Rea Garvey

Rea Garvey





Den Hintern hoch und sich trauen ...

Drei Jahre sind seit der letzten Platte von Rea Garvey vergangen. Damals schaffte er es bis auf Platz 2 der deutschen Albumcharts - seine bisher höchste Platzierung! Mit "Neon" (VÖ: 23.03.), das in Island und Dublin entstand, meldet sich der irische Songwriter und Sänger nun zurück. Zum Interview bittet Garvey ins familieneigenen Management-Büro in Berlin, das von den bisherigen Erfolgen des 44-jährigen Künstlers erzählt: An den Wänden hängen Goldene Schallplatten, die Regale zieren viele Preise und Auszeichnungen. Aber ein bisschen Platz wäre da noch ...

teleschau: Mr. Garvey, gab es eine Art Grundidee für "Neon"?

Rea Garvey: Auf dem letzten Album "Prisma" war ich sehr kritisch. Ich hatte das Gefühl, dass ich ganz schön polarisiert habe. Mit dieser Platte will ich weniger kritisch sein, sondern Menschen inspirieren. Ich habe mich von der Musik führen lassen und 60 oder 70 Lieder geschrieben. Irgendwann war mir klar, dass ich weniger das machen will, was andere von mir erwarten und mehr das, was ich selbst liebe.

teleschau: War das in der Vergangenheit nicht immer der Fall?

Garvey: Es ist manchmal nicht ganz einfach. Als Musiker sollte man sich frei fühlen, aber oft tappt man in die Falle, den Erfolg zu bedienen oder sein eigenes Leben. Doch wenn man so weitermacht, erkennt man sich irgendwann selbst nicht mehr. Ich sehe das auch in meinem Freundeskreis: Viele leiden, weil sie sich selbst verbiegen, aber eigentlich doch mehr vom Leben wollen. Und das steht ihnen ja auch zu. Man muss sich wirklich immer wieder fragen: Wer bin ich? Und was macht mich glücklich?

teleschau: Und derzeit fühlt es sich gut an?

Garvey: Momentan bin ich voller Selbstvertrauen. Ich bin entspannter denn je - sowohl menschlich als auch mit dem, was ich musikalisch mache. Und ich bin ein Riesenfan von all den Leuten, mit denen ich für die Platte zusammenarbeiten durfte.

teleschau: Produziert wurde das Album von dem 29-jährigen Hannoveraner Abaz, der bisher mit so harten Jungs wie Massiv, Haftbefehl und Kollegah zusammengearbeitet hat. Eine ungewöhnliche Wahl für einen irischen Songwriter ...

Garvey: Ich wusste natürlich, dass er viel mit Beats macht. Und dass er in dem HipHop-Genre respektiert und quasi im Kommen ist. Er hatte im letzten Jahr viel Erfolg. Ich bin ihm begegnet, als das gerade angefangen hat. Und ich glaube, es war genau der richtige Zeitpunkt, weil wir beide Bock auf die Idee einer Zusammenarbeit hatten. Abaz experimentiert auch gern. Das war vom Gefühl her so wie die Kollaboration von Nelly Furtado und Timberland. Keiner hätte die Zwei jemals zusammengepackt, aber da war halt Magie. Zwischen Abaz und mir war ebenfalls Magie. Abaz und ich haben aber nicht nur unsere Musik, sondern auch Freundschaft gefunden.

teleschau: Waren Sie versucht, selbst zu rappen oder rhythmischer zu singen?

Garvey: Nein, aber ich glaube schon, dass Rap-Musik mich inspiriert hat, indem ich aus meiner Komfortzone rausgekommen bin. Ich komme zwar nicht aus der Bronx. Ich komme aus Irland und mache Rockmusik. Aber Rap ist für alle da! Es gibt immerhin einen Satz auf der Platte, von dem ich behaupten würde, er sei Rap - weil ich an die Zeile glaube und sie eine bestimmte Attitüde hat. Sie fängt an mit "Life is too short for largest regrets ..." Darum geht es auch im Refrain: Jeder Moment zählt. Genieß es. Trau dich, Fehler zu machen. Und fuck Google. Ich will nicht, dass Technologie mein Leben bestimmt.

teleschau: Ihre Songs sollen also ermutigen?

Garvey: Absolut! Das Schöne ist, dass die Musik und die Beats bei aller Melancholie auch euphorische und positive Momente haben - dass man trotzdem diese Energie des Wiederaufstehens bekommt. Das ist das, was ich meinte, wenn ich davon sprach, mit der Platte andere Leute inspirieren zu wollen. Sie sollen sagen: "Yes, it is a beautiful life."

teleschau: Der deutsche Rapper Kool Savas ist in der Single "Is It Love?" zu hören. Kam der Kontakt durch Abaz zustande?

Garvey: Es hat mehrere Begegnungen mit ihm gegeben. Aber klar, Savas ist ein sehr guter Freund von Abaz. Savas hatte das Lied gehört, und er sagte dann irgendwann: "Ey, ich mach jetzt einfach mit!" Ich war natürlich begeistert und fühlte mich auch ein bisschen geehrt, weil Savas echt der Papst der Rapper in Deutschland ist. Dass er mitmachen wollte, war für mich das größte Kompliment überhaupt. Und er hat eine Perspektive, die anders ist als meine. Savas ist viel urbaner unterwegs. Das hat das Lied dann auch stärker gemacht.

teleschau: Angeblich soll der Song inhaltlich die #metoo-Bewegung auffangen. Sind Sie Feminist?

Garvey: Nein, gar nicht. Ich finde eher, dass wir das Geschlecht nicht nutzen sollten, um eine Argumentation zu führen. Wir müssen Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht sehen. Ihre Kompetenzen sind viel wichtiger. Dafür bedarf es aber auch einer anderen Kultur. Wir sollten erst mal unsere Kinder dahingehend erziehen, dass Männer und Frauen absolut gleichwertig sind. Ich habe das bei meiner Schwester gesehen, die mich ja auch auf Tour begleitet. Wie viel sie machen muss, um weiterzukommen und wie respektlos sie manchmal behandelt wird, gab mir zu denken. Aber ganz ehrlich: Wenn jemand bereit ist, einem Mann mehr zu bezahlen, der weniger kompetent ist als eine Frau, ist der doch eigentlich ziemlich dumm.

teleschau: Sie sind seit 20 Jahren in Deutschland. Wäre es da nicht an der Zeit, auch mal auf Deutsch zu singen?

Garvey: Es gibt das eine oder andere deutsche Lied, das ich schon gesungen habe und auch liebe. Ich habe auch nichts dagegen. Aber meine Einstellung ist, dass es so viele andere gibt, die es so viel besser machen können. Warum soll ich es dann machen? Aber warten wir mal ab, was die fünfte Staffel von "Sing meinen Song" so bringt ...

teleschau: Sie sind dort bald neben Mary Roos, Judith Holofernes, Johannes Strate, Leslie Clio und Marian Gold von Alphaville zu sehen.

Garvey: Genau. Ich wehre mich nicht aus dem Grund gegen deutschsprachige Songs, weil ich denke, ich kann das nicht. Ich denke halt nur für mich beruflich, - beruflich klingt immer so formal -, aber für mich als Musiker, ist es die Frage, ob das Sinn macht. Deswegen sag ich dir hier und jetzt: Es wird keine deutsche Platte von mir geben in den nächsten zehn Jahren.

teleschau: Ist es für Sie als Ire befremdlich, wenn Sie deutsche Musik hören? Denken Sie manchmal noch: Das klingt aber anders als Iren oder Engländer das machen würden?

Garvey: Ich finde, es gibt wenig deutsche Musik aus den letzten zehn Jahren, die mir wirklich gut gefällt. Ich mag Kraftklub, das ist eine der wenigen Ausnahmen, die machen guten Punkrock. Es macht Spaß, ihnen zuzuschauen. Herbert Grönemeyer spielt mir immer ins Herz, auch wenn ich nicht immer verstehe, was er sagen will. Und wenn Xavier Naidoo singt, der wirklich einer meiner engsten Freunde ist, fange ich an zu weinen. Toll finde ich aber auch die Erfolgsgeschichte von Max Giesinger, der mit seinem Deutsch-Gesang schon bei "The Voice of Germany" überzeugte. Ich habe ihm auf seinem Weg vom unbekannten bis zum erfolgreichen Künstler, nach vielen Jahren harter Arbeit, sehr gerne zugeschaut.

teleschau: Wie sehen Sie Ihrer Teilnahme bei "Sing meinen Song" ab 24. April bei VOX entgegen?

Ich habe total Bock drauf. Ich werde das schon rocken. Und wenn es zu emotional wird, verstecke ich mich hinter der Couch. Ich mag an der Sendung, dass Musik im Mittelpunkt steht. Und diesmal stimmt das Timing, denn sie hatten mich davor schon einige Male gefragt, aber da passte es bei mir nicht.

teleschau: Müssen Sie sich oft kneifen vor Glück, dass die Erfolgskurve für Sie nach Reamonn nie aufgehört hat?

Garvey: Schon, aber ich arbeite auch sehr hart dafür. Ich bin niemand, der etwas Unausgegorenes präsentiert. Wenn ich etwas erreichen will, muss ich den Hintern hochkriegen und abliefern. Ich habe zwei Jahre an diesem Album gearbeitet. Diese Herangehensweise macht mein Leben sehr viel leichter. Es ist besser, nicht immer die ganz großen Erwartungen zu haben, was alles mit einer Platte passieren muss.

teleschau. Seit acht Jahren sind Sie nun schon als Solo-Künstler unterwegs. Fühlt sich die Zeit mit Reamonn wie ein anderes Leben an?

Garvey: Reamonn gehört schon noch zu mir. Ich bin so erfolgreich als Solo-Künstler, weil ich auch der Sänger von Reamonn war. Und es war auch eine sehr tolle Zeit, in der ich alles machen konnte, wovon ich geträumt habe. Ich habe den Traum, Rockstar zu sein, total gelebt und genossen. Reamonn waren lange eine tolle Band, die aus besten Freunden bestand. Es ist am Ende leider nicht gut ausgegangen, aber das akzeptiere ich.

teleschau: Erst kürzlich haben Sie eine Umfrage auf Ihrer Facebook-Seite gemacht, welche Songs Sie bei einer Live-Session spielen sollten. "Supergirl", der erste Reamonn-Hit, war auf dem ersten Platz. Haben Sie den Ehrgeiz, es irgendwann zu schaffen, den Uralt-Klassiker vom Thron zu stoßen?

Garvey: Nein, überhaupt nicht. Ich bin so stolz, dass wir eines dieser Lieder geschrieben haben, die 20 Jahre später immer noch so beliebt sind. Es wird schwer, ein Stück zu schreiben, das größer ist als "Supergirl", denn das müsste erst mal 20 Jahre bestehen. Es ist doch der Wahnsinn, so etwas überhaupt ein Mal zu schaffen im Leben! Lustig ist an den Liedern: Was "Supergirl" für Deutschland ist, ist "Tonight" für Griechenland und "Star" für Portugal. Aber ich liebe "Supergirl" und spiele es immer noch unglaublich gerne live. Die ersten vier Jahre nach der Trennung von Reamonn verzichtete ich darauf aus Respekt vor den anderen. Aber mittlerweile ist so viel Zeit vergangen. Wenn ich Bock habe, spiele ich es ... immer wieder.

Quelle: teleschau - der mediendienst