Jürgen Tarrach

Jürgen Tarrach





Melancholie mit Bier

Jürgen Tarrach, 57, spielte in seiner langen Schauspielkarriere oft die eher schmierigen Typen. Dies mag seiner Physiognomie geschuldet sein, die eben nur bedingt zum klassischen Helden taugt. Tarrach, der im Rheinland aufwuchs und heute mit seiner Familie in Potsdam lebt, erhielt seine Theaterausbildung am Wiener Max Reinhardt-Seminar. Mit der Serie "Um die 30" (1995) und der unkonventionellen Krimireihe "Die Musterknaben" (ab 1997) wurde er auch im Fernsehen bekannt. Eine seiner eindrücklichsten Rollen war die des Walter Sedlmayr im 2002 mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Film "Wambo". Ab sofort ist Jürgen Tarrach allerdings "Portugiese". Im neuen "Lissabon-Krimi" spielt er einen abgehalfterten Anwalt in der Hauptstadt des Fado.

teleschau: Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Lissabon-Gefühl?

Jürgen Tarrach: Natürlich. Ich schenkte meiner Frau zum Geburtstag ein verlängertes Wochenende dort. Im Februar, vor vielleicht fünf Jahren. Das Wetter war nicht so toll, aber ich erinnere mich an intensive, wunderschöne Tage dort. Insofern musste ich nicht lange überlegen, als das Angebot kam, dort zu drehen. Mein Lissabon-Gefühl war bereits vor dem ersten Dreh ein sehr positives.

teleschau: Viele Menschen sagen, dass Lissabon eine ganz besondere Stadt sei. Was genau macht dieses Besondere aus?

Tarrach: Es ist gar nicht so leicht zu sagen. Lissabon ist keine Stadt, die sich einem mit ihrer Schönheit an den Hals wirft. Lissabon hat etwas Leises und Wärmendes, das guttut. Es fängt mit dem Licht an. Das taucht alles in eine pastellene Atmosphäre. Es ist auch ein anderes Licht als am Mittelmeer. Dazu kommen die Menschen. Wir haben nur freundliche, hilfsbereite, aber eben auch zurückhaltende Leute kennengelernt. Lissabon ist eine sehr höfliche Stadt. Man hat auch keine Angst dort.

teleschau: Sie sagen, das Licht sei anders als am Mittelmeer. Ist auch die Stimmung eine andere als in einer typischen südeuropäischen Metropole?

Tarrach: Das würde ich schon behaupten. Ich kenne mich in Italien ganz gut aus, weil wir bei San Remo ein Ferienhaus haben. In Portugal ist es viel unaufgeregter. Wenn ich an große Städte in Italien denke und die Lautstärke dort (lacht), dann kann man das nicht vergleichen.

teleschau: Wie sieht es mit Fado und Saudade aus, jener typisch portugiesischen Version der Melancholie und des Weltschmerzes. Spürt man das, wenn man vor Ort lebt und arbeitet?

Tarrach: Ja, ein bisschen. Aber dieses Gefühl steht momentan in Lissabon nicht im Vordergrund. Ich habe die Stadt als einen sehr jungen Ort erlebt, der sich im Aufbruch befindet. Trotzdem spürt man, dass Arbeit nicht alles ist. Es herrscht in Lissabon eine Übereinkunft, dass man das Leben auch genießen und sich dafür Zeit nehmen will. Wenn das Melancholie ist, bin ich auch ein überzeugter Melancholiker.

teleschau: Wie haben Sie Ihre Freizeit dort genossen?

Tarrach: Auf eine sehr einfache, aber schöne Art. Ich ging zum Miradouro in der Nähe der Wohnung, die ich in Lissabon hatte. Miradouros sind Orte mit besonders schönen Aussichten, die es in Lissabon verschwenderisch oft gibt. Meistens existiert dort ein Kiosk, auch eine tolle Erfindung! Ich holte mir ein Bier, setzte mich auf einen Lissabon-Stuhl und genoss die Ruhe.

teleschau: Was ist ein Lissabon-Stuhl?

Tarrach: Den Begriff gibt es wahrscheinlich nicht, ich habe den einfach so genannt. Es ist ein simpler Sessel aus Metall, der überall rumsteht. Es gibt diese Dinger in allen Farben. Da sitzt man dann, trinkt ein kleines Bier und guckt auf den Sonnenuntergang. Ein kleines Glück - aber das sind ja die angenehmsten, wie man mit zunehmendem Alter weiß.

teleschau: Haben Sie eine Theorie, woher die Melancholie in Portugal kommt? Ein paar Kilometer weiter erscheinen die Spanier ja als deutlich anderer Menschenschlag ...

Tarrach: Das stimmt. Die Portugiesen können die Spanier auch nicht besonders gut leiden. Was unter anderem daran liegen mag, dass Spanier, die Portugal besuchen, wie selbstverständlich weiter Spanisch reden. Kaum einer macht sich die Mühe, die Landessprache zu lernen - was natürlich einer Beleidigung gleichkommt. Woher die Melancholie der Portugiesen kommt, ist jedoch schwierig zu sagen. Wenn ich an meinem Miradour saß und auf den Atlantik hinausblickte, dachte ich, dass es auch mit dem Ende der alten Welt zu tun haben muss.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Tarrach: Nun, man schaut aufs Meer hinaus und weiß, dass Europa hier endet. In früheren Zeiten, als Reisen noch nicht so normal war, muss das Gefühl, am Rande der Welt zu leben, sehr beeindruckend gewesen sein. Es kann einen sicher auch schwermütig machen. Zumindest bringt es die Menschen zum Nachdenken und löst Respekt aus.

teleschau: Ist die Melancholie in Lissabon auch geschichtlich bedingt?

Tarrach: Sicher spielt auch das eine Rolle. Portugal hat heute etwas mehr als zehn Millionen Einwohner, es ist also ein eher kleines Land. Früher war das anders, da war Portugal eine große Seefahrernation, die ein Weltreich regierte. Ein Teil der Melancholie kommt sicher daher, dass man diese Größe verloren hat. Den gleichen Effekt finden sie in Österreich, das eine vergleichbare Geschichte besitzt. Auch dort gibt es eine bestimmte Art des Weltschmerzes, der jedoch stärker als in Portugal mit zynischem Humor bekämpft wird. Vielleicht denke ich das aber nur, weil ich die Sprache der Österreicher besser verstehe (lacht).

teleschau: Wie schwer ist es für einen Deutschen wie Sie, einen Portugiesen zu spielen? Ist das nicht eine unheimliche Bürde, wenn man den Anspruch hat, als Schauspieler authentisch sein zu wollen?

Tarrach: Da stimme ich Ihnen voll zu: Es ist eine Bürde. Und doch ist es unser Anspruch, dieser Aufgabe gerecht zu werden. Was ist ein Portugiese? Die Menschen dort sehen nicht viel anders aus als bei uns. Sie bewegen sich ähnlich, freuen sich über und leiden unter den gleichen Dingen. Was im Vergleich zu Deutschland anders ist, ist die Lebensart. Auch die Art, wie man mit Glück und Leid umgeht. In Portugal drückt man beides deutlicher aus. Es ist ein kleiner, feiner Unterschied, den wir aber auch in den Filmen zeichnen wollen.

teleschau: Wie spiegelt sich die portugiesische Mentalität in Ihrer Figur wider?

Tarrach: Ich spiele Eduardo Silva, einen abgehalfterten Anwalt, der früher mal ein sehr erfolgreicher, knallharter Staatsanwalt war. Seine Frau ist bei einem schrecklichen Unfall ums Leben gekommen, und er lastet sich diese Schuld an. In der Gegenwart übernimmt Eduardo nun Fälle, die eigentlich kaum zu gewinnen sind. Er ist ein Gerechtigkeitsfanatiker mit einem Faible für Schmerz und Scheitern.

teleschau: Ein Mann, der sich verloren fühlt?

Tarrach: Ja, das kann man so sagen. Seine Tochter hat sich von ihm abgewandt, weil auch sie ihm eine Schuld am Tod der Mutter gibt. Eduardo lebt vereinsamt in einer Art Zwischenwelt. Er hat noch nicht mal eine eigene Wohnung, sondern lebt in einer Pension. Gebrochen wird diese Schwere durch seine junge Mitarbeiterin, die klug, ehrgeizig, aber eben auch eine Außenseiterin ist - weil sie zum Volk der Roma gehört.

teleschau: Eine junge Frau, die ein wenig die Melancholie des Alten aufbricht?

Tarrach: Ja, durchaus. Auch eine Frau, die Ambitionen hat und etwas erreichen will. Ein Merkmal meiner Figur ist ja, dass sie keinerlei Ehrgeiz mehr hat. Was Eduardo tut, macht er aus einer Getriebenheit und dem Schmerz heraus. Aber - dieser Mann will nichts mehr erreichen.

teleschau: Als Schauspieler sind Sie ebenfalls schon lange dabei. Wollen Sie denn noch etwas erreichen? Sind Sie ehrgeizig in Ihrem Beruf?

Tarrach: Als Schauspieler fällt es mir schwer, im klassischen Sinne ehrgeizig zu sein. Man kann den Erfolg viel schwerer beeinflussen als in den meisten anderen Berufen. Dafür ist man auf seinem Weg viel zu anhängig von anderen Leuten. Man kann aber in der Rolle ehrgeizig sein - und das bin ich.

teleschau: Wie äußert sich dieser Ehrgeiz bei Ihnen?

Tarrach: Ganz einfach. Ich will jede Rolle so gut spielen, wie es mir eben möglich ist. Und natürlich ist es ein Ziel, den eigenen Wünschen und Ansprüchen gerecht zu werden, wie man das echte Leben im Spiel bearbeitet und abbildet. Bei mir sieht das so aus, dass ich neben dem Filmen immer wieder Theater spiele und auch eigene, kleine Projekte vorantreibe. Da mache ich dann Chanson-Abende, Lesungen. Mit Themen, die mir wichtig sind. Ich empfinde mich als weitaus weniger verloren als es mein portugiesischer Anwalt tut (lacht).

Quelle: teleschau - der mediendienst