Heiner Lauterbach

Heiner Lauterbach





Sympathien für den Sozialismus

Im April wird Heiner Lauterbach 65 Jahre alt. Damit gehört der Schauspieler zur Minderheit jener Deutschen, die sich sowohl an den Bau der Mauer wie ihren Fall erinnern können. Die Fortsetzungen des im Januar 2015 gesendeten Erfolgs-Dreiteilers "Tannbach - Schicksal eines Dorfes" (ab Montag, 8. Januar, 20.15 Uhr, ZDF) erzählen von der deutschen Teilung der Jahre 1960 bis 1968. Wie unterm Brennglas spiegelt sich im Dorf Tannbach, das von Russen und Amerikanern nach Ende des Zweiten Weltkriegs getrennt wurde, eine zunehmende Entfremdung der Ost- und Westdeutschen wider. Der 1953 in Köln geborene Heiner Lauterbach über eigene und fremde DDR-Bilder jener Zeit. Auch die "freie" Gesellschaft der frühen BRD kriegt ihr Fett weg - ebenso wie eine "oligarchische" Gegenwart.

teleschau: Die ersten "Tannbach"-Filme sahen um die sechseinhalb Millionen Zuschauer. Was hat die Leute an dem Stoff so elektrisiert?

Heiner Lauterbach: Es ist ein Stück deutscher Geschichte, das wir da ruhig erzählen. Fast jeder ab einem gewissen Alter kennt jemanden, der auf der anderen Seite der Mauer lebte. Mit "Tannbach" arbeitet jeder auch ein Stück seiner persönlichen "Teilung" auf.

teleschau: Beim Dreh arbeiteten Sie mit vielen jüngeren Kollegen, die keine Erinnerungen mehr an die deutsche Teilung haben. Inwieweit unterscheidet uns diese Erinnerung?

Lauterbach: Ich glaube nicht, dass Schauspieler eine Rolle besser spielen, nur weil sie sich an ein historisches Ereignis erinnern können. Lebenserfahrung hilft beim Schauspiel - das ist richtig. Man muss jedoch keinen umbringen, um überzeugend einen Mörder zu verkörpern. Ebenso muss man die deutsche Teilung nicht selbst erlebt haben, um die damit zusammenhängenden Schicksale spielen zu können.

teleschau: Welche Erinnerungen haben Sie selbst an die deutsche Teilung?

Lauterbach: Ich war acht Jahre alt, als die Mauer gebaut wurde. Und ich lebte in Köln, also ziemlich weit weg von der Grenze. Es war eine eher abstrakte Sache - und ich noch sehr jung. Ich glaube nicht, dass mich der Mauerbau stark beschäftigte.

teleschau: Welches Bild hatten Sie damals von der DDR?

Lauterbach: Als Kind übernimmt man die Bilder, die einem gezeichnet werden. Im Grunde gab es im Westen damals drei Ausführungen. Für die einen war die DDR ein schlechter Witz, vor allem, weil sich dieser Staat "demokratisch" nannte. Diese Leute sagten "Ostzone" - und sie hassten alles, was damit zusammenhing. Eine zweite Gruppe hatte Mitleid. Für sie waren DDR-Bürger arme Leute, die von einer Diktatur in die nächste geschlittert waren. Eine dritte, links eingestellte Klientel von Bundesbürgern empfand die DDR als den besseren deutschen Staat: eine solidarische Gemeinschaft mit Volkswirtschaft. Als Idee hatte das ja auch was.

teleschau: Welcher Gruppe gehörten Sie an?

Lauterbach: Keiner so richtig. Mein Vater war Unternehmer. In meinem Elternhaus stand man den Ideen und Idealen der DDR, wie man sich denken kann, eher kritisch gegenüber. Andererseits hat mich mein Vater auch mal eingepackt und wir fuhren über die Grenze nach Dresden, wo wir Leute besucht haben. Er wollte, dass ich mir das mal angucke. Als ich älter wurde, bildete ich mir dann eine eigene Meinung.

teleschau: Und wie sah die aus?

Lauterbach: Ich war nie Kommunist - aber auch nicht in einer anderen Partei zu Hause. Jede Partei, jedes politische Lage verfolgt einzelne Ziele und Ideen, die ich unterstütze. Und andere, die ich ablehne.

teleschau: Faszinierte Sie in Ihrer Jugend etwas an der DDR?

Lauterbach: Faszinierend war und ist der Grundgedanke des Kommunismus: Gleichheit und Solidarität. Es gibt ja dieses Zitat von Churchill, das da heißt: "Wer in seiner Jugend kein Kommunist war, hat kein Herz." Das Zitat geht allerdings noch weiter: "Wer als Erwachsener immer noch Kommunist ist, besitzt keinen Verstand" - was den ersten Satz allerdings nicht revidiert. Ich fand den Kommunismus immer faszinierend. Er ist als Idee sogar wunderschön. Vor allem, wenn man ihn gegen die heutige Oligarchie stellt. Mittlerweile gehört wenigen fast alles - grauenhaft! Kein Mensch auf dieser Erde braucht eine Milliarde Euro oder gar ein Vielfaches davon. Es macht mich sehr wütend, wie ungerecht das Geld und damit die Möglichkeiten der Menschen auf der Welt verteilt sind.

teleschau: Was wäre für Sie eine ideale Gesellschaftsform?

Lauterbach: Für die Menschen wäre vielleicht eine Diktatur mit einem extrem humanen, weisen Diktator am besten (lacht). Doch diese Leute sind schwer zu finden. Unsere Demokratie mit der sozialen Marktwirtschaft ist daher wohl die beste, realistisch umsetzbare Staatsform. Sie müsste jedoch stärker darauf achten, dass nicht wenige Menschen Unsummen verdienen, während ein Großteil der Menschen ausgebeutet wird.

teleschau: Die neuen "Tannbach"-Filme erzählen von den 60er-Jahren. Als Westdeutscher wähnte man sich damals in einer freien Gesellschaft lebend. Tatsächlich ging es aber ziemlich autoritär zu, was auch im Film thematisiert wird. Welche Erinnerung haben Sie an den Zeitgeist von damals?

Lauterbach: Man merkte schon, dass man als junger, freiheitsliebender Mensch schnell an seine Grenzen geriet. An allen Schulen, die ich besuchte, wurde man von den Lehrern körperlich gezüchtigt. Jegliche Sexualität war verpönt, es war eine ungeheuer prüde Zeit. Und eine sehr autoritäre, da haben Sie recht. Es ist ja auch kein Wunder. Fast alle Nazis, die vorher die Gesellschaft geschmissen haben, kamen zurück in ihre Ämter. Nur, dass ihrem Wesen nun ein anderes System übergestülpt wurde. Das Gleiche galt übrigens für die DDR. Auch hier holte man die Nazis zurück ins Boot, weil einem nichts anderes übrig blieb. Man konnte ja jene Menschen, die im alten System lebten, nach dessen Abschaffung nicht einfach ausradieren und neu erfinden.

teleschau: Machte Sie das Klima damals wütend?

Lauterbach: Man musste als jemand, der jung war und anders dachte, mit den Altvorderen leben. Sie hatten das Sagen in dieser Gesellschaft - und sie waren eben ziemlich autoritär und streng. Nun ist es kein alleiniges Merkmal der Nazis, dass sie ihre Kinder schlagen. Das machen andere auch. Aber es gab schon wenig Spielraum für Menschen, die eine andere Idee vom Leben hatten. Klar, diese Leute sorgten auch für das Wirtschaftswunder, von dem wir alle profitierten. Aber es gab auch viele Verlierer in dem System - zum Beispiel die Frauen.

teleschau: Was meinen Sie genau?

Lauterbach: Ich bin nun nicht gerade als Frauenversteher bekannt, aber die Lebensrealität war schon sehr eingeschränkt, wenn man in dieser alten Bundesrepublik weiblich war. Frauen hatten sich dem Mann total unterzuordnen, sie besaßen kaum gesellschaftliche Rechte. Man kann es gut an meiner Figur in "Tannbach" sehen. Da mache ich mit meinen Frauen, was ich will - und finde das ganz normal. Damals entschieden die Männer, was ihre Frauen zu tun hatten. Ob sie, was selten genug war, arbeiten gehen durften und welche Jobs angemessen für sie waren. Und natürlich, wer in der Beziehung welche Aufgaben übernahm. Heute käme man für eine solche Haltung ins Gefängnis. Nun ja, vielleicht bliebe man auf Bewährung draußen ... (lacht)

teleschau: Es heißt, "Tannbach" würde mit einer dritten Film-Trilogie zu Ende gehen, die dann vom Mauerfall erzählt. Wie realistisch ist das?

Lauterbach: Gabriela Sperl, die Produzentin der Filme, erzählte mir bereits vor dem Dreh der ersten Staffel, dass genau das die Vision sei: dreimal drei Filme - und die letzten erzählten vom Mauerfall. Natürlich wusste sie damals selbst nicht, ob diese Vision realistisch ist. Wie überall im Fernsehen ist der Mammon Einschaltquote entscheidend, ob ein Projekt weitergeführt wird oder nicht. Nun stehen die Chancen nicht schlecht, dass es so kommt. Aber natürlich müsste die zweite Staffel auch einigermaßen gut laufen.

teleschau: Werden Sie - also Ihre Rolle - das Ende der deutschen Teilung erleben?

Lauterbach: Ich würde es wohl erleben, müsste dann aber wohl täglich fünf Stunden lang in der Altersmaske sitzen. Der Graf, den ich spiele, wäre zum Mauerfall älter als 90 Jahre. Aber - er bekäme sein Gut zurück. Das setzt ja vielleicht noch mal letzte Kräfte frei (lacht).

Quelle: teleschau - der mediendienst