Tobias Santelmann

Tobias Santelmann





Ein konfliktscheuer Haudegen

Der Mann sieht aus wie der klassische Abenteurer: Als Wikinger-Anführer Ragnar in der Serie "The Last Kingdom" führt der Schauspieler Tobias Santelmann blutverschmierte Waffen mit sich und trägt wilde Tätowierungen zu zotteligem Haupthaar und Bart. Auch in der neuen Sky-Krimiserie "Der Grenzgänger", die ab 6. April zu sehen ist, verkörpert er einen knallharten Gesetzeshüter, der ganz eigene Vorstellungen von Recht und Moral durchsetzt - notfalls mit Gewalt. Umso erstaunlicher, dass der 37-jährige Familienvater einer vierjährigen Tochter im Privatleben nicht nur die personifizierte Höflichkeit ist, sondern auch äußert konfliktscheu, wie er selbst betont. "Ich hasse Konflikte wirklich und versuche jedem Streit aus dem Weg zu gehen", sagt der Deutsch-Norweger, der als Kind von Freiburg im Breisgau aus hoch in den Norden umsiedelte. "Ich war noch nie in einem Kampf."

Natürlich muss man sorgfältig zwischen Rolle und Person unterscheiden. Selbstverständlich ist auch nicht jeder, der im Land der Fjorde lebt (Santelmann wuchs im Südwesten Norwegens, direkt an der zerklüfteten Küste auf), automatisch ein wilder Nordmann. Doch das Klischee lieben nicht zuletzt die Tourismusverbände. Und seine Rollen, darunter auch die des bärtigen Extremabenteurers in dem Oscar-nominierten norwegischen Kinostreifen "Kon-Tiki", weckt nun mal Assoziationen. Tobias Santelmann weiß damit zu spielen - und er muss bei Fragen zu seinen Wurzeln lächeln. "Ich bin in Freiburg geboren. Als ich ein Jahr war, sind wir nach Norwegen gezogen", erklärt er im Interview, das er sonst auf Englisch führt, in druckreifem Deutsch. "Meine halbe Familie ist deutsch, weil mein Vater Deutscher ist. Aber wir haben nie Deutsch zu Hause gesprochen - immer nur dann, wenn ich meine deutsche Familie getroffen habe."

Tatsächlich ist Santelmann, dessen Nachname in Oslo, wo er wohnt und arbeitet, doch auch für ein wenig Verwirrung sorgt, ein Wanderer zwischen den Welten. "Mein Englisch ist besser als mein Deutsch", sagt er über seine Vater-Sprache. "Ich verstehe eine Menge. Und kann auch ins Theater gehen und das Meiste mitbekommen. Aber ich könnte nicht über Politik diskutieren", beschreibt der Charakterdarsteller seine Deutsch-Kenntnisse. Für die Schauspielerei begann er relativ spät zu schwärmen. "Ich wusste nicht, dass ich Schauspieler werden würde, bis ich 18 war. Da stand ich das erste Mal auf der Bühne", blickt er heute zurück. "Ich dachte mir: Das macht mir Spaß. Vorher hatte ich Fußball gespielt und in Bands mitgemacht. Es gab keinen Plan B", so Tobias Santelmann. "Das ist alles, was ich kann."

Seine Entscheidung, es zunächst auf den Bühnen zu versuchen, stand dann unerschütterbar fest. "Dreimal habe ich mich an der Drama-Schule in Oslo beworben. Beim dritten Mal hat's endlich geklappt. Die nehmen pro Jahr nur acht oder zehn neue Schüler an", sagt Santelmann. "Es gab keinen Familien-Hintergrund. Niemand in meiner Familie hat jemals so etwas getan." Aber immerhin: "Ich hatte Glück: Ich bekam 100-prozentige Unterstützung von zu Hause." Sechs Jahre lang hatte er ein festes Engagement am norwegischen Staatstheater. "Dann fing's mit dem Drehen an", sagt er. Mittlerweile steht er fast ohne längere Unterbrechungen vor Kameras.

Das hat mit dem enormen Aufschwung der norwegischen Film- und Fernsehszene zu tun. Aus dem Land des sogenannten "Nordic Noir" kommen - wie auch aus den Nachbarländern Schweden und Dänemark - besonders viele, besonders gute Krimis. "Wir sind besser und besser geworden", sagt Tobias Santelmann über die heimische Filmwirtschaft. "Es ist toll, Teil dieser Bewegung zu sein", meint er. "Es macht einfach Spaß, derzeit genau das zu machen. Und es fühlt sich gut an, dass die Leute auf der ganzen Welt auf Skandinavien schauen."

Doch warum kommen so viele teilweise extrem gewalttätige und beklemmende Krimistoffe - wie eben auch die neue "Grenzgänger"-Serie - aus dem hohen Norden. "Die Düsterheit der norwegischen Serien ist Fiktion. Zum Glück ist das nicht die Realität", räumt Tobias Santelmann schmunzelnd ein. "Norweger haben einfach zwei Seiten. Der Unterschied zwischen Winter und Sommer bei uns im Land macht so viel aus. Der Winter ist wirklich zappenduster. Die Hälfte unseres Landes sieht über Monate hinweg nie die Sonne. Das führt dazu, dass man sich auf sich selbst zurückzieht, dass man depressiv wird, mit dem Trinken anfängt - und sich letztlich gegenseitig umbringt."

Die Kehrseite sind die langen Monate, an denen die Sonne fast gar nicht unterzugehen scheint. "Norwegen im Sommer ist etwas ganz anders. Plötzlich reden alle Menschen miteinander. Während der Winter sind wir asoziale Leute. Wir sind einfach nicht in der Lage, selbst mit den nächsten Menschen um uns herum zu sprechen", sagt Santelmann. "Wenn man an einer Bushalte-Stelle im Winter steht, würden dich die Leute für verrückt halten und auf Abstand gehen, wenn du plötzlich versuchen würdest, mit ihnen zu sprechen. Wenn man das im Sommer macht, sind die Chancen groß, dass man eine tolle Nacht zusammen verbringt."

Ist Schauspielerei - ein Beruf, deren Protagonisten man gemeinhin eine gewisse Rede- und Kontaktfreudigkeit unterstellt - also ein gefährlicher Beruf im winterlichen Norwegen? Tobias Santelmann muss lachen. "Natürlich übertreibe ich ein wenig. Die Energie im Land ist im Sommer einfach so anders", antwortet er. Tatsächlich sieht er auch einen zweiten, möglicherweise profaneren Grund für den Boom des düsteren Film- und Fernsehschaffens in seiner Region. "In Norwegen zu leben ist einfach wunderschön. Unsere Städte führen regelmäßig auf den Zufriedenheits-Rankings, wo die Menschen besonders glücklich sind", sagt er. "Serien über Leute zu drehen, die alles haben und die mit ihrem Leben zufrieden sind, wären sicher nicht besonders aufregend." Santelmanns Theorie: "Wir müssen dem einfach etwas entgegensetzen. Und das ist vermutlich das Dunkle in unseren Serien und Filmen."

In der Sky-Serie, die mit ihren acht Folgen ab 6. April ausgestrahlt wird, spielt Tobias Santelmann einen Ermittler namens Nikolai Andreassen mit Licht- und Schattenseiten - in einer erneut ziemlich finsteren Story. "Der Grenzgänger' ist von der Action her nicht wirklich hart, aber die Dramaturgie wirkt möglicherweise latent bedrohlich und verunsichernd", erklärt er. "Wir haben versucht, die Story so anzulegen, dass die Leute der Geschichte folgen können und dass sie ihr glauben. Wenn jemand stirbt, muss der Mörder kein Monster sein", so Santelmann. "Wir wollten, dass die Leute die Entscheidungen der Handelnden verstehen können."

Die Vielschichtigkeit seiner Rolle ist ihm aus nachvollziehbaren Gründen sehr wichtig. "Leute machen Fehler, sie treffen die falschen Entscheidungen. Und dann versuchen sie, ihre Spuren zu vertuschen und ihre Entscheidungen zu verbergen", erklärt der Schauspieler. "In der Serie geht es um Leute, die wirklich echte Böcke geschossen haben - und das zu vertuschen versuchen. Das kann ich gut nachvollziehen. Es geht nicht um das sprichwörtliche Böse, es geht um Menschen, die versuchen zu überleben", so Tobias Santelmann. "Nikolai versucht den Menschen zu helfen, die ihm am nähesten stehen."

Im Kern der Serie steht tatsächlich ein moralisches Dilemma - und eine harte Probe auf die Loyalitäten eines Polizeioffiziers. "Wen würde man schützen? Und wie weit würde man gehen, die Leute zu schützen, die einem am wichtigsten sind", beschreibt Santelmann die Grundfrage der Serie. "Deswegen hat mir die Rolle so gut gefallen, als sie mir angeboten wurde. Nikolai versucht eine Mordermittlung zu sabotieren, die er in der ersten Folge selbst eröffnet hat."

Kurioserweise spielt er in "Der Grenzgänger" einen Kommissar, der selbst "schauspielern" muss, um seine Karten nah am Körper zu halten. "Wir alle spielen doch jederzeit - im Privatleben", sagt Santelmann. "Jeder erfüllt seine Rollen, auch zu Hause oder in der Arbeit. Was wirklich in uns vorgeht, trauen wir uns doch alle nicht nach außen zu kehren, weil wir verletzlich sind", so der Schauspieler. "Wenn ich mich mit einer Rolle beschäftige, versuche ich immer als erstes herauszufinden, ab welchem Punkt ein Charakter mit dem Lügen beginnt - und was er damit erreichen möchte."

Bei seiner "Grenzgänger"-Rolle musste er sich nicht lange verstecken, weil die Zuschauer aller Geheimnistuerei der Rolle von Anfang an selbst durchschauen kann. "Bei Nikolai weiß man in jedem Moment, was er alles zu verstecken versucht. Er ist ein geübter Lügner", sagt Santelmann. "Er hat schon von Kindheit an, Sachen zurückgehalten - unter anderem die Wahrheit über seine eigene Sexualität." Ihm persönlich sind Versteckspiele im Privaten dagegen suspekt. "Ich bin keine Drama-Persönlichkeit", sagt Santelmann über sich selbst. "Ich bin nicht der Typ, der das große Drama um sein Leben macht."

Seine wilde Wikinger-Rolle in "The Last Kingdom" kann er daher mit augenzwinkernder Distanz sehen. "Das wäre mein Kinder-Traum gewesen. Als Zehnjährige hätte ich es absolut geliebt. Ich bin mit wie ein Wilder durch die Wälder gerannt, stundenlang - mit einem Holz in der Hand, von dem ich sicher war, es wäre ein Schwert", blickt Tobias Santelmann auf sein Aufwachsen auf dem Land zurück. Außerdem: "Ich kann einfach nicht privat mit einem Riesen-Tatoo auf meiner Stirn herumlaufen. Das würde nicht funktionieren", scherzt er. "Mein Leben würde den langweiligsten Film der Welt abgeben. Ich wache üblicherweise zufrieden auf. Und ich schlafe gut und schnell ein."

Die Pilotfolge der Serie ist am 6. April ab etwa 10 Uhr frei empfangbar auf www.sky.de/grenzgaenger sowie ab 6. April immer freitags, 20.15 Uhr, in Doppelfolgen auf Sky Atlantic HD zu sehen. Parallel ist sie auch auf Sky On Demand, Sky Go und Sky Ticket verfügbar.

Quelle: teleschau - der mediendienst