Beach Rats

Beach Rats





Hin- und hergerissen

Erst vor kurzem lief in den deutschen Kinos mit Woody Allens "Wonder Wheel" ein Film an, der den Zuschauer in das Vergnügungsviertel Coney Island während der 50er-Jahre entführt. Auch das Drama "Beach Rats" konzentriert sich auf die wuselige Freizeitmeile an der Südspitze Brooklyns, spielt jedoch in der Gegenwart und könnte filmisch nicht weiter von Woody Allens leuchtend bunten, nostalgisch gefärbten Impressionen entfernt sein. Independent-Regisseurin Eliza Hittman ("It Felt Like Love") bietet ihrem Publikum einen fast dokumentarisch anmutenden Blick auf das rastlose Leben eines jungen Mannes, der seine sexuelle Identität erforscht.

"Ich weiß nicht, was mir gefällt!" Gleich zu Anfang ist dieser Satz zu hören, mit dem der Protagonist sein Hadern auf den Punkt bringt. Frankie (Harris Dickinson) sitzt in dieser Szene am Computer und kommt in einem Schwulen-Chat mit älteren Männern in Kontakt, kann sich aber noch nicht zu einem Treffen durchringen. Vor seinen machohaften Freunden, mit denen er tagein, tagaus am Strand von Coney Island herumlungert, Drogen nimmt und Sport treibt, hält er seine ihm selbst noch etwas unbehaglichen Interessen geheim.

Dass er verwirrt und unsicher ist, wird umso deutlicher, als er im Anschluss an einen Partyabend eine neue Bekanntschaft mit nach Hause nimmt. Obwohl Simone (Madeline Weinstein) Frankie verführen will, zögert er und stößt sie schließlich gezielt vor den Kopf, nur um wenig später wieder ihre Nähe zu suchen. Nach dem Tod seines krebskranken Vaters verabredet sich der Jugendliche erstmals mit einem Chat-Partner zum Sex. Eine aufregende Erfahrung, die ihn jedoch nicht daran hindert, parallel mit Simone eine Beziehung einzugehen.

In ihrem zweiten Spielfilm macht sich die in Brooklyn geborene Hittman bewusst von klassischen Erzählmechanismen frei und vertraut in vielen Momenten auf die Kraft alltäglicher Beobachtungen. Selbst ein einschneidendes Ereignis wie das Ableben von Frankies Vater wird nicht melodramatisch ausgeschlachtet, sondern recht unaufgeregt vermittelt. Kalt lässt einen der Kampf, den die Hauptfigur mit sich und ihren Sehnsüchten austrägt, deshalb aber nicht. Was vor allem dem ausdrucksstarken Spiel von Hauptdarsteller Harris Dickinson und der eindringlichen Bildgestaltung von Hélène Louvart zu verdanken ist.

Nur selten gewährt "Beach Rats" einen größeren Überblick. Meistens verfolgt die Kamera Frankies Erlebnisse aus nächster Nähe und lässt den Zuschauer so direkt und unverstellt an seinen Zweifeln, Ängsten, seiner Neugier und seiner Selbstverleugnung teilhaben. Feinfühlig und poetisch sind besonders die Sexszenen, in denen die Regisseurin Aufregung und Leidenschaft gleichermaßen behutsam einfängt.

Wenngleich sich der Film auf Frankie und seine Zerrissenheit fokussiert, stechen auch andere Dinge positiv hervor. Etwa die erfrischend natürliche Zeichnung seiner Mutter (Kate Hodge), die sich ehrlich darum bemüht, einen Draht zu ihrem Sohn und seinen Emotionen zu finden. Spannend ist auch, dass Hittman immer wieder im Vorbeigehen die sozialen Probleme ihres Handlungsortes thematisiert und damit ein Bewusstsein für die schwierigen Perspektiven der porträtierten Teenager schafft. Ihr Driften durch den Tag und ihr regelmäßiger Drogenkonsum sind nicht zuletzt Ausdruck des Gefühls, am Rande zu stehen. Erfreulicherweise weigert sich das authentische, ungekünstelte Coming-of-Age-Drama am Ende, konkrete Auflösungen zu geben, und lässt den Betrachter stattdessen mit Frankies innerem Aufruhr zurück.

Quelle: teleschau - der mediendienst