Transit

Transit





Unsichtbar in keiner Zeit

"Das Furchtbarste ist, dass sie dich nicht sehen in dieser Welt." - Georg (Franz Rogowski) ist ein Unsichtbarer. Auf der Flucht vor den Nazis verschlägt es ihn nach Marseille. Drei Wochen lang wartet er dort auf sein Schiff, das ihn nach Mexiko bringen soll, in die Freiheit. Drei Wochen lang wird er nicht wahrgenommen in einer Stadt, die in Christian Petzolds Berlinale-Beitrag "Transit" aussieht wie das Marseille 2018. Das mag herausfordernd klingen, ist es aber gar nicht. Man gewöhnt sich schnell an den dramaturgischen Kniff, mit dem Petzold Anna Seghers Roman aus der Nazizeit ins Jetzt holt.

Natürlich lässt sich "Transit" nicht ohne gesellschaftliche Bedeutsamkeit ansehen. Was den Film so besonders macht, ist die Art und Weise, wie er sie diskutiert. Poetisch und politisch, beides ineinander verwoben. Petzold erzählt eine Universalgeschichte, getragen von einer literarischen Sprache, wie sie selten noch im Kino zu finden ist. Jedes Wort ist wohlüberlegt, jeder Satz ist wohlformuliert, frei über den Dingen schwebend und voller Andeutungen. Vieles könnte passieren.

Man betrachtet das Jetzt durch die Vergangenheit. Und sieht die Vergangenheit im Jetzt. Die Zeit selbst hat aufgehört zu existieren. Flüchtlingsdramen haben keine zeitlichen Grenzen. Flüchtlingsdramen verdienen universell gültige Empathie. Und von "Flüchtlingskrisen" zu sprechen, ist purer Zynismus. Weil mit dem Wort allein die Solidarität der Gemeinschaft in Frage gestellt wird. Und weil mit dem Wort das Schicksal des Einzelnen egal wird. Die Menschen verschwinden in der Krisenmasse.

Georg ist zunächst ein Mann ohne Eigenschaften. Der Zufall verhilft ihm zu einer Identität, der des Schriftstellers Weidel. Der Mann beendete in einem Pariser Hotel sein Leben, Franz nimmt der verstörten Gastgeberin den Nachlass ab, den sie unbedingt loswerden will. Es ist eine Art Diebstahl, denn Franz hat sofort erkannt, dass der Haufen Papiere nicht nur ein Romanfragment enthält, sondern auch Visa-Bestätigungen für Weidel und seine Frau Marie (Paula Beer), die ihn allerdings verlassen hat.

Weil die Nazis vor den Toren der Stadt stehen, flieht Georg mit neuer Identität und seinem Freund Heinz nach Marseille. Versteckt in einem Güterzug, der für Heinz zum Grab wird. Georg kommt zwar an und ihm stehen ob der Weidel-Papiere Möglichkeiten offen, von denen andere Flüchtende nur träumen können. Doch ist er gefangen in einer Welt, die aufgehört hat das zu sein, was man real nennt.

Auf der Flucht verschwimmt alles, es gibt keine Regeln nur Ungewissheiten. Vor allem moralische. Jeder Tag ist anders, niemand weiß, was der nächste bringt. Christian Petzold lässt Georg durch drei Wochen voller Verrat und Willkür irren, voller Hoffnung und Verzweiflung. Er wird verfolgt von einer geheimnisvollen Schönen, in die er sich verliebt, aber die er nicht lieben darf.

Wer auf der Flucht ist, ist eine Randgestalt: Dass "Transit" in Marseille spielt, ist logisch. Die Stadt am Rand des Kontinents ist seit jeher ein Schmelztiegel, mehr vielleicht als jede andere Hafenstadt Europas. Hier existieren Menschen kurz und hier verschwinden sie wieder. Manchmal können sie gehen, manchmal dürfen sie nicht. Manchmal wollen sie gehen, manchmal lieber bleiben. Jeder Tag könnte das Ende sein oder der Anfang.

Quelle: teleschau - der mediendienst