Chris Noth

Chris Noth





Die Krimiserie als Angsttherapie

Es ist wohl der Traum von vielen "Sex and the City"-Fans, einmal den Schwarm von Carrie Bradshaw zu treffen. Und da wäre er also: Leicht übermüdet sitzt Mr. Big in einem Pariser Hotel und erklärt: Der Jetlag ist schuld. Über seine Paraderolle, möchte Chris Noth aber gar nicht reden. "Denn ich bin schon lange darüber hinweg", betont der Schauspieler. Warum die Leute immer noch Interesse daran haben, versteht er nicht, sagt er. "Wenn ich mit etwas fertig bin, dann bin ich komplett fertig damit", verkündet der 63-Jährige trocken und erklärt, dass man von Rollen eben stets nur im Moment erfüllt sei. Viel lieber spricht Chris Noth deshalb über sein aktuelles Projekt: die Rolle des FBI-Agenten Frank Novak, die er in der neuen VOX-Krimi-Serie "Gone" (ab Mittwoch, 24. Januar, 20.15 Uhr) bekleidet. Im Interview findet der Star klare Worte für rote Teppiche, spricht über seine Vatergefühle und die Ängste, die ihn plagen.

teleschau: Wir müssen Ihnen etwas petzen, Herr Noth: Ihre junge Kollegin Leven Rambin meint, Sie seien weniger der Vater-Typ, sondern viel mehr wie ein schlechter Onkel!

Chris Noth: Das mag wahr sein (lacht). Ich habe eine sehr bunte Sprache und fluche auch mal. Wir haben viel Spaß zusammen, können über die gleichen Sachen lachen. Außerdem lasse ich es mir nicht nehmen, Streiche zu spielen.

teleschau: Haben Sie sich dennoch verändert, als Sie 2008 Vater geworden sind?

Noth: Oh ja. Ich bin sehr viel ängstlicher geworden, und sobald man Vater ist, kommen viel schneller schlimme Szenarien uneingeladen in deinen Kopf. Manchmal denkst du dann: Was würde ich tun, wenn dies und jenes passiert? Diese Gedanken sind ganz normal, denke ich. Der Schutzinstinkt für dein Kind ist eben überwältigend. Das ist der Grund, warum solche fiktionalen Geschichten wie "Gone", egal ob sie auf realen Begebenheiten basieren oder nicht, so erschütternd sein können.

teleschau: Trifft eine Serie wie "Gone", die Kidnapping-Fälle behandelt, einen noch mehr, wenn man die eigenen Kinder im Kopf hat?

Noth: Ich nehme meine Arbeit zwar nie mit nach Hause, aber wenn du ein Kind hast, dann veränderst du dich und schaust anders auf die Welt. Ich bin sehr viel achtsamer und aufmerksamer geworden. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich war vor kurzem mit meinem Sohn in einem Einkaufszentrum in Los Angeles, und da war ein Mann, der mein Kind angeschaut hat. Er hat absolut nichts falsch gemacht, aber ich hatte ein komisches Gefühl.

teleschau: Also hat sich Ihr Gespür für Gefahr verändert?

Noth: Wahrscheinlich. Als Vater ist man einfach immer sehr froh, wenn man neben seinem Kind steht. Es gibt da draußen Leute, bei denen der Kopf nicht richtig angebracht ist und die gefährlich sind, aus welchen Gründen auch immer. Vielleicht sind sie einfach so geboren. Wenn man selbst Vater ist, ist das sehr beängstigend. Ich finde auch, es ist unbedingt notwendig, dass wir uns mit dem Thema Kindesentführung mehr auseinandersetzen.

teleschau: Genau das machen Sie in der neuen Serie "Gone"...

Noth: Ja, aber es gibt keinen expliziten Anlass, warum wir die Serie ausgerechnet jetzt machen. Die Drehbuchautoren haben sich diesen Stoff eben ausgedacht. Es gibt so viele Dinge, vor denen wir Angst haben müssen, da ist Kidnapping eines davon.

teleschau: Warum denken Sie, dass die Leute eine solche Serie mögen?

Noth: Ich glaube, es hat damit zu tun, dass das Publikum in allgemein eher unruhigen Zeiten dankbar ist, dass Institutionen wie das FBI sich kümmern und für Sicherheit sorgen. Ich habe bereits bei "Law and Order" einen Detektiv gespielt und gemerkt, wie stark sich die Menschen in der Grundintention der Serie, nämlich Verbrecher zu jagen und zu stellen, verbunden fühlen.

teleschau: Also sind die Detektive die eigentlichen Stars?

Noth: Genau. Diese Diener der Gesellschaft gehen raus und spüren die bösen Typen auf, denn es gibt eine ganze Menge davon. Meiner Meinung nach ist es für die Menschen tröstlich und beruhigend, dass es solche Gesetzeshüter gibt. Es ist daher faszinierend, ihnen in einer Fernsehserie über die Schulter zu blicken.

teleschau: Mussten Sie sich überhaupt noch auf die Rolle vorbereiten?

Noth: Dieses Mal bin ich sehr offen und unvoreingenommen an die Rolle herangegangen, weil ich eben schon öfter solche Charaktere gespielt habe. Aber natürlich habe auch ich schon lehrreiche Zeit mit FBI-Leuten verbracht.

teleschau: Wie wichtig ist es heutzutage, eine so starke und selbstbewusste Frau wie die taffe Kick in der Serie "Gone" zu zeigen?

Noth: Das ist essenziell, diese Lady ist immerhin wie eine tödliche Waffe. Der gefährliche Aspekt an Kick ist unglaublich cool, und jeder merkt, dass sie ernstzunehmen ist.

teleschau: Sie war als Kind selbst das Opfer einer Entführung ...

Noth: Ja. Viele Menschen, die entführt wurden, leiden später unter einem Trauma. Kick findet sich im Leben jedoch wieder zurecht, da sie physische Stärke besitzt und trainiert. Und es rundet die Serie ab, dass sie ihren jungen Kollegen, gespielt von Danny Pino, immer wieder überlistet.

teleschau: Wenn Sie eine Rolle über eine lange Zeit spielen, fällt es Ihnen anschließend schwerer, sich davon zu verabschieden - so wie bei Mr. Big in "Sex and the City"?

Noth: Nein. Wenn ich mit etwas fertig bin, dann bin ich komplett fertig damit. Bei keiner Serie, die ich gemacht habe, denke ich später noch groß an die Charaktere. Die Rolle erfüllt einen nur im Moment, wenn man sie auch spielt, danach verlässt man die Rolle einfach wieder. Deshalb kann ich es nicht nachvollziehen, warum die Leute über Serien reden, die ich vor langer Zeit einmal gemacht habe, denn ich bin schon lange darüber hinweg.

teleschau: Aber Sie bleiben nun mal besser im Gedächtnis bei den Zuschauern, je länger Sie eine Rolle verkörpern ...

Noth: Nein, überhaupt nicht. Es kommt nur darauf an, wie gut man ist, denn es passiert durchaus, dass man mit den Jahren abgestumpft und fantasielos wird in der Rolle. Oft verliert man Relevanz und Aktualität, weil man der Gewohnheit verfällt und bequem wird. Es gibt eine Menge Fallen, in die du als Schauspieler geraten kannst, wenn du etwas zu lange Zeit machst.

teleschau: Sie sind schon seit den frühen 80er-Jahren im Geschäft. Stellt sich nach so vielen Jahren eine Routine oder sogar eine gewisse Langeweile ein, wenn es darum geht, Programme zu promoten?

Noth: Von wegen! Es ist eine Herausforderung, weil man all die Jahre immer wieder die gleichen Fragen 20-mal hintereinander beantwortet (lacht). Ich erkläre nicht sehr gerne, was ich so mache. Das sollen andere Leute übernehmen. Ich bin auch kein Fan davon, zu erläutern, was eine meiner Figuren ausmacht oder wer sie so ist. Einen Charakter zu gestalten ist sehr komplex. Wie soll ich das denn in einer Minute zusammenfassen? Ich möchte nicht hochnäsig klingen, weil es viele verschiedene Arten gibt, so etwas anzugehen und sich selbst zu vermarkten. Aber ich bin nicht sehr gut darin, es fällt mir nicht leicht, so etwas zu artikulieren.

teleschau: Da Sie gerade in Europa sind: Waren Sie auch schon mal in Deutschland?

Noth: Ja, ich war in Berlin. Aber ich musste dort länger bleiben, als ich wollte. Die Stadt ist wie neu erfunden und hat eine sehr interessante Kunst-Szene. Aber statt einem weiteren Besuch in Berlin möchte ich lieber einmal ins Elsass reisen, dort soll es wunderschön sein.

teleschau: Mögen Sie die roten Teppiche überhaupt?

Noth: Wenn der rote Teppich ausgerollt wird, ist es ein Zeichen dafür, dass die Serie gut ankommt, nominiert ist oder gar du selbst nominiert bist für eine Auszeichnung. Der Nervenkitzel gefällt mir, aber manchmal ist es mir auch zu verrückt. Ich möchte darüber gar nicht so viel nachdenken. Es würde mich nicht weiter stören, in meinem Leben nie wieder auf einem roten Teppich zu stehen.

teleschau: Und trotzdem sind Sie immer wieder bei Premieren und anderen großen Anlässen zu sehen.

Noth: Ja, aber es ist willkürlich, wer da steht. Ich habe so viele gute Shows und Auftritte gesehen, von Leuten, die nicht auf dem roten Teppich stattfinden - aus politischen oder irgendwelchen anderen Gründen. Es gibt ein altes Sprichwort: Wenn du vom Niemand zum Jemand wirst, dann verdankst du es einem willkürlichen Gott.

Quelle: teleschau - der mediendienst