Volker Schlöndorff

Volker Schlöndorff





"Wie ein schieres Wunder"

Literaturverfilmungen, mit denen er teils schwierige Werke einem breiten Kinopublikum näherbrachte, sind Volker Schlöndorffs Markenzeichen. Spätestens mit der Verfilmung des Günter-Grass-Romans "Die Blechtrommel" wurde er international berühmt, der Film von 1979 gewann die Goldene Palme in Cannes und den Oscar als bester nicht englischsprachiger Film. Schon Schlöndorffs Erstling, "Der junge Törless" nach Robert Musils Romanvorlage, eine Parabel von Macht und Unterdrückung, beeindruckte bis heute Publikum und Kritik. Mit der TV-Verfilmung des Friedrich-Ani-Krimis "Der namenlose Tag" (Deutscher Krimipreis) macht der Regisseur nach der internationalen Kinokoproduktion "Rückkehr nach Montauk" wieder einen Ausflug in die Literatur, diesmal in die Welt des Krimis. Das ZDF zeigt den Film am Montag, 5. Februar, 20.15 Uhr.

teleschau: Herr Schlöndorff, was hat Sie dazu bewegt, mit "Der namenlose Tag" von Friedrich Ani erstmals einen Krimi zu verfilmen? Es ist ja diesmal nicht unbedingt Weltliteratur, eher ein spannender Lesestoff.

Volker Schlöndorff: Ich habe zum ersten Mal einen Ani-Roman gelesen, und ich war sofort begeistert. Vor allem die Hauptperson, dieser melancholische, eher leise Kommissar, dessen selbst gewählter Job es auch in seinem Ruhestand noch immer ist, Todesnachrichten zu überbringen, hat mich fasziniert. Dieser Kommissar, den im Film Thomas Thieme spielt, bewahrt ein Geheimnis. Man weiß nicht, ob er Tröster der Zurückgebliebenen ist, oder ob er sich womöglich an deren Unglück weidet.

teleschau: Es geht um eine Frau, die sich das Leben nimmt, nachdem vor wenigen Jahren ihre Tochter auf ungeklärte Weise starb. Ihr Mann gibt dem Kommissar die Schuld, er habe damals den Täter nicht gefasst.

Schlöndorff: Ja. Ani schafft es, dass man sich für Menschen interessiert, die einen sonst nicht interessieren. Die Einsamkeit, die er sowohl bei den Menschen aus der Vorstadt als auch bei seinem Kommissar beschreibt, ist berührend. Das ist beobachtet, kein Plastik, wie man es sonst bei Fernsehkommissaren so oft vorgesetzt bekommt. Auch Ani selbst, den ich später getroffen habe, ist ja einer, der sich selber aussetzt. Einer, den alle gerne zum Beichtvater nehmen.

teleschau: Es geht um Suizid aus Einsamkeit, aus Sprachlosigkeit innerhalb einer Familie, aber auch unter Gleichaltrigen in der Schule. Esther, die Tochter, die sich wohl das Leben nahm, wurde ausgegrenzt. Es wurden Gerüchte verbreitet, sie werde vom eigenen Vater behelligt.

Schlöndorff: Sie flieht nach draußen, sie sucht Auswege aus ihrer Einsamkeit. Esther erinnert mich in ihrer Situation an Heinrich Bölls Katharina Blum, die abends ziellos mit dem Auto durch die Gegend fährt, die Angst davor hat, zu Hause vor dem Fernseher zu sitzen und sich zu betrinken.

teleschau: Das klingt nicht so, als wollten sie einen Krimi drehen, in dem es vor allem um die Suche nach dem Täter geht.

Schlöndorff: Tatsächlich hatte ich Angst davor, das sei alles nicht kriminal genug. Ich fragte mich, wo soll hier die Spannung herkommen? Aber ich habe mich dann doch überzeugen lassen - auch vom Inhalt des Buches selbst.

teleschau: Sie haben immer wieder - mit viel Erfolg - literarische Werke verfilmt. Woher kommt diese Vorliebe für Literatur?

Schlöndorff: Es war nicht nur Literatur. Schon mein zweiter Film, "Mord und Totschlag", der in München spielt, war eine skandalträchige Räuberpistole, die Furore gemacht hat. Literatur? - Da habe ich seit 50 Jahren keine schlüssigere Antwort, als dass ich gerne lese. Es kam so - man macht eine Literaturverfilmung, dann die nächste, und dann wieder eine. Es passiert gegen den eigenen Willen. Wahrscheinlich habe ich auch gemerkt, dass ich mehr Talent für Adaptionen habe, als Originaldrehbücher zu schreiben. Vielleicht bin ich ein verhinderter Schriftsteller. Aber der Gedanke, Monate oder gar Jahre einsam am Schreibtisch zu sitzen, war mir suspekt. Ich arbeite lieber im Team, mit Schauspielern und mit der Technik.

teleschau: Proben Sie viel, oder lassen Sie improvisieren? Im Film gibt es Szenen, wie man sie selten in deutschen Filmen sieht, sehr realistisch und gelassen - etwa wenn Thomas Thieme an Ursina Lardi, der Schwester der Toten, in deren Stammkneipe heranrückt und sie ihn plötzlich von sich stößt.

Schlöndorff: Ich probe lange vor Drehbeginn, bis hin zu Gesten. Es ist so eine Art Altersversicherung, damit dann am Drehort nichts Unvorhergesehenes passiert.

teleschau: Wird das dann bezahlt, man hört ja immer, Zeit und Mittel sind knapp?

Schlöndorff: Es ist so eine Art Privileg. Kein Schauspieler arbeitet aber auch nur des Geldes wegen. Alle wollen ja, dass etwas Gutes herauskommt beim Drehen.

teleschau: Man glaubt, Ihre Nähe zu den Figuren, besonders den Frauen, zu spüren. Tina Engel ist als Freundin des Kommissars in ihrer Spitzzüngigkeit, nebenbei bemerkt, überragend.

Schlöndorff: Da hat mir Margarete von Trotta, meine frühere Frau, als Vorbild gedient. Was die Nähe betrifft, so muss man sich meines Erachtens hierzulande keine Sorgen machen. Sich etwa in eine Schauspielerin zu verlieben, ist geradezu die Pflicht eines Regisseurs. Verwerflich ist es dagegen, eine Machtposition auszuüben, die gegebenenfalls Karrieren verhindern kann. So viel Macht hat bei uns kein Mensch.

teleschau: Sie leben phasenweise in Amerika, in New York. Man hätte Sie eher in Los Angeles vermutet.

Schlöndorff: Früher war ich länger da, auch zum Arbeiten. Mein jüngerer Bruder lebt dort seit 40 Jahren, ein bis zwei Monate mache ich Ferien an der Küste in der Nähe von New York, wo ich eine kleine Hütte habe.

teleschau: Ihre Anfänge als Filmemacher sind erstaunlich. Sie waren als Schüler und Student in Paris und assistierten bei Louis Malle, Resnais und Melville. Was hatten Sie damals schon für besondere Gaben?

Schlöndorff: Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Damals erschien mir das ganz normal. Im Rückblick ist das alles ein wenig anders. Jetzt, mit 78, kommt mir das alles wirklich wie ein schieres Wunder vor.

Quelle: teleschau - der mediendienst