Anna von Haebler

Anna von Haebler





Leben mit Hochstatus

Es gibt junge Frauen, für die wurde der Begriff "höhere Tochter" quasi erfunden. Ein Titel, den niemand gerne trägt - weil er nahelegt, dass einem alles in die Wiege gelegt wurde. Was wiederum impliziert: Diese Person musste sich nie im Leben anstrengen. Anna von Haebler erfüllt sämtliche Äußerlichkeiten einer höheren Tochter. Sie ist attraktiv, blond, groß und auch noch eine "von". "Das ist nichts Besonderes", lacht sie. "Der Name stammt aus der Oberlausitz. Mein Ururgroßvater hatte dort eine Garnfabrik. In meiner Familie hatte das wenig Bedeutung." Mit 30 Jahren spielt die Göttingerin in der neuen ZDF-Vorabendserie "SOKO Hamburg" (ab Dienstag, 27. März, 18 Uhr) ihre erste Serienhauptrolle. Wer Anna von Haebler kennenlernt, begreift schnell, dass ihr Schauspielerleben komplexer ist, als es das Klischee vermuten lässt. Nun müsste das Fernsehen bei dieser Erkenntnis nur noch mitspielen.

"An der Schauspielschule habe ich mich immer sehr danach gesehnt, mal Tiefstatus zu spielen", sagt Anna von Haebler. "Das sind Rollen, die nicht die Bestimmer sind. Doch man hat mich immer im Hochstatus besetzt. Und ich wünschte mir doch so sehr, auch meine schwachen Seiten im Spiel zeigen zu dürfen", lacht sie. Fast klingt dieses Lachen ein bisschen sehnsüchtig. Dann aber greift bei der 30-Jährigen eine Art Korrektiv, das sie wohl auch ihre letzten, gut zehn Jahre im Schauspielberuf überleben ließ. "Mittlerweile macht es mir richtig Spaß, starke Filmfrauen vielschichtig und emotional in der Darstellung zu verfeinern", sagt von Haebler. "Ich habe irgendwann gelernt, das es auch Spaß machen kann, in dem Bereich weiterzuarbeiten, den man eh schon gut kann. Oder diese Art Rollen zu verfeinern."

In ihrem neuen Part als Kommissarin eines 45 Minuten langen Vorabendformats wird sie tatsächlich sehr fein arbeiten müssen, damit der Zuschauer über ihre optische Präsenz und übliche Fragen der Kragenweite: "Wo waren Sie gestern gegen 23 Uhr?" hinaus etwas von ihrer Schauspielkunst mitbekommt. "Klar", sagt sie. "In 45 Minuten müssen Fälle gelöst werden. Da ist nicht viel Zeit oder Gelegenheit, ein Rollenprofil zu schärfen. Ich probiere, so viel es geht herauszuholen."

Richtig unglücklich scheint sie darüber nicht zu sein, schließlich hat sich Anna von Haebler bewusst dafür entschieden, die "SOKO Hamburg" als Karrieresprungbrett zu nutzen. Sechs 45 Minuten lange Folgen drehte sie mit ihren Kollegen zwischen Oktober und Dezember 2017 - in Hamburg, Lübeck und im Alten Land. Dass es danach weitergeht, ist anzunehmen. Bis zu viereinhalb Millionen Zuschauer schalten regelmäßig bei der erfolgreichen ZDF-Vorabendmarke "SOKO" ein. Dafür gibt man schon mal - vorübergehend - das Familienleben in Berlin auf, wo Anna von Haebler mit ihrem Partner, ebenfalls Schauspieler, und einer fünfjährigen Tochter lebt.

Von Haebler ist alles andere als eine Bildschirmnovizin. In der Kölner "Tatort"-Episode "Benutzt" spielte sie Ende 2015 so eindrücklich eine Ermittlerin, dass die einschlägigen Medien am Folgetag mit Artikeln der Marke: "Wer war die schöne Ermittlerin?" aufwarteten. Auch andere Rollen gehorchten dem blonden "Hochstatus"-Klischee: Von Haebler spielte eine Antagonistin, also die böse Konkurrentin der Heldin, im Inga Lindström-Film "Kochbuch der Liebe". Sie war Jonas Nays alte Dorfliebe im Film "Vadder, Kutter, Sohn" - die Dorfpolizistin - oder eine junge Stiefmutter in der Serie "Club der roten Bänder".

Immer wieder gab es Rollen für die Göttingerin, aber eine Hauptrolle war nicht dabei. Was dazu führte, dass sich damals fast 30-Jährige zum Jahreswechsel 2016/17 vornahm: Im neuen Jahr müsse mal eine zentrale Figur gespielt werden. "Da die SOKO-Rolle in erst spät im Jahr 2017 stattfand, sagte mir mein Aberglaube, dass dies die Erfüllung meines Wunsches sein musste. Allein deshalb musste ich das machen", lacht sie.

Bis zur aktuellen SOKO-Zäsur legte Anna von Haebler eine Karriere hin, die irgendwie typisch "Hochstatus" zu sein scheint: Sie stammt aus einem bildungsnahen Elternhaus. Ihr Vater ist klassischer Musiker, Cellist. Die Mutter arbeitet Musiklehrerin. Von vier Geschwistern entschied sich allerdings nur Anna, die Zweitälteste, für die Schauspielerei. Grund war ein Fach namens "Darstellendes Spiel" an ihrem Göttinger Gymnasium.

"Ich war immer ganz gut in der Schule", sagt sie "aber in diesem Fach war ich eben besonders gut. Es kostete mich keinerlei Mühe und machte immer Spaß. Da war es eine einfache Entscheidung, mich nach dem Abi an Schauspielschulen zu bewerben." Dass es mit der Berliner "UdK "gleich bei der ersten Schule klappte, die nach Annas Abi schon im Sommersemester eine neue Schauspielklasse anbot, sorgte für einen "nahtlosen Übergang" vom Gymnasium zur staatlichen Schauspielschule. Danach folgte ein zweijähriges Engagement am Theater Osnabrück.

Wahrscheinlich wäre diese Standardkarriere so ähnlich weitergegangen: Ein paar Jahre Theater hier, ein paar Jahr da. Mit 25 wurde sie jedoch überraschend schwanger, woraufhin von Haebler ihr festes Engagement beendete und von Berlin aus begann, als freie Schauspielerin zu arbeiten. "Viele suggerierten mir damals, dass es so jung und mit Kind sehr schwierig werden würde, die Karriere überhaupt fortzusetzen. Vor allem am Theater wurde mir dieses Gefühl gegeben." Ihre eigene Erfahrung lehrte sie eher das Gegenteil. "Ich bin dadurch gereift, gewachsen und habe eine gute Balance zwischen meiner Arbeit und dem übrigen Leben gefunden. Ich glaube, es hat mich aus als Schauspielerin besser werden lassen."

Tatsächlich besitzt Anna von Haebler in vielen ihrer Rollen jenes besondere Etwas, das sie von der attraktiven Standard-Blondine unterscheidet. Von Haebler ist nicht laut, auch nicht divenhaft. Für eine junge Frau ihres Typs ist sie manchmal auf eine fast schon burschikose Art durchlässig. Sie macht den Eindruck, als hätte sie schon ein paar Schattenseiten des Lebens gesehen. Dass man nicht ahnt, welche das sein könnten, verleiht der 30-Jährigen ein attraktives Geheimnis, welches dafür sorgt, dass man ihr gerne zusieht. Nun müssten nur noch "Räume" geschaffen werden, in denen man dies auch sieht. In der "SOKO", da hat auch von Haebler keine Illusionen, sind diese Chancen rar. Anna von Haebler - eine durchaus besondere "höhere Tochter" - hätte es verdient, mehr von ihrem Talent zeigen zu dürfen.

Quelle: teleschau - der mediendienst