ein Stück weit Gefühlsökonomie. Das heißt, sie sparen Energie, indem sie hin und wieder Empathie und das Hin- und Herwenden emotionaler Ambivalenzen einfach weglassen. Auf diese Weise hat man mehr Kraft für Entscheidungen und kann sie wahrscheinlich auch schneller treffen.

teleschau: Sie finden also, dass sich Männer und Frauen ergänzen?

Julia Richter: Frauen umschreiben lieber, während Männer sich leichter tun, Dinge klar zu benennen. Beides hat Vor- und Nachteile.

Annette Frier: Richtig, beide Methoden haben auf gewisse Weise Recht.

teleschau: Gibt es Momente, in denen Sie sich wünschen, ein bisschen Asperger zu sein - um den emotionalen Aspekt einfach mal außen vor lassen zu können?

Julia Richter: Am meisten würde ich mir das bei der Erziehung der Kinder wünschen. Da sind Eltern oft emotionaler, als es dem Konflikt, um den es geht, in der Sache nützt. Auch Diskussionen mit dem Partner über Erziehung könnten hin und wieder mehr Nüchternheit vertragen.

Annette Frier: Ich finde, in Beziehungen wäre es tatsächlich von Vorteil, wenn man öfter klar benennen würde, was man beim anderen beobachtet oder sieht. Man macht das ja meistens nicht. Weil man Angst vor der Reaktion hat, weil man dem Partner etwas nicht zumuten möchte und so weiter. Es wäre aber bestimmt hier und da sinnvoll - angesichts einer geplanten lebenslänglichen Beziehung.

teleschau: Ist es so, dass wir das nüchterne Urteil in engen Beziehungen nicht ertragen können?

Julia Richter: Ja, ein Stück weit ist es so. Man wünscht sich, Bedürfnisse mal ganz nüchtern formulieren zu können. Aber wir kriegen das wegen der von Annette beschriebenen Hemmnisse oft nicht hin. Bei größeren ungestillten Bedürfnissen führt das dann entweder zur Trennung oder dazu, dass man nebeneinander herlebt.

Annette Frier: Dann schlage ich als Therapie für uns alle mal einen Asperger-Feldversuch vor. Ohne Schnörkel direkte Wege, das finde ich gut. Wenn sich beide Seiten darauf einlassen und das Beleidigtsein weglassen, könnte das ein toller, kathartischer Moment werden. Aber wir müssen natürlich aufpassen: Asperger ist für viele Betroffene eine schwere Last, die sie durchs Leben tragen. Es wäre zynisch, die Vorteile dieser Veranlagung zu betonen.

teleschau: Frau Frier, welche Asperger-Vorbilder fanden Sie in der Filmgeschichte?

Annette Frier: Am stärksten präsent ist derzeit vielleicht die schwedische Kommissarin aus der tollen Krimi-Serie "Die Brücke". Aber das ist pures Drama. Ich sehe unsere Form der Asperger-Darstellung eher bei "Rain Man" als bei "Die Brücke". Unser Raum ist die Komödie. Lustig an Asperger im Film ist, dass man neben dem normalen Plot und seinen Dialogen immer noch über eine zusätzliche Ebene verfügt. Nämlich die Frage: Wie reagiert jemand mit Asperger auf das Chaos, die Gefühle und Konflikte, die wir da zeigen. Daraus kann beim Zusehen ein großer Spaß und Genuss entstehen, der uns neu auf die im Film verhandelten Themen blicken lässt.

Quelle: teleschau - der mediendienst