Anna Maria Mühe

Anna Maria Mühe





Plötzlich Kommissarin ...

Sie hat sich lange geziert. Nachdem im November 2016 zwei ZDF-Krimis in rascher Folge vom Leben und den Morden der Lübecker Ermittlerin Nora Weiss berichteten, war lange unklar, ob aus dem Krimi mit Anna Maria Mühe eine Fortsetzungsgeschichte wird. Mit dem dritten Film "Solo für Weiss: Es ist nicht vorbei" (Montag, 5. März, 20.15 Uhr, ZDF) wird nun bestätigt: Auch die 32-jährige Tochter der verstorbenen Schauspiel-Granden Ulrich Mühe und Jenny Gröllmann geht unter die regelmäßigen TV-Ermittler. Ein Gespräch über die deutsche Krimiflut, den Realismus "unterkühlter" Kommissare und Mühes Umgang mit körperlicher Nacktheit auf Drehbuchseiten.

teleschau: Statistisch betrachtet sind zwei Drittel der gegenwärtig produzierten ZDF-Fiction Krimis. Bleibt einem da als Schauspielerin fast nichts anderes mehr übrig, als Kommissarin zu werden?

Anna Maria Mühe: Ich habe nichts gegen einen gut gemachten Krimi. Natürlich hätten wir Schauspieler gern eine größere Vielfalt an Genres - was die produzierten Fernsehfilme betrifft. Da denken wir wahrscheinlich ähnlich wie die Kritiker. Andererseits muss man auch das Gesetz von Angebot und Nachfrage akzeptieren: Krimis laufen nun mal sehr erfolgreich. Aber ich habe mich zum Beispiel lange gegen eine "Tatort"-Rolle gewehrt.

teleschau: Ach, da hatten Sie auch Angebote?

Anna Maria Mühe: Ja, aber das war mir zeitlich zu besetzt. Ich hätte zwei Filme pro Jahr drehen müssen. Bei "Solo für Weiss" ist es nur einer. Mir ist es wichtig, neben einer festen Rolle weiterhin viele andere spielen zu können. Dazu kommt, dass ich die Figur der Nora Weiss von Anfang an mit entwickeln konnte.

teleschau: Was ist das Besondere an dieser Kommissarin?

Anna Maria Mühe: Sie hat eine klare Haltung und trotzdem ein Geheimnis. Man weiß nie, was bei ihr im Kopf vorgeht. Dazu kommt, dass sie schneller ist als die meisten anderen: schneller im Kopf, schneller im Handeln. Und sie macht alles am liebsten alleine - daher der Titel "Solo für Weiss".

teleschau: Sie ist aber auch ein ziemlich unterkühlter Charakter. Ist das nicht recht undankbar für eine Schauspielerin?

Anna Maria Mühe: Man könnte es auch als Vorteil betrachten, jemand sein zu dürfen, dem seine Emotionalität nicht im Wege steht. Dies trifft ja nicht auf allzu viele Menschen zu. Es ist interessant, sich in jemanden reinzudenken, der logischer handeln und entscheiden kann als andere.

teleschau: Passt diese Kühle zur nordischen Landschaft, in der dieser Krimi spielt?

Anna Maria Mühe: Ich mag die Kühle des Looks und der Atmosphäre, weil sie für mich vor allem für Klarheit steht. Kühl heißt nicht, dass mein Charakter schroff ist. Wer von Nora Weiss befragt wird, denkt sich vielleicht: "Ist die jetzt unfreundlich?" Nein, ist sie nicht. Aber eben auch nicht freundlich. Das Neutrale, Sachliche gibt mir als Schauspielerin - gerade in einer Reihe - auf lange Sicht die Möglichkeit, unter dieser Sachlichkeit liegende Gefühle fein dosiert zu entwickeln und auch zu zeigen.

teleschau: Warum gibt es eigentlich so viele unterkühlte Ermittler in TV-Krimis? Ist das realistisch, wenn man sich die tatsächliche Polizeiarbeit anschaut?

Anna Maria Mühe: Ich habe immer wieder mit echten Ermittlern gesprochen, um mich auf Rollen vorzubereiten. Die erzählen oft, dass sie derart heftige Sachen erleben, dass sie alles Berufliche zu Hause abspalten und nichts oder wenig von ihrer Arbeit erzählen. Daraus resultiert vielleicht auch etwas, das wie Sachlichkeit wirkt. Eine Sachlichkeit aus dem Schock heraus - oder zumindest eine, die den Ermittler selbst und sein privates Umfeld schützen soll.

teleschau: Auch Schauspieler ist emotional aufwühlender Beruf. Sind Sie jemand, der nach einem langen Drehtag alleine sein will? Oder müssen Sie mit Ihren Kollegen gemeinsam am Abend "runterkommen"?

Anna Maria Mühe: Kommt auf das Projekt an. Bei "Solo für Weiss" kann ich abends tatsächlich abschalten und auch noch etwas trinken gehen. Beim NSU-Film, in dem ich Beate Zschäpe spielte, ging das überhaupt nicht. Da musste ich für mich sein, um mit der Wucht der Rolle klarzukommen. Durch das reale Jena zu ziehen und rechte Parolen zu grölen, davon musste ich mich abends erholen. Das ging nicht mit anderen zusammen.

teleschau: Gibt es Themen oder Situationen beim Dreh, die Ihnen immer wieder besonders nahegehen?

Anna Maria Mühe: Es sind nicht unbedingt Themen. Oft sind es Momente oder Menschen. Im aktuellen "Solo für Weiss"-Film gibt es am Ende eine emotionale Szene mit André Hennicke und Linda Wendel. Beide haben mich beim Spielen so berührt, dass ich mich beim Drehen darauf konzentrieren musste, nicht loszuheulen. Aber das hat weniger mit bestimmten Themen zu tun. Es ist einfach die Qualität des Spiels einzelner Kollegen, die mich manchmal richtig mitnimmt.

teleschau: Gibt es Tabus oder Grenzen für Sie? Dinge, die Sie im Film nicht tun würden?

Anna Maria Mühe: Nein, nicht von vornherein. Beim NSU-Film dachte ich anfangs: "Klar, das spiele ich auf jeden Fall. Eine tolle Rolle." In der Vorbereitung merkte ich, dass ich da eine Grenze überschreiten muss. Dazu kam der Druck von außen. Ich wusste, Deutschland guckt da drauf. Ich trage eine große Verantwortung. Ansonsten kommt es stets drauf an, wie Dinge eingebunden werden.

teleschau: Hätten Sie beispielsweise Probleme, nackt zu spielen?

Anna Maria Mühe: Bei "Novemberkind" gab es eine Szene, da rannte meine Figur nackt ins Wasser. Und diese Nacktheit war in diesem Moment auch psychologisch wichtig. Anders ist es bei Liebesszenen. Da gibt es welche, die sind viel schöner und intimer, wenn man wenig sieht. Manchmal wird aber auch von Liebe erzählt, wo es um den harten körperlichen Akt geht. Da ist es dann vielleicht auch wichtig, etwas zu zeigen.

teleschau: Steht im Drehbuch bereits drin, wie viel in einer Szene zu sehen sein soll?

Anna Maria Mühe: Meistens ja. Aber selbst wenn nicht, es gibt im Vorfeld immer Gespräche, wie eine Szene angelegt ist und wie sie aussehen soll. Ich wurde noch nie am Drehtag von der plötzlichen Anweisung des Regisseurs überrascht, mich ausziehen zu müssen.

teleschau: Wenn Sie sich neben dem ZDF-Krimi Zeit für andere Projekte im Jahr freihalten wollen - von welchen Projekten träumen Sie?

Anna Maria Mühe: Ich würde gern mal Theater spielen - was ich ja noch nie gemacht habe. Da bräuchte es natürlich einen Regisseur, der Lust hat, mit mir zu arbeiten. Es wäre für mich auf jeden Fall spannend zu erforschen, ob das mit der Bühne und mir gehen kann. Oder ob man gemeinsam zu dem Schluss kommt: "Bleib lieber vor der Kamera" (lacht).

teleschau: Sind Sie selbstbewusst, was Ihre eigene schauspielerische Leistung betrifft?

Anna Maria Mühe: Nein, ich kann mich selbst nur schwer ertragen im Film. Ich sehe dann vor allem Dinge, die ich hätte besser machen können. In der Regel gucke ich jeden meiner Filme nur einmal an.

teleschau: Wissen Sie, was genau Sie an sich selbst stört?

Anna Maria Mühe: Ich glaube, es ist ein bestimmter Vergleich. Wenn ich eine Szene sehe, denke ich an die Intensität des Gefühls zurück, das ich empfand, als ich die Szene spielte. Ich erinnere mich an diesen Moment und finde, dass man im fertigen Film von dieser Intensität kaum etwas sieht. Eventuell ist mein Anspruch zu hoch. Vielleicht kann es nach außen nie so heftig sein, wie es sich innen anfühlte.

teleschau: Können Sie Lob annehmen und - wenn ja - von wem?

Anna Maria Mühe: Ja, das kann ich. Von meiner Familie und guten Freundinnen. Hannah Herzsprung ist zum Beispiel eine meiner engsten Freundinnen und dazu Schauspielerin. Ihrem Urteil traue ich.

Quelle: teleschau - der mediendienst