Luke Mockridge

Luke Mockridge





"Wir Millennials sind chronisch unzufrieden"

Nicht nur das "Star Wars"-Universum ist ohne Luke undenkbar, sondern auch jenes des Privatsenders SAT.1. Der Comedian Luke Mockridge ist inzwischen eines der prägenden Sendergesichter: "LUKE! Die Woche und ich", "LUKE! Die 90er und ich", "LUKE! Die Schule und ich" - 2017 kam man auf SAT.1 an dem Kölner Entertainer kaum vorbei. Das Medienmagazin DWDL wählte ihn zu einem der Medienmenschen des Jahres, es gab zwei Comedypreise, ausverkaufte Arenen und Primetime-Einschaltquoten um die 15 Prozent. Ein Erfolgsjahr, auf das der 28-Jährige für SAT.1 auch 2017 wieder zurückblickt. Ein Gespräch über "LUKE! Das Jahr und ich" (Freitag, 22. Dezember, 20.15 Uhr), Humor ohne Nach-Unten-Treten und die Unzufriedenheit der Millennials.

teleschau: Auf SAT.1 moderieren Sie in diesem Jahr erneut den Jahresrückblick. Wie verlief denn das Jahr 2017 für Sie?

Luke Mockridge: Mein Jahr war tatsächlich sehr aufregend, es sind viele Sachen passiert. Meine neue Soloshow "Lucky Man" wurde geschrieben und gespielt. Ich bin jemand, der Stand-up-Comedy kaum am Schreibtisch schreiben kann - deshalb spielte ich Anfang des Jahres ausschließlich in kleinen Theatern vor 200, 300 Leuten. Dort probte und baute ich meine große Arena-Show.

teleschau: Wie unterscheiden sich die kleinen Städte von den großen Bühnen?

Mockridge: Beides hat seinen Reiz. Das eine ist sehr nah, sehr direkt, sehr freizügig. Ich kann Dinge freier entwickeln und improvisiere viel. Es ist eine Erfahrung, wenn man sich vor 100 Leuten zehn Minuten in ein Thema verrennt und merkt, dass damit eigentlich niemand was anfangen kann (lacht). Ein wahnsinnig schöner kreativer Prozess, der darin mündete, dass wir von April bis Oktober auf Arenen-Tour waren. In der Arena ist es natürlich sehr durchgetaktet, mit 30 Leuten im Team, mehr Show als Kunstabend.

teleschau: Klingt nach einem anstrengenden Jahr ...

Mockridge: Insgesamt waren es 108 Termine, ich habe mehr Nächte im Hotel verbracht als zu Hause. Danach war ich ziemlich durchgetourt und müde, sodass ich froh war, jetzt wieder in Köln meine Show produzieren zu können. Ich bewegte mich in diesem Jahr also vor allem zwischen Arena und Studio - sonst bekam ich von 2017 nicht viel mit. Deshalb freue ich mich jetzt auch auf Weihnachten - und dass ich bei meinen Eltern in Bonn den Kühlschrank leer essen kann (lacht).

teleschau: Das passt auch zu Ihrem aktuellen Programm, das sich mit dem Leben als Millennial befasst ...

Mockridge: Im letzten Programm feierte ich ja die 90er-Jahre - danach ging ich ein wenig auf Selbstfindung. Was bedeutet es eigentlich, ein Mittzwanziger der Generation Y zu sein? Wenn wir jetzt schon Nostalgiegefühle haben - heißt das, dass wir mit der Gegenwart unzufrieden sind? Allein die Vielfalt an Optionen: Für einen Menschen in meinem Alter ist ja von Backpacken in Bali bis Gründung eines Start-ups alles möglich. Das bringt viel Verantwortung und Druck mit sich - gerade weil alles auf Instagram noch so präsentiert werden muss, dass alle denken: Boah, was hat der für ein geiles Leben! In diese Wunde wollte ich den Finger legen, wollte aufzeigen, dass wir als Generation auch viele Probleme haben.

teleschau: Als Vertreter dieser Generation sind Sie als Gesicht von SAT.1 auf dem Erfolgsweg. Wie gehen Sie als Millennial mit dem Erfolg im klassischen Medium Fernsehen um?

Mockridge: Viele jagen den Erfolg und den Ruhm - und verkrampfen dadurch in dem, was sie tun. Ich habe eigentlich nur großes Interesse daran, Leute zu unterhalten. Dass man dadurch Erfolg hat und von einem Sender aufgeschnappt wird, Sendergesicht wird, ist für mich tatsächlich eher Nebenwirkung. Ich arbeite mit Stolz - aber geplant ist da nichts. Dennoch stelle ich auch als Millennial fest, dass wir chronisch unzufrieden sind.

teleschau: Inwiefern merken Sie das bei sich selbst?

Mockridge: Gerade wenn ich irgendwo in der Pampa sitze und einen anstrengenden Drehtag habe, denke ich an Instagram und irgendwelche vermeintlich talentfreien Social-Media-Girls, die an einem Strand in Bali hocken und irgendwas von "#travelandwork" schreiben und das noch bezahlt bekommen. Das Gras auf der anderen Seite ist für uns Millennials immer grüner.

teleschau: Woran könnte das liegen?

Mockridge: Daran, dass wir uns immer vergleichen und inszenieren. Wir posten immer das bestmögliche Leben. Damit verwässern wir unsere Authentizität.

teleschau: Trotz der nabelschaufixierten Generation Y: Ist Ihr Jahresrückblick auch Millennial-geeignet?

Mockridge: Im Jahresrückblick wird es vor allem um die Ereignisse des Jahres gehen, also um Trump, Brexit und den Videoschiedsrichter. Es wird quasi eine "LUKE! Die Woche und ich"-Sendung auf das Jahr gemünzt. Eine bunte, lustige Unterhaltungsshow, die das Jahr aber vielleicht in ein anderes Licht rückt.

teleschau: Was ist damit gemeint?

Mockridge: Ich bin kein Fan davon, den Teufel an die Wand zu malen. Zu sagen, die Welt wird immer schlechter, es ist alles schrecklich, Terror, Krieg, AfD. Ich bin überzeugt, dass die Welt und die Menschen von Tag zu Tag immer besser werden. Wir fokussieren uns immer nur auf die schlechten Sachen, medial ist Dramatisches interessanter. Ich versuche lieber, einen rosigeren Blick auf das Jahr zu werfen.

teleschau: Wie bereitet man eine comedyzentrierte Jahressendung angesichts der schlimmen Ereignisse des Jahres denn vor?

Mockridge: Es gibt verschiedene Formen - von der Studioband Heavytones bis zu kleinen Einspielern, die das Jahr Monat für Monat zusammenfassen. Wir haben Stand-up-Strecken, wir haben Gäste. Dann schauen wir auf jede Schlagzeile - das kann klein und dusselig sein, wie der Taxifahrer, der um 18.000 Euro geprellt wurde. Man kann aber etwa auch Trump musikalisch bearbeiten. Jedes Thema wird wie ein Spielzeug von allen Seiten betrachtet, und dann platziert man es mit eigenem Spin.

teleschau: Lassen Sie in Zeiten von Terror, AfD und #MeToo besondere Vorsicht walten?

Mockridge: Man muss immer schauen, über wen man sich lustig macht. Jedes Thema, auch Terror, kann und sollte man bearbeiten. Je heikler, desto wichtiger. Man darf sich natürlich nicht über Frauen lustig machen, die sexuell belästigt wurden - das ist falsch. Aber bei jeder Schlagzeile gibt es eine Nahtstelle, aus der man die Komik generieren kann, ohne nach unten zu treten, ohne jemanden zu beleidigen, der darunter gelitten hat.

teleschau: Ist es ein Grundsatz Ihres Humor-Schaffens, eher nach oben zu treten? Mancher Ihrer Kollegen nimmt sich ja doch eher Schwächere zum Opfer ...

Mockridge: So dogmatisch kann man das gar nicht sehen. Ich weiß natürlich, was gemeint ist - Kollegen, die nach links, rechts und unten treten - und sagen: Kann man doch machen. Das ist dann eben nicht mein Humor. Wenn sich das Leute im Fernsehen anschauen und dafür Geld ausgeben, hat das seine Daseinsberechtigung. Wer bin ich, darüber zu urteilen, dass das nicht geht? Ich fungiere in meinem eigenen Kodex, meinem eigenen Wertesystem. Manchmal gehe ich auch bewusst drüber, lote das aus. Da merke ich manchmal, dass ich zu weit gegangen bin. Das muss immer wieder aufs Neue ergründet werden.

teleschau: Im Jahresrückblick diskutieren Sie auch mit Kindern über das Geschehene. Ist das leichter oder schwerer als mit Erwachsenen?

Mockridge: In der Redaktion stellten wir fest, dass die klassischen Talkshows mit Politikern nie zielführend sind. Es gibt ein Thema und verschiedene Standpunkte. Dann brüllt man sich an, aber es rückt keiner ab. Daher kam die Idee der politischen Talkshow mit Kindern. Kinder haben keinen Plan B, keine unterschwellige Masche, keine Hinterhältigkeiten. Sie sind ehrlich und unreflektiert. Sie tun ihre Meinung einfach kund.

teleschau: Können Sie ein Beispiel nennen?

Mockridge: Wenn man mit vier Kindern über Flüchtlinge redet, bekommt man faszinierende Antworten. Manchmal sprechen dann auch die Eltern aus ihnen, manchmal ist es auch banal und sehr wahr. Wenn ein Sechsjähriger sagt, er teile ja im Kindergarten auch die Schaufel mit anderen, scheint dieses Bild in seiner Einfachheit genau richtig. Auch Ehe für alle war ein super Thema. Da zeigt man ein Foto mit zwei knutschenden Jungs. Erstmal sagen manche "Bäh" - aber im Gespräch kommt raus, dass sie auch finden, Liebe ist für alle da.

teleschau: Wie ist das bei den Millennials? Das Klischee lautet ja, Ihre Generation sei unpolitisch wie nie ...

Mockridge: Ich selbst war in meiner Jugend sehr unpolitisch und desinteressiert. Weil ja alles funktioniert hat: Merkel war Kanzlerin, und uns ging es gut. Vor allem durch Social Media habe ich heute das Gefühl, dass die jungen Menschen ihre Meinung eher kundtun. Weil sie wieder etwas wert ist: Wenn ich kommentiere, passiert etwas. Ich kann mit meinen Worten Einfluss auf mein Umfeld nehmen. Das führt natürlich auch zu Mobbing im Netz und zu Leuten, die sich anonym im Internet ankacken.

teleschau: Machen Sie sich mit Ihrer enormen Reichweite und Ihrem Einfluss auf das Publikum eigentlich mehr Gedanken um inhaltliche Aussagen?

Mockridge: Darüber denke ich natürlich nach. Kann ich meine Popularität nutzen, um was Gutes zu tun? Andererseits finde ich es auch immer krampfig, wenn Leute Videos mit Schwarz-Weiß-Filter aufnehmen, in denen 19-jährige Rockbands darüber reden, dass im Regenwald die Bäume abgeholzt werden. Jeder muss für sich etwas tun - ob nun ich mit meiner Reichweite, oder der Junge von nebenan.

teleschau: Was konkret tun Sie?

Mockridge: Ich habe etwa eine Green Guestlist - die Gäste auf Tour sollen dann spenden, etwa für Viva Con Agua, die sauberes Trinkwasser als Menschenrecht durchsetzen wollen. Es geht aber auch darum, beispielsweise in Sachen AfD aufzuklären - junge Menschen, die vielleicht von ihren Eltern gefärbt sind, mit auf eine Reise zu nehmen, zu sagen: "Schau da mal genauer hin!" Ohne mit dem Zeigefinger zu agieren, das wäre zu vermessen. Und nur wenn ich diese Statements tragen kann, mich nicht verhebe, indem ich das große Ganze angreife.

Quelle: teleschau - der mediendienst